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Rheinwanderung 12. Tag / 10.05.2007

von St. Goar nach Oberwesel

Clemes Hillebrand Tag 12/10.05.2007
Clemes Hillebrand Tag 12/10.05.2007
Clemes Hillebrand Tag 12/10.05.2007
Clemes Hillebrand Tag 12/10.05.2007

Um ca. 11°° angekommen, beginne ich meinen Weg mit der Innenansicht der Stiftskirche St. Goar. Es ist die, die auf der letzten Zeichnung der vorhergehenden Wanderung hinter dem etwas trostlos erscheinenden Bahnhof aufragt. Heute erscheint mir sie und die ganze Umgebung schöner.

Die Kirche selber geht in ihrer Gründung auf das 8. Jahrhundert zurück. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts wurde sie neu aufgebaut. Was mir in dem dreischiffigen Bau auffällt, sind vor allem die schönen spätgotischen Decken- und Wandmalereien in den Seitenschiffen und an den Pfeilern im Mittelschiff. Auf die Malerei an den Wänden sind immer wieder ganz einfache Apostelkreuze aufgemalt. Die Gewölberippen beginnen teils in schönen Konsolfiguren.

In der Kirche auf einer der Bänke im Mittelschiff sitzt jemand und arbeitet an einem Laptop. Vielleicht ist es der Pfarrer, der über der Sonntagspredigt brütet, jemand vom Denkmalschutz oder ein Kollege, der mittlerweile statt Notizbuch und Zeichenstift mit der elektronischen Version vorlieb nimmt. Er räuspert sich oft, als ob er sich durch mich gestört fühlt, was mich nicht weiter stört.
Beim Hinausgehen fällt mir noch die besonders schöne Malerei einer Schutzmantelmadonna auf.

Ich gehe noch einmal um die Kirche herum, dann Richtung Biebernheim unter der Bahn durch und über Treppen den Hang hoch. Vorbei am Loh-Bach, der hier über Felsen sprudelt.
Oben gehe ich links und überquere bei Ruinenresten den Bach, der in einer dahinterliegenden kleinen Schlucht einen etwa 5 Meter hohen Wasserfall bildet.

Weiter hoch über Treppen, am Weg viele Butterblumen, verblühende Sternenmiere und gelbblühende Taubnessel. Unten im Tal quietscht herzzerreißend ein haltender Zug. Hier oben, ich halte mich links, gehe ich die Serpentinen hoch Richtung Urbar, Vogelgezwitscher im maigrünen Wald. Dann weiter an der Kante des Rheingrabens entlang rheinauf.
Dann gehe ich an einem Aussichtspunkt mit Aussichtenden und weiter an fast verblühten Rapsfeldern, vorbei. Links eine Apfelwiese. Zwischen den Bäumen hindurch ein romantischer Blick auf Burg Katz. Im weiteren riesige Getreidefelder über die der böige Wind streicht. Von St. Goar dringt Mittagsläuten herüber, dann mischt sich eine andere Glocke, wohl die von St. Goarshausen gegenüber, ein. Das Läuten hört sich wie aufeinander abgestimmt und harmonisch an. Bestimmt keine leichte Aufgabe, das Läuten verschiedener Glocken aufeinander abzustimmen, wenn es denn wirklich Absicht ist.

Auf dem weiteren Weg komme ich an einigen schönen Blickpunkten vorbei, die aber zu windig sind, um sich dort zeichnend oder malend niederzulassen. Eine Schulklasse kommt mir entgegen, die Kinder sind im Alter meines jüngsten Sohnes, der auch gerade auf Klassenfahrt war. Der bärtige Lehrer und die die Nachhut bildende Lehrerin erwidern freundlich meinen Gruß. Endlich dann, etwas unterhalb des Weges die richtige Bank fürs erste Aquarell dieser Tour. Ob das Alter dieser Bank mit der guten, windgeschützten Auswahl ihres Standortes zu tun hat?
Etwas Unbekanntes kriecht an meinem Bein hoch. Eine Eidechse sitzt plötzlich neben mir auf der Bank. Die, wenn auch vorsichtigen, Bewegungen, mein Skizzenbuch aus dem Rucksack zu holen, waren wohl zu erschreckend für sie, denn sie erstarrt für einen Moment, sieht mich von der Seite her an und verschwindet, bevor ich sie zeichnen kann.

Ich gehe auf das bewaldete Seelenbachtal zu und dann weiter Richtung Urbar. Der Weg führt etwas von der Rheingrabenkante weg, erst zwischen beiderseits wachsenden Büschen, dann sehe ich rechts überwucherte Trockenmauern. Unten rauscht leise der Seelenbach in diesem wunderschönen Tal. Ich denke: Schöner kann es nicht sein.
Später überquere ich den unter dem Weg durch ein Rohr führenden Bach und gehe weiter den Weg hoch. Wie viele tausend solcher Bäche speisen den Rhein und was ist mit all den, die Nebenflüsse und -flüsschen speisenden Bächlein?

Ich erinnere mich an einen Spaziergang in den siebziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts. Wir führten in derzeit üblichen Angriffen auf die ach so verlogene „heile Welt“ alles auf gesellschaftliche Zusammenhänge zurück. Irgendwann platzte mir der Kragen ob dieses Palavers in schöner Landschaft und ich rief: „Ach dieser heile Wald mit seinem kleinbürgerlichen Bächlein“!
Oben am Wegrand blauviolette Wicken, verblühende Sternenmiere, Waldglockenblume, später dann im vom letzten Sturm freigelegten, plattgemachten Fichtenwald hellgelb blühender Ginster, zwischen dem man ins fast obszön erscheinende, mit Lehm verkrustete freigelegte Wurzelwerk der umgestürzten Bäume sieht. Trotz Sonne ist es mir hier etwas unheimlich.

Der April diesen Jahres war trocken wie noch nie in meiner erlebten Zeitrechnung. Die ständig scheinende Sonne lockte Blumen hervor, die sonst erst mit Beginn des Sommers blühen.
Aber ich kann das Geheule über die deutlich sichtbare Klimakatastrophe kaum mehr hören, natürlich wünsche ich dem trockenen Wald viel Regen, der für heute angekündigt nicht fällt. Stattdessen spüre ich auf Armen, Nacken und im Gesicht einen beginnenden Sonnenbrand.

Weiter an Hecken vorbei, in denen die ersten Wildrosen blühen, und an Feldern, in denen ich erst überrascht eine Kornblume entdecke, um dann festzustellen, dass der Feldrain mit endlos vielen dieser himmelblauen Schönheiten, vermischt mit Klatschmohn besiedelt ist. Vor mir liegt jetzt Urbar, die Straße, auf die der Weg mich führt, quert den Galgenbach. In den Wiesen blühen Margariten, die rundblättrige lila Glockenblume, der kräftig blaue Wiesensalbei und die wunderschön rosa blühende wilde Pfingstnelke.
Begleitet von den beruhigenden Geräuschen geregelter Arbeit, das heißt Hämmern und Sägen von einem Neubau her, gehe ich kurz vor Urbar den Weg Richtung Maria Ruh.

Im Hang unterhalb des gerade neu zu bauenden Hauses wieder blaue Glockenblumen und im weiteren Verlauf des Weges die weißblühenden Dolden des giftigen Taumelkälberkopfes.
Hier rückt Urbar nah ran an die Kante. Neue Häuser und gepflegte Gärten machen sich breit. Bald ist wohl Schluss mit der blühenden Wildnis.

Kein Taumelkälberkopf oder gar gefleckter Schierling, sondern gemähter Rasen, in dem auch die letzten Gänseblümchen eliminiert werden.
Ich traue mich kaum am Maschendrahtzaun vorbei.
Aber eine Frau mit zwei kleinen Hunden, einmal schwarz und einmal weiß, kommt mir entgegen und erwidert freundlich meinen Gruß.

Einzelne dunkle, große Fichten überragen am Hang den kleinwüchsigen Wald, dazwischen ein Blick auf das Endstück von St. Goarshausen gegenüber.
Im Weggraben leuchtet kobaltblau der Bachehrenpreis, rechts am Hang erscheint ein neugebautes Gasthaus.
Aussichtshäuschen Loreleyblick. Der Rasenmäher hinter mir brüllt laut beim Mähen.
Ob der neu aufgerichtete Findling mit eingelassener Bronzeplatte im Sinne der darauf verewigten Erfinder des Loreleylieds, Clemens von Brentano, Friedrich Silcher und Heinrich Heine, ist, weiß ich nicht, aber alles ist neu hergerichtet. Ich war vor Jahren mit meinen damals kleinen Kindern schon mal hier und fand es schöner.
Von der Wiese rechts neben mir höre ich überlautes Grillengezirpe, doch übertönt vom Gebrüll des Rasenmähers, der die Wiese an der Kante zur gefälligen Betrachtung des Loreleyfelsens gegenüber herrichtet. Die Bauern weichen und die Grünpfleger übernehmen das Terrain. Ich zeichne von einer windstilleren Bank und strecke meine Beine wohlig aus auf - gemähtem Rasen.
Um ca. 15°° Uhr gehe ich weiter Richtung Oberwesel. Rechts von mir grüne Hügel mit Wiesen und Feldern, über die wieder der böige Wind streicht. Darüber Wolken, sonst nichts. Das reicht zum Wohlsehen.
Der Weg führt weiter in den Wald, raus aus der Sonne, dann wieder über Wiesen, und am Horizont erscheinen dunkel Baumgestalten im Gegenlicht. Hier am Wegrand, im Schatten der Bäume, blüht wie ein Geschenk Gottes eine wunderbar sattblaue Waldakelei, dahinter beim Blick durch die Stämme, wie ein riesengroßes grünes Tier, die bewaldeten Hänge gegenüber.

Vorbei an einem überdachten Aussichtspunkt mit Blick auf das einer Sandbank ähnelnde Tauberwerth. Der Weg führt nun rechts hoch in einen Weinberg, der von hier oben so aussieht, als reiche er bis zum Fluss.
Der Wegrand dieses Weinbergs ist mit gerade erblühenden Pfingstrosen bepflanzt. Nach dem kleinen Heiligenhäuschen führt der Weg an einem Skulpturenpark entlang. Zur Begrüßung erstmal verbogene Drahtgeflechte, dann nach ca. 100 Metern aus viel verarbeitetem, ca. 8mm dickem, rundem Stahl eine von weitem an eine Frau erinnernde Skulptur.
Viel Arbeit hat sich der Künstler damit gemacht, aber ob sich die Wildschweine wirklich dadurch abschrecken lassen?

Nach wieder ca. 100 Metern hat jemand eine Sägearbeit aus Stein in den glücklicherweise derzeit blühenden Ginster gewuchtet.
Wenn Leute durch diese Kunstwerke in diese Landschaft gelockt werden, haben sie was Schönes gesehen. Die Kunstwerke schaden der Umgebung nicht besonders.

Ich quere den Meerbach, der rechts des Wegs zu einer Art Tränke aufgestaut wurde.
Der Weg führt nun über die Straße und ist wegen der Autos nicht schön zu gehen. Endlich kann ich runter von der Straße zum „Sieben Jungfrauenblick“. Etwas später zeichne ich im Schatten einer kleinen Eiche den hier sehr markanten Rheinknick.
Von einem Standpunkt etwas oberhalb, habe ich vor einigen Jahren mit meinem Freund und Kollegen Markus Böhm gemalt. Hier hat sich seitdem einiges verändert. Landschaft wurde zu Bauland. Über die nun immer weiter durch Einfamilienhäuser erschlossenen ehemaligen Weinhänge gehe ich bis zur Stadtmauer. Von da aus einen alten, über den rohen Fels führenden Steinweg, in den sich Spuren der auf- und abfahrenden Karrenräder gegraben haben. Rechts über der Mauer sehe ich auf den schönen alten Wehrturm und die daran angebaute Kirche, die allerdings durch die großen Neubauten viel von ihrer ehemals bestimmt beindruckenderen Dimension verliert. Klar gönne ich den Leuten ihre neuen Häuser, vor allem wenn ich die Kinder hier in den unfertigen Vorgärten spielen sehe. Aber die einmalige Landschaft verliert an Charme.
Ich gehe weiter runter in den Ort, und nachdem ich den Niederbach überquert und durch ein Turmtor, dann die Straße hoch gegangen bin, finde ich rechts eine lange, steile Treppe, die mich direkt zu dieser Kirche – Liebfrauen / St. Martin führt.

Ich finde schnell den Weg zum Bahnhof, wo meine heutige Wanderung endet.

Clemens Hillebrand 10.05.2007