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Rheinwanderung 11.Tag / 17.04.2007

von Boppard nach St.Goar

Clemes Hillebrand Tag 11/17.04.2007
Clemes Hillebrand Tag 11/17.04.2007
Clemes Hillebrand Tag 11/17.04.2007

Um viertel nach zehn gehe ich in Boppard bei Rk. 571 bei sonnigem aber kühlem Wetter los. Neben Hotels, Cafés, Andenkenläden, Frittenbuden und Restaurants gibt es hier auch Engländer, die Trolley-Koffer hinter sich herziehen. Eine mittelalte flotte Kellnerin stattet draußen direkt am Rhein schon mal die Tische mit Servietten und Aschenbechern aus. Ich will doch noch mal ins Städtchen und gehe hinter einem großen, leicht vergammelten Fachwerkhotel vor dem Museum wieder rechts hoch. Von einer der den Brunnen umstehenden Bänke aus zeichne ich auf den Marktplatz und St. Severus.
Unter der Kirche wurden bei Grabungen Reste einer römischen Badeanlage entdeckt,deren Grundmauern im 5ten Jahrhundert zum Aufbau einer Basilika genutzt wurden. Außen zum Platz hin sieht man eine schöne Kreuzigungsgruppe aus dem 16ten Jahrhundert. Im Café am Markt, wo die Menütafel auch in Englisch zu lesen ist, trinke ich einen heißen Tee und esse was. Im Touristeninfo kaufe ich mir eine detaillierte Karte, entdecke aber später eine wesentlich bessere in der örtlichen Buchhandlung. Auf dem nächsten Platz rheinauf steht ein schöner Basaltbrunnen mit dem Spruch „Quellen von köstlichem Wasser entsenden die nahen Gebirge, spenden uns Labung, Gedeihn, Wohlsein und rüstigen Muth“. Hört sich fast an wie Hölderlin. Das Messingschild „Kein Trinkwasser“ darf aber auch nicht fehlen.

Auf dem Weg wieder runter an den Rhein sehe ich schöne Fachwerkhäuser und auf dem Pflaster schöne Kanaldeckel. Ich gehe die Oberstraße rheinauf, dann „im Casino“ hoch, am „Blutgässchen“ vorbei, unterquere Eisenbahn und Straße, um endlich links den Rheinhöhenweg Nr. 1 zufinden. Eine Frau wischt mit nassem Lappen die Marmorplatte auf steinernem Torpfosten. Ein braunes Spätzchen sitzt im schon belaubten Magnolienbaum direkt neben der einzigen letzten Blüte.

Zwischen den neu gebauten Häusern hindurch sehe ich rechtsrheinisch Kamp Bornhofen. Links der Straße auch viele gerade neu gebaute Häuser. Eigentlich schade um die schönen Hänge. Dann in Serpentinen den Wanderweg rechts hoch. Unter dem frischgrünen Laub der Buchen und Akazien entdecke ich die weißblühende echte Sternmiere.

Oben auf der Thonetshöhe das achteckige Thonet-Aussichtshäuschen mit dem spitz zulaufenden bemoosten, von einer Wetterfahne, die derzeit nach Norden zeigt, gekrönten Dach. Eine Tafel an der Wand erinnert an Michael Thonet, *1796 in Boppard, †1871 in Wien.
Komisch, heute früh sprach ich mit meiner Frau über neue Stühle als Geburtstagsgeschenk. Thonet-Stühle schwebten mir vor.

Der Wanderweg geht nun an der Kante des Rheingrabens entlang. Rechts von mir große Wiesen und Felder, links der bewaldete Hang, durch dessen Bäume ich rechtsrheinisch gegenüber auf der Höhe hellgelb im Mittagsdunst ein Rapsfeld leuchten sehe. Beiderseits meines Weges leuchtet hellweiß und sehr zahlreich die echte Sternmiere, sie scheint sich hier sehr wohl zu fühlen. Ich gehe Richtung Steinener Mann.

Am Weg deutliche Spuren von Wildschweinschnüffelei, auf dem Boden die abgeworfenen Troddeln von Buchen, dann blühende Kirschbäume und vor einer Aussichtsbank mit Namen Baedekers Ruhe blüht lila Flieder. An einem urig gewachsenen Birnbaum krabbeln riesige, ca. ein Zentimeter große Waldameisen hoch. Ein Fuchsbau. Links vom Weg wird’s sehr steil und felsig. Ein Mäuschen huscht über den Pfad. Vogelgezwitscher. Dann gehe ich auf einem Schotterweg an großen Wiesen mit vielen blühenden Kirschbäumen vorbei und passiere den Aussichtspunkt Burgenblick. Gegenüber sieht man Burg Sterrenberg und Burg Liebenstein.

Von einem ähnlichen Blickpunkt etwas später zeichne ich dann. Der vorbeidonnernde Düsenjäger am Mittagshimmel erinnert mich an „unsere Tornados“ in Afghanistan.
Der Schotterweg liegt nun zwischen blühenden Bäumen vor mir. Mir fällt Bilbo Beutlins Gedicht ein, ich kann es noch. „Die Straße gleitet fort und fort...“

In der Ferne bellt ein Hund, eine Amsel singt und eine andere antwortet. Zaunwicke, Gamander und Zypressenwolfsmilch am Wegrand. Ab und an kleine Paradiese, von Hecken umschlossene Gärten, eine blonde Frau bückt sich beim Kartoffelsetzen. Überall – teils gepflegte – blühende Kirschbäume. Vielleicht wäre das ein schönes Aquarell geworden, aber ich hab gerade gezeichnet und will weiter gehen.

Rechts neben mir spritzt ein Landwirt auf einem Traktor verblühende Kirschbäume. Ich gehe weiter. Nach getaner Arbeit holt er mich auf meinem Weg ein, nachdem ein freundlicher Mann mit freundlichem Hund mich beim Kartenlesen über den richtigen Weg beraten hat. Der Landwirt macht netterweise den Traktormotor aus und wir unterhalten uns eine Weile. Er erzählt von ehemals neun- bis zwölftausend Zentnern Kirschen, die aus dieser Umgebung zur Obstsammelstelle nach Bad Salzig gebracht wurden, die dieses Jahr geschlossen wird. Bestimmte Kirschsorten wurden früher mit Leinentüchern abgedeckt und per Schiff bis England geliefert. Leider habe die Jugend heute wenig Interesse für den Kirschenanbau. Die Kulturlandschaft verfalle. Das Land Rheinland-Pfalz setze Ziegen ein, um den Wildwuchs entlang der Hänge abzufressen, aber das nutze wenig. Die Deutsche Bahn klage derzeit gegen das Land, weil die Ziegen Steine lostreten würden, die auf die Gleise fallen.

Wir kommen im Gespräch vom Höckchen aufs Stöckchen. Brutalität gegen Juden vor Ort zur Nazi-Zeit, Krieg, Erzählung von harter Kriegsgefangenschaft in Frankreich.
Ich erzähle von französischen Verwandten, die in Mülheim-Kährlich interniert waren. Traurige Geschichtskapitel. Zwetschgenbäume hat er auch, und wenn die geerntet werden, hält der Zwetschgenkuchen nie lang, weil er so gut schmeckt.

Angekommen in Bad Salzig, besuche ich die etwas erhöht liegendende neoromanische Kirche St. Aegidius. Links auf der Wand im Altarraum ist eine neugotische sehenswerte Darstellung des „Mannawunders“. In der Marienkapelle, vor der Pietà, ein Schild „Tragbahre steht hinter dem Kriegeraltar“. Was auch immer das bedeuten mag, ich zünde ein Kerzchen an und bete ein bisschen, dass Juden, Deutsche, Franzosen und vor allem alle scheinbar Unbelehrbaren sich möglichst bald möglichst gut vertragen, weil es keine andere sinnvolle Möglichkeit gibt. Ob man dran glaubt oder nicht. Man kann ein Gebet und damit ein Wollen formulieren.
Von der Kirche aus gehe ich runter zum Rhein. Der Ort scheint mir einfach „normaler“ als Boppard. Eine kleine Gruppe von Jungs haben ihre Räder abgestellt und sitzen Eis essend auf einer Bank. Bevor ich Bahn und Straße unterquere, erfahre ich von zwei Teenagern, dass es auch später wieder zurück auf die Straße geht. Ich gehe weiter am Rhein entlang auf dem grasbewachsenen, erst von Ketten und Tauen, unter die ich mich ducken muss, überquerten, basaltgepflasterten Weg.
Nach ca. 500 Metern steige ich wieder hoch auf die Straße, weil unten kein richtiger Weg mehr ist. Rechts hinter der Straße die Fa. Seba-Med – interessant zu wissen, wo meine gelegentlich benutzte Waschlotion herkommt.

In der Rheinkurve gegenüber erscheint der Ort Kestet. Wieder runter über sehr steile Treppe an den Rhein. Eine Bachstelze sitzt erst auf Treibholz, um dann in hüpfendem Flug übers Wasser zu fliegen.

Dann wieder hoch, hier unten scheint der Weg immer schmaler zu werden. Außerdem ist oben noch ein bißchen Sonne. Diesseits erscheint in der Kurve Hirzenach.
Rechts von mir weißblühende Bäume vor düsterem Schiefer.

Links unten treiben Öllachen auf dem durch die hier wildere Strömung belebten Rhein, den ich hier von einer Paddeltour vom vergangenen Sommer her kenne. (Vor uns fuhr rheinab ein Personenschiff, das die Strömungswellen noch durch eigene Wellen verstärkte. Es war plötzlich kein Sommerpaddeln mehr. Mir fiel der im Gegensatz zum ‚Sommerrhein’ düstere Rhein ein, über den Heinrich Böll in einem Essay berichtet.)

Ein Reisender kommt mir entgegen. Zurückblickend sehe ich das Ersatzrad hinten auf seinem Rad. Ich stelle mir einen Holländer oder Schweizer vor, der den ganzen Rhein beradelt. Weinbau rechts am Sockel der Felsen. Ein überholendes Motorrad verursacht durch seinen Krach physischen Schmerz.

Ein Stück Styropor tanzt im Wind vor mir her und ist fast genauso schnell wie ich, will anscheinend mitwandern, bis es sich in einem Grasbüschel verfängt. Alles wandert hier, langsam oder schneller. Das Wasser, Fische, Sand, Geröll, Pflanzen, natürlich Autos, Züge, Rad- und Motorradfahrer, Flugzeuge. Die Wolken wandern, das Klima und sogar die Berge wandern langsam. (Der Rhein fliest hier nicht im selbstgegrabenen Tal sondern in einem durch tektonische Vorgänge entstandenen Graben. Der Beginn einer kontinentalen Zerreissung. Ähnlich begann, am Ende des Mesozoikums die Kontinentalverschiebung zwischen Afrika und Südamerika. Sehr schön nachzulesen sind nicht nur solche erdgeschichtlichen Vorgänge im Buch „Der Rhein“ von Horst Tümmers).

Bei ca. Rk. 563 unterquere ich Straße und Bahn und gehe, während ich ganz im Hintergrund schon das Ehrentaler Werth sehe, rechts hoch über die Probsteistraße nach Hirzenach hinein.
Vorbei an einem schönen, durch viele Hecken unterteilten Garten, hoch zur Kirche St. Bartholomäus.
Ein alter Raum, der frühgotische Chor wurde ca. 1250 erbaut. Besonders fällt mir aber der schätzungsweise in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wirklich schön gemalte Kreuzweg auf. Darunter haben Kinder Bilder ihres selbstgemalten Kreuzwegs gehängt. Viele schöne Bilder sind dabei! Beim Hotel Rebstock unterquere ich wieder Bahn und Straße zum Rhein runter, um dann direkt wieder hoch zu gehen, weil unten kein gangbarer Weg zu sein scheint. Rechts der Straße sind die dunklen Felsen mit Stahlnetzen gegen Steinschlag gesichert. Bei 561 beginnt das Engeler Werth, bei 560/5 sehe ich einen vergitterten Eingang in den Fels, vermutlich in die Bleigrube „Gute Hoffnung“.

Auf den Rhein blickend sehe ich am Ende des Werths (Rk. 560) deutlich das Wasser teilweise rheinauf fließen, sich drehen und dann wieder herabschießen. Unangenehm für Paddler.

Bei Rk. 559/6 kann ich endlich wieder von der lauten Straße nach unten an den Rhein. Hier ist ein angenehm zu gehender, grasbewachsener Feldweg. Gegenüber erscheint Wellmich und die Burg Maus. Weinbau auf kleinen Terassen und einer größeren Steillage.

Ich gehe an Gärten vorbei. Abgefallene weiß-lila Magnolienblütenblätter liegen im frischgrünen Gras auf dem Weg, blühender Flieder hinter Schiefermauern. Vorbei am Hotel Landsknecht, an teilweise vergitterten Fenstern mit Rheinblick.

Bei Rk. 559, bei der Einfahrt zum kleinen Hafen, zeichne ich gegen halb sieben Uhr auf der ehemaligen Fährenrampe Wellmich und die Burg Maus gegenüber.
Vorbei am kleinen Hafen, während die im Wind knatternden Fahnen eines Hotels Strandatmosphäre vermitteln. Bei 558 beginnen gegenüber die ersten Häuser von St. Goarshausen. Im oberen Bereich dreier Berge sind Weinflächen. Ich kann wieder runter auf einen schmalen Weg, der eher ein Absatz der schrägen Mauer ist. Interessant ist hier die Steingartenvegetation. Viele Moose. Auf dem Weg hat sich Sand abgelagert, in dem viele Mausgänge sichtbar sind.

Wieder hoch, da es wieder mal unten nicht richtig weiterzugehen scheint. Rechts über mir erscheint auf einem Berg die große Burg Rheineck. In die Geräuschlücken zwischen den fahrenden Autos dringt von den bewaldeten Hängen her das beginnende Abendkonzert der Vögel. Ganz im Hintergrund kreuzt die Fähre von St. Goarshausen nach Goar den Rhein. Oben im Hang, rechtsrheinisch, Burg Katz.

Bei 557 fließt linksrheinisch der Gundelsbach in den Rhein. Lustig finde ich, dass er nicht direkt einmündet, sondern erst ein paar Meter parallel zum Rhein fließt – er läuft ein Stück neben dem großen Bruder her –, um dann bei einer großen alten Weide in einem nassen Delta zu münden. Ein zweiter Hafen, dort liegt der Kaiman, ein Monstrum von einem Arbeitsschiff, ein schöner, blauer zweimastiger ehemaliger Frachtseegler und Boote der Wasserschutzpolizei.

In St. Goar Begrüßung durch großen Parkplatz mit den üblichen Wertstoffcontainern. Beschnittene Linden, alte Villen, rechts der Straße eine neugotische Kirche. Ich gehe zum Bahnhof, um den Zug nach Koblenz zu erreichen. Alles ruhig. keine Menschenseele, die Gebäude scheinen leer. Durchrasende Güter-und Personenzüge, während es langsam dunkel wird. Wäre da nicht der Fahrkartenautomat, würde ich glauben, mich auf einem stillgelegten Bahnhof zu befinden.

Clemens Hillebrand, 17.04.2007