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Rheinwanderung 13. Tag / 16. 05. 2007

von Oberwesel nach Bacharach

Elmar Hillebrand: In der Liebfrauenkirche in Oberwesel
Clemens Hillebrand: Blick auf Kaub und die Rheinpfalz in der Ferne
Elmar Hillebrand: Blick auf Kaub und die Rheinpfalz
Heiner Hoffmann: Clemens Hillebrand beim Zeichnen
Elmar Hillebrand: Zeichnen auf die Rheinpfalz
Clemens Hillebrand: Blick auf Kaub und die Rheinpfalz
Heiner Hoffmann: Blick auf Kaub und Burg Gutenfels
Heiner Hoffmann: Blick auf Kaub und Burg Gutenfels

Um zehn Uhr morgens kommen mein Vater Elmar Hillebrand und ich in Oberwesel an und gehen erstmal, auch um dem Nieselregen zu entgehen, in die „rote Kirche“, die Liebfrauenkirche.

Mit dem Bau wurde 1308 nach Abbruch einer romanischen Kirche an gleicher Stelle begonnen. Innen ist ein schöner, hoher Raum, geteilt durch einen Lettner. Im Osten der Hochchor, in dem sich der dreiflügelige, aufwendig geschnitzte gotische Goldaltar befindet. Außer den vielen anderen Altären, dem Marthaaltar, dem Passionsaltar, dem Nikolausaltar, einem Tryptichon mit Maria und den Fünfzehn-Zeichen-Tafeln sind noch viele schöne und interessante Malereien an den Stützpfeilern zu sehen, von denen mir besonders ein Bild des Hl.Martin vor einer Stadtansicht von Oberwesel auffällt.

Beim Hinausgehen durch die Seitentür sehe ich rechts oben an der Wand den urig bemalten Krippenaltar aus dem fünfzehnten Jahrhundert.

Wieder draußen im Regen treffen wir gegen elf Uhr Heiner Hoffmann und seine Frau Miriam Hoffmann aus Gemmenich, Belgien, mit denen wir uns zum Wandern und Zeichnen hier verabredet haben.

Nach einem erneuten Besuch der Kirche, der sich auch noch öfter lohnen würde, gehen wir erst an der alten Michaelskapelle vorbei, dann eine kleine Straße und in Serpentinen rechts einen schmalen Pfad zur Schönburg hoch, die wir nach Überquerung der über einen tiefen Graben führenden Brücke erreichen. Die Burg wurde mit einigen An- und Umbauten versehen. Ein leuchtend rotes Kolpinghaus und ein Restaurant, das dem ersten Anschein nach nicht danach aussieht, als ob man da einfach nur schnell einen Kaffee trinken könnte, befinden sich dort. Auf einer Mauer sitzen weißgekleidete und -bemützte Gestalten. Wohl Kellner und Köche bei der wohlverdienten Zigarettenpause.

Wir verlassen die Burg und gehen den mit Holzschildchen bezeichneten Rheinhöhenweg, der teilweise auch über kleinere Straßen führt, Richtung Bacharach. Bald kommen wir an ein achteckiges Aussichtshäuschen mit einem auf Balken stehenden oben spitzzulaufenden Dach.
Dort essen wir mitgebrachte Brote und Shortbread (eine schottische, buttrige Spezialität für kalte nasse Tage) und zeichnen, so gut es im immer wieder durch den Wind schräg ins Innere hereintreibenden Regen geht, auf die in der Ferne inmitten des Rheins sichtbare Rheinpfalz und die durch Regenschauer etwas verhangenen Berge. Da wir so schön von oben nach unten auf die Strömung sehen, macht Miriam Hoffmann sich laut Gedanken über Segelboote und andere Schiffe. Segler gibt es hier eher auf kurzen Strecken, da durch die vielen Kurven des Rheins die gefühlte Windrichtung ständig wechselt. Mein Vater erzählt von seinen zahlreichen Paddeltouren rheinabwärts, auf denen man sich nicht einfach treiben lassen kann, sondern, wie auch früher die Lastenseegler, immer entweder etwas schneller oder langsamer als die Strömung sein muss, um die Steuerfähigkeit zu erhalten. Die Paddler paddeln, das ist klar. Die Lastensegler setzten je nach Wind kleine Segel, um etwas schneller, oder benutzten Treib- oder Schleppanker um etwas langsamer als die Strömung zu sein.

Vielleicht durch den Regen oder auch durch die exponierte Lage des Häuschens mit Blick auf die weite, verregnete Landschaft etwas philosophisch gestimmt, meint mein Vater, das sei wie allgemein im Leben oder in der Gesellschaft. Entweder soll man kühn und vorausgreifend sein oder aber vorsichtig und zurückhaltend, beides erhält die „Steuerfähigkeit“, die man mit dem Strom schwimmend verliert.

Etwas Schönes beim gemeinsamen Skizzieren einer Situation an einem Ort ist das unausgesprochene Ende. Wenn einer aufhört, weil er fertig ist oder weil es einfach zu kalt wird, kommen die anderen auch zum Ende. Natürlich passiert das nicht auf Punkt genau und so hat auch noch ein Witz, vor allem wo der Regen nachlässt und es ganz im Hintergrund etwas aufzuklaren scheint, Zeit, von Heiner Hoffmann erzählt zu werden:

„ Ein Mann und seine ihm angetraute Frau werden bei der Feldarbeit von einem schlimmen Gewitter überrascht. Unter schwarzen Wolken jagt ein Blitz wie der darauffolgende Donner den anderen, und so beschließen beide, da wohl ihr letztes Minütlein zu schlagen beginnt, sich all das zu beichten, was sie bisher voreinander verheimlicht hatten. Während Blitze in Bäume, Felsen und Erde schlagen, Äste brechen, Felsbrocken und Lehmklumpen unter ohrenbetäubendem Donner splittern, beichtet der Mann zitternd alle seine Fehltritte. Als er geendigt hat, sieht er seine Frau an, erwartet ihren Bericht. –Sieh mal dahinten wird es heller, sagt sie.“
Wir gehen weiter, nun ist es teilweise sogar sonnig. Ich ziehe mir erst meinen Anorak, dann den Pullover aus und stopfe ihn in den dadurch anschwellenden Rucksack.

Der Weg führt uns ein Stück in das Enge-Bach-Tal hinein, vorbei an Weinbergen, in denen mit Spritzmitteln nicht gespart wurde. Gedankliche Versuche, das verbrannte Aussehen der Gräser und Pflänzchen als Folge der vorangegangenen heißen Apriltage zu erklären, werden durch die Ansicht grüner, mit vielen Blumen übersäter Brachstücke, eines besseren belehrt. Wir queren am Ende der Wegschlaufe den Enge-Bach, laufen nun wieder auf den Rhein zu und sehen gegenüber am Hang den Weg, den wir gerade eben zurückgelegt haben. Während ich im Gespräch mit Miriam über die Aktivitäten ihrer Tochter in Berlin und meiner Tochter in Liverpool in meinem Pflanzenbuch nachschlagend feststelle, dass es sich bei den hinter der Leitplanke der kleinen Straße auf der Wiese wachsenden, in der Oberansicht dunkelgelben, in der Unteransicht fast zitronengelben Blumen um das gemeine Habichtskraut handelt, kommen mein Vater und Heiner den Weg hoch und berichten von einer plattgefahrenen Schlingnatter. Manche Tierarten lernt man leider nur auf plattdeutsch kennen.
Später auf dem derzeit sonnigen Weg am Rand des Rheingrabens entlang, wieder auf halber Höhe einem Bach folgend, den wir schließlich überqueren, um dann auf der anderen Seite unseren bisher gelaufenen Weg zu sehen, kommen wir an von urwüchsigen kleinen Krüppeleichen bestandenen Hängen vorbei, die genauso oder so ähnlich Teil der Landschaft Latiums, südlich von Rom sein könnten. Miriam erzählt von Exkursionen mit Studenten in das latinische Sorano. Ich bin froh, mit Geschichten über die mir bekannten benachbarten Landschaften und kleinen Städte Cori, Sermoneta und vor allem Olevano Romano antworten zu können - ein Teil Latiums, zu dem es besonders die Romantiker hinzog, der heutzutage irgendwie normaler ist als die oft bereiste Toscana, der aber, wie wir beide feststellten, unter der Ausuferung der Städte im Einzugsgebiet Roms und damit einhergehender Zersiedelung leidet.

Der Krüppeleichenwald öffnet sich auf eine saftige Wiese. Wir können es kaum glauben, so viel satt dunkel blaue Akelei, die ich eher als Glockenblume oder von dieser Entfernung als Diestel erkennen möchte weil ich sie bisher als eine leichtfarbige Pflanze kannte. Im erst seichten, dann kräftigen Regen weitere Wiesen, in denen wir Margariten, viele verschiedenfarbige Kleesorten, rosa Pfingstnelken und tiefblauen Wiesensalbei bewundern dürfen. Oben am Hang eine kleine schwarzbunte Kuhgesellschaft. Hier unten kommen wir in strömendem Regen an einen Luxusgrillplatz mit Hütte, Bänken, offenem Grillkamin und, wie ich nach dem Zeichnen feststellen kann, sogar einem Plumpsklo mit Blick durch das in die Tür gesägte obligatorische Herzchen auf Väterchen Rhein.

Nun geht der Weg halb rechts etwas den Berg hoch. Es wird immer interessanter. Vielleicht gerade, weil man von hier den Rhein nicht mehr sieht, wähnt man sich, über endlos scheinende Felder auf die bewaldeten gegenüberliegenden Hänge schauend, in einem unbekannten Niemandsland. Wie schon einige Male in kürzester Zeit meine ich, so was Schönes selten gesehen zu haben.

Den sogenannten Blücherblick haben wir unabsichtlich über den Lindenhof, wo plötzlich ein Auto unseren Weg quert, aus dem ein Kind fröhlich aus offenem Fenster herauswinkt, zurückwinkend umgangen.

Beim Blücherblick setzen bei manchen Leuten geschichtsträchtige Betrachtungen ein, die den Rhein als deutschen Fluss in verflossene Ideologien einbinden. Ich verweise hier gerne auf das anschaulich, kritisch und sachlich geschriebene Kapitel „ Der Patrioten Lieblingsstrom“ im schon erwähnten Rheinbuch von Horst Tümmers, um mich mit diesem Teil der Rheingeschichte nicht zu befassen.

Nach dem Lindenhof ein Stück Straße, teils durch Weinberge am Hang entlang. Im Seitental queren wir den Leimbach, dann weiter die kleine Straße entlang, die uns an weiten Feldern vorbei über die Höhe führt. Von hier haben wir sehr schöne Blicke den Rhein hoch bis zum Lorcher Werth. Wir verlassen den Weg um durch die Weinberge nach unten zu gelangen, kommen an einer bizarren Formation aus großen, übereinander liegenden Schieferfelsen, abgestützt von einer kräftigen Trockenmauer, vorbei, von wo wir Bacharach, die Burg Stahleck, ein Stück der alten Stadtmauer und die gefestigte, oben offene Ruine der Wernerkapelle sehen können. Doch die scheinbare Abkürzung erweist sich als Sackgasse: Der Weg endet plötzlich. Wir gehen zurück; an den Wegrändern finde ich die lila Wiesenflockenblume, im Graben den blauen Gauchheilehrenpreis, weiß blühendes Wiesenlabkraut und viele andere bunte Blumen, die ich weder kenne noch in meinem Pflanzenbuch finde, was sie bestimmt nicht weniger schön macht.

Interessante Gespräche im Regen und noch mal viel Regen beim Weg durch die Weinberge am Hang des Münzbachtals entlang. Bei der Mönchsrinne finden wir endlich einen Weg, der uns runter zum Münzbach, und an diesem entlang nach Bacharach führt. Unten in Bacharach dann außer vielen schönen alten Fachwerkhäusern ein einmaliger Arkadengang unter Jugendstilhäusern hindurch deren Erbauer bestimmt nicht die ständig vorbeifahrenden Güterzüge, sondern eher einen freien Zugang zum Rhein im Sinn hatten.

Bald finden wir ein Café, in dem wir uns bei Kaffee, Tee und leckerem Rhabarberkuchen aufwärmen, indem wir gegenseitig die Zeichnungen loben.

Clemens Hillebrand, 16.05.2007