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Rheinwanderung 1.Tag /15.02.2006

von Rodenkirchen nach Wesseling

Clemens Hillebrand - 1.Tag / 15.02.2006
Clemens Hillebrand - 1.Tag / 15.02.2006
Clemens Hillebrand - 1.Tag / 15.02.2006
Clemens Hillebrand - 1.Tag / 15.02.2006
Clemens Hillebrand - 1.Tag / 15.02.2006
Clemens Hillebrand - 1.Tag / 15.02.2006
Clemens Hillebrand - 1.Tag / 15.02.2006
Clemens Hillebrand - 1.Tag / 15.02.2006

Ich ging bei strömendem Regen unten über den Leinpfad durch die Uferwiesen von Rodenkirchen an Rheinkilometer 682 vorbei.
Unser, von wildem Wein, Efeu und einer Glycinie bewachsenes Haus mit meiner Werkstatt im Garten, befindet sich ungefähr bei 682/4.
Die nette Frau vom Büromaschinen- und Schreibwarengeschäft mit dem kleinen Hund grüßte mich und sagte: “Wenn Sie schon so ‚weit’ gehen, könnten Sie eigentlich ihren Hund mitnehmen.“ Ich war zu sehr in Gedanken und momentan wenig schlagfertig und stimmte ihr einfach zu.

Ich dachte an meine bevorstehende lange Reise und meinte zu spüren, dass auf diesem Weg, den ich hunderte Mal gegangen oder gejoggt bin, heute, da er nun Teil dieser großen Reise ist, alles anders war.
Der Leinpfad führt nach ca. zwei Kilometern an einem, jetzt im Winter fast leeren Campingplatz vorbei. Die Weiden und Pappeln am Ufer sind stark beschnitten worden. Ich ärgerte mich, dass ich gerade heute bei diesem Dauerregen ging, konnte mir aber aufgrund einer Malereiarbeit an der Wand der nördlichen Querhausapsis in St. Pantaleon, der ältesten der romanischen Kirchen in Köln, erst einmal nur diesen Tag dafür frei nehmen.

Es kostete mich etwas Überwindung, unterm Regenschirm (ein besonders schönes Exemplar, mit Blick in eine aufgedruckte Kuppel) diese erste Skizze bei Rheinkilometer 680 zu zeichnen.
Prompt schnüffelte ein großer gelber Hund an meinem Bein und die dazugehörige rote Frau wunderte sich wahrscheinlich, wieso ich ausgerechnet im Regen zeichnete.

Weiter gehe ich durchs „Wäldchen“. Hier ist Gebiet, das ich seit meiner Kindheit kenne. Hier hab ich mich verkrochen, wenn ich Schule geschwänzt oder Liebeskummer hatte.
Hier hab ich viel gezeichnet und auch mit der Staffelei mitten im Pappelwald Ölbilder gemalt.
Bei Rheinkilometer 679 nahm ich mir die Zeit, wieder unterm Schirm zeichnend, das dort stehende Wegkreuz etwas genauer zu betrachten.
Ich hatte die falschen Schuhe an, - die hier waren schon völlig durchnässt, wie meine Schultern, Rücken und Beine. Ich fror. Weiter gehe ich, der Leinpfad schlängelt sich nass glänzend vor mir. Trotz der Kälte und Feuchtigkeit befinde ich mich in einer Art euphorischem Zustand.

Ein Lied von ‚Bilbo Beutlin’ aus einem von JRR Tolkins Büchern fällt mir ein:
Die Straße gleitet fort und fort,
Weg von der Tür, wo sie begann,
Weit überland, von Ort zu Ort,
Ich folge ihr, so gut ich kann,
Ihr lauf ich raschen Fußes nach,
Bis sie sich groß und breit verflicht
Mit Weg und Wagnis tausendfach,
Und wohin dann? ich weiß es nicht.

Als guten Platz zum Zeichnen freue ich mich in meiner Vorstellung, bei diesem Dauerregen, während sich der Wald lichtet und die ersten Weißer Kuhwiesen, - hier grasen fast nur noch Pferde -, sichtbar werden, auf das zur Rheinseite herausragende Dach der Weisser Kirche.
Ich gehe an dem Liegeplatz der „Silveren Welt“, wo auch die kleine Fähre ‚Krokodil’ und die größere Fähre’ Vasudeva’ liegen, vorbei und schaue nochmal nach dem kleinen Weißer Kapellchen.
Ein schöner Standort, aber leider kann man wegen des Eisengitters nicht hineingehen, also kein Schutz vor Regen, kein Platz zum Zeichnen.

Weiter bis Weiß. Rechts über mir ahne ich die schön ausgemalte große Weißer Kapelle. Ein Besuch lohnt sich immer. aber ich kenne sie so gut, von Beerdigungen, Hochzeiten und anderen Anlässen, dass ich sie einfach rechts liegen lasse.

Ich steige die Treppe zur Kirche St.Georg (Rheinkilometer ca.676) hoch, packe meine Thermoskanne mit dem heißen Tee aus, trinke dankbar einen Schluck und beginne mit Kuli zu zeichnen.

Leider ist auch hier der durch den von vorne kommenden Wind hereingewehte Regen so stark, dass der Kuli erst verwischt und dann als Zeichenstift nicht mehr funktioniert. Also mache ich mit Bleistift weiter.
Es sind tatsächlich bei diesem Wetter Ruderer rheinauf unterwegs. Die Pfeiler, die das Kirchendach tragen, scheinen frisch renoviert. In meiner Kinderzeit waren sie von Polyfernum, in dem das ganze Jahr über Heerscharen von Spatzen sangen, bis zum Dach hin bewachsen.

Mit meinem besten Jugendfreund Peter machte ich mal die Dummheit in Form und Gestalt eines Feuerchens auf dem steilen Hang vor der Kirche, direkt unter einem der damals bewachsenen Pfeiler. Bevor Gottseidank etwas passieren konnte, kam wutschnaubend unser Pfarrer Rolland - Gott habe ihn seelig - aus der Kirche gestürzt, trat das Feuerchen aus und verfolgte uns, um uns, wie es damals üblich war, eine ordentliche Tracht Prügel zu verpassen. Mich fand er nicht. Ich versteckte mich unter der Steinbank in Böhm’s Garten. Die Bank sah ich heute, aber all das früher so dichte Gestrüpp fehlte auch hier.
Heute könnte sich keiner mehr darunter verstecken. Rechts über der steil aufragenden Uferböschung sehe ich dann weitergehend mein Elternhaus, wo ich, wenn jetzt 10.00 Uhr wäre, also Kaffeezeit, gerne mit meinen Eltern ein Tässchen getrunken hätte.

Weiter dann auf dem Leinpfad mit weitem Blick rheinauf bis Godorf und Wesseling. Der Blick zurück beschränkt sich durch den stark knickenden Rheinbogen. Hier, immer noch bei ca. Rheinkilometer 676, immer noch durchnässt und ziemlich verfroren, zeichne ich im bunt bemalten ‚Altmännerhäuschen’.
Die Ruderer von eben kamen jetzt stromab. Ich freute mich auf ausführlichere Skizzen bei besserem Wetter und wanderte weiter.
‚Das muss ein schlechter Clemens sein,
dem niemals fiel das Wandern ein,
das Wandern, das Wandern......’
Ich ging schneller weiter, um mich aufzuwärmen.
Völlig durchnässt näherte ich mich Sürth, um von weitem freudig festzustellen, dass das ‚Bootshaus Sürth’ geöffnet hatte. (Rheinkilometer 675) Drinnen bestellte ich erstmal einen Grog auf Rum-Basis, und etwas zu essen. Bis es kam, und danach beim ‚Capuccino’, zeichnete ich, endlich warm sitzend, auf die im Unwetter da draussen am Anlieger festgemachten Boote und Jachten. Als dann die hübsche Frau, die mir zuerst den Grog auf Rum-Basis, danach gebackenen Camenbert und Capuccino gebracht hatte, meine Zeichnung lobte, ging es mir mir schon wieder etwas besser. Beim Essen und Zeichnen trockneten meine Schuhe und Kleidung und ich war wieder zu allem bereit. Das Bootshaus liegt aufgrund des momentanen Niedrigwassers fast auf dem Trocknen, wird aber aufgrund der durch allgemeinen Wetterwechsel eintretenden Schneeschmelze, vor allem im Schwarzwald bald wieder reichlich Wasser unterm Kiel haben.
Weiter an Sürth vorbei. Es ist einer der schönsten Kölner Stadtteile.

Das kleine, in die Wand eingefügte Kappellchen, auf Höhe der zum Wasser führenden Rampe, lohnt sich, wie das dahinter stehende Bauhaus genauer anzuschauen. Schön ist, dass der Ort so deutlich zum Rhein hin abschließt, besonders schön der Blick vom Rheinufer auf St. Remigius mit seinem Turmhelm, von dem ich gerne mal herunterschauen möchte.

Beim Weitergehen auf dem Leinpfad musste ich feststellen, dass eine wahre Orgie an Baumfällungen stattgefunden haben muss. So viele der majestätischen, uralten Pappeln wurden aus ‚Sicherungsgründen’ gefällt. Wahrscheinlich sind diese Gründe in Wahrheit Versicherungsgründe.
Dort fand ich, zeichnend bei Rheinkilometer 674, diesen leicht ramponierten schwarzen Plastikstuhl in einem Busch, in dem er wohl beim letzten Hochwasser hängengeblieben und in den nachfolgenden Jahren fest eingewachsenen war.
Weiter im strömenden Regen an dem in manchen Sommern vor Schmetterlingen wimmelnden Naturschutzgebiet rechts vorbei, das wahrscheinlich demnächst zur Ausbaggerung als neues Becken für den Ausbau des Godorfer Hafens freigegeben wird.
Ein letztes Bild in meinem bisherigen Fußgängerradius ist die bei stärkstem Gegenwind und ständig drohendem erneuten Regen entstandene Skizze (Rheinkilometer 672), von diesem Hafen.
Danach verließ ich diesen Radius und ging rechts hoch, über Schlängel auf die B9, die geradewegs die Godorf/Wesselinger Industrielandschaft überquert und wieder über Umwege nach Wesseling hineinführt
Hier spürte ich, was es in dieser Industrielandschaft heißt, Fußgänger zu sein. Außer diversen Gerüchen, wie nach Kartoffelbrei, vor allem vorbeirasende Autos. An einen höflichen Lastwagenfahrer erinnere ich mich gerne, der mich abbremsend über einen durch Blinkampel gesicherten Überweg gehen ließ, nachdem zig Pkw-Fahrer kein Interesse daran gehabt hatten, mich herübergehen zu lassen. Es war mein Recht, aber nett ist es doch, wenn das Recht akzeptiert wird.
Dann der Weg durch die Industrielandschaft über die B9. Leider gibt es keinen anderen Weg, den Godorfer Hafen zu umgehen.
Dort zeichnete ich, weil es wieder mal zu regnen begann, unterm Schirm eine der schönsten Wendeltreppen, die ich hier in der Gegend kenne.
Dann weiter durch Wesseling, wo es außer Industrie auch zum Rhein hin schöne ganz kleine Straßen mit Fischerhäuschen gibt.
Am mit beschnittenen Linden bestandenen Ufer, mit Blick auf St.Germanus, höre ich auf, fahre innerhalb einer halben Stunde zurück nach Köln und wundere mich, wie man so schnell mit der Bahn zurück sein kann, wo man so viel ‚zu Fuß’ erlebt hat.
Die nächste Tour geht in Wesseling am Rheinufer, Rheinkilometer 669, unterhalb von St. Germanus weiter.
 
Clemens Hillebrand, 15.02.2006