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Achtung Preußen - Danke Berlin

200 Jahre Preußen am Rhein

Themen-Karte zur Eröffnung des Projekts "Danke Berlin - 200 Jahre Preußen am Rhein Foto: LVR
Blick von der Löwenburg. Hier befand sich ein Trigometrischer Vermessungspunkt (Im Foto vorne links). Foto:Axel Thünker
Symbolische Werkzeuge des Königs Friedrich Wilhelm iV. für den Weiterbau des Kölner Domes am 4. Sept.1842, Foto:Rheintal.de
Ferdinand Mühlens posiert mit einer Flasche "4711", der Büste Bismarcks und der Zeitung "Echo des Siebengebirges. Repro:Rheintal.de
Blick vom Drachenfels auf das linke Rheinufer mit Verkehrsmittel wie Segelboote, Floß auf dem Rhein und Eisenbahn vor der Godesburg. Repro:Rheintal.de
Mitglieder des Ausstellungs-Teams "Preußenadler am Rhein": Prof.Dr. Günter Horn, Gesamt-Projektleiter, Dr.Martin Stankowski, Historiker u. Journalist, Elmar Scheuren, Leiter Siebengebirgsmuseum, Ulrich Berres, Kulturamt Königswinter. Foto: Rheintal.de

Auf dem Wiener Kongress (1814-1815), der nach der militärischen Niederlage Napoleons eine dauerhafte europäische Friedensordnung zu schaffen suchte, wurden dem Staat Preußen relativ heterogene Territorien im Westen des ehemaligen Reiches als Herrschaftsgebiet übertragen. Damit erweiterte sich das schon vor der Französischen Revolution bestehende preußische Herrschaftsgebiet im Westen ganz erheblich. Diese Verschiebung der preußischen Machtsphäre nach Westen ist vom Historiker Thomas Nipperdey zutreffend als „eine der fundamentalen Tat­sachen der deutschen Geschichte, eine der Grundlagen der Reichsgründung von 1866/1871“ bezeichnet worden.

Noch von Wien aus erließ der preu­ßische König Friedrich Wilhelm III. am 5. April 1815 entsprechende „Besitz­ergreifungspatente“ sowie einen Aufruf „An die Einwohner der mit der preu­ßischen Monarchie vereinigten Rheinländer“.

Der König versprach seinen neuen Untertanen mit durchaus moderaten Worten eine gerechte Verwaltung, den Schutz des Glaubens, Bildungseinrichtungen, wirtschaftliche Wohlfahrt und geringe Steuern und Militärlasten. Zudem kündigte er die „Bildung einer Repräsentation“ an, durch die sie an politischen Entscheidungen beteiligt werden würden. An diesem Herrschafts­programm mussten sich in den folgenden Jahrzehnten die preußischen Herrscher durch die Rheinländer messen lassen und manche sich in diesem Zeitraum ergebenden Probleme lassen sich auch aus erheblichen Diskrepanzen zu diesem frühen Regierungsprogramm ableiten.

Im Gesamtverband des preußischen Staates nahm das Gebiet des Rheinlandes, für das sich ab etwa 1830 der Begriff „Rheinprovinz“ einbürgerte, in verschiedener Hinsicht eine Sonderstellung ein. Schon die fast doppelt so hohe Bevölkerungsdichte gegenüber den mei­sten östlichen Provinzen und die wesentlich andere und fortschritt­li­chere Wirtschaftsstruktur am Rhein machten erhebliche Unterschiede aus – dieser Modernitätsvorsprung vor dem übrigen Deutschland ging auf die Zeit der französischen Besatzung seit 1794 bzw. auf die Zeit des (linksrheinischen) Rheinlandes als Teil des französischen Staates seit 1801 zurück.

Preußen war hier am Rhein die schwierige Aufgabe gestellt, diese im Verwaltungsaufbau, im Wirtschaftsleben, im rechtlichen Standard, im kulturellen Gesamthabitus fortgeschrittenen Gebiete mit einer überwiegend katholischen Bevölkerung in ein monarchistisch geprägtes Staatsganzes zu integrieren, das auf einer ständischen Ordnung, einer überwiegend agrarischen Wirtschaftsstruktur und der protestantischen Religion basierte.

Unser heutiger „Rheinland“-Begriff geht auf die preußische Zeit zurück: Es war Preußen, das nach der „Besitz­ergreifung“ der Rheinlande 1815 wesentliches dazu beitrug, dass sich in der sich im 19. Jahrhundert durchsetzenden Gleichsetzung von „Rheinland“ und „Rheinprovinz“, also von Landschaftsnamen und Verwaltungsbezirk, erstmals ein einheitlicher Rheinland-Begriff herausbildete, der dann letztlich bis heute nachhaltig gewirkt hat.  Besonders die rheinischen Erfahrungen des 19. Jahrhunderts – stichpunktartig seien nur genannt die ästhetisch-literarische Entdeckung der Rheinlandschaft, die teilweise hoch­emotional geführten Konflikte mit den Preußen auf rechtlichem und konfes­sionellem Gebiet, das sich langsam entwickelnde Bewusstsein einer gemeinsamen, auf die Römerzeit zurückgehenden Geschichte und die Entstehung von gemeinsamen Institutionen wie beispielsweise dem 1824 geschaffenen Provinziallandtag – führten letztlich zu einem Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich in dem einheitlich gemeinten, gleichwohl Binnendifferenzierungen nicht ausschließenden Begriff „Rheinland“ verdichtete.

Die „Preußenzeit“ am Rhein war über viele Jahre und Jahrzehnte durchaus ein schwieriges Gebiet der historischen Selbstwahrnehmung bei den Rheinländerinnen und Rheinländern. Heute herrscht eher pragmatische Gelassenheit und gesteigertes Interesse an dieser historischen Epoche vor. Nicht nur in der historischen und landeskund­lichen Forschung, auch in der alltäg­lichen Wahrnehmung hat das Thema „Preußen“ seine Brisanz und die negative Konnotation weitgehend eingebüßt (wiewohl man diese immer wieder instrumentalisieren kann). Ähnlich wie bei der Neubewertung der „Franzosenzeit“, also der Zeit der französischen Herrschaft am Rhein zwischen 1794 und 1814, die heute nicht mehr vornehmlich als „Fremdherrschaft“ gesehen wir, sondern eher als Transformationsphase in die Moderne, wird heute die preußische Zeit durchaus auch als dynamische und produktive Entwicklungsphase gesehen, in der viele Strukturen, Institutionen und Entwicklungen sowie mentale Dispo­sitionen am Rhein ihren Anfang hatten – mit Wirkungen bis in unsere Gegenwart.Vor einiger Zeit zog der sich bewusst als Rheinländer verstehende Historiker Franz-Josef Heyen folgende Bilanz zum Thema „Preußen und die Rheinlande“: „Der Weg der Distanzierung bis hin zur Abkehr, den wir nach 1945 überwiegend gegangen sind, war vielleicht unvermeidbar. Inzwischen haben wir aber erkannt und gelernt, auch diese preußische Zeit als wichtige, fruchtbare Zeit unserer reichen rheinischen Geschichte positiver und dankbar zu sehen“. 

Text: Georg Mölich Quelle: Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz