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Rheinwanderung 14. Tag / 31.05.07 von Bacharach nach Trechtingshausen

von Bacharach nach Trechtingshausen

Caspar Hillebrand: Schleppdampfer ‚Rheinland’, Trechtingshausen.
Caspar Hillebrand: Blick von Nähe Neurath rheinauf.
Clemens Hillebrand: Blick auf Lorchhausen und das Lorcher Werth
Caspar Hillebrand: Blick von Niederheimbach rheinauf.
Clemens Hillebrand: Blick von Niederheimbach Richtung Trechtingshausen.

Um 11 Uhr 11 Ankunft in Bacharach. Wir, Caspar und ich, gehen vom Bahnhof aus zur „wegen eines Schadens durch Ruß und Rauch“ geschlossenen evangelischen Kirche. Angelehnt an die Kirchenwand bemerken wir drei vollgepackte Fahrräder, die nach einer längeren Reise aussehen. An der Kirche vorbei führt der Weg hoch zur Werner- Kapelle und Burg Stahleck.

Oben bei der Kapelle angekommen bin ich einigermaßen erschreckt wegen des vor eines der dem Rhein zugewandten filigranen Fenstermaßwerke in einer davor stehenden Stahlkonstruktion gesetzten neuen Fensters. Eine etwas brutal wirkende, in einen Rahmen aus weißem Glas gesetzte rote Fläche, auf der allerhand geschrieben steht. Ein freundlicher Mann, im Gespräch mit einer Dame, steht im staubigen Innenraum davor. Ich spreche ihn auf das Fenster an, und gerade als er im Begriff ist zu antworten, entschuldigt er sich wegen des Beginns einer Führung, die gerade stattfinden soll. Wir sind auf vieles vorbereitet, aber nicht auf eine Führung. Viele, meist ältere Leute kommen durch das eiserne Gittertor, durch das wir den Platz verlassen und weiter, über die teilweise aus dem Schiefer gehauenen Stufen den Berg hoch zur Burg Stahleck wandern.

- Spätabends, während ich meine auf dem Weg aufgezeichneten Notizen zu diesem Text formte, dachte ich neu über dieses knallige Fenster nach und sammelte Informationen darüber. Ich hatte einige der Worte auf dem roten Glas gelesen. Es handelt sich um Auszüge aus der Geschichte „Der Rabbi von Bacharach“ von Heinrich Heine.

Besonders im Gedächtnis haften blieben mir folgende Zeilen

„...Eine andre Beschuldigung, die ihnen schon in früherer Zeit, das ganze Mittelalter hindurch bis Anfang des vorigen Jahrhunderts, viel Blut und Angst kostete, war das läppische, in Chroniken und Legenden bis zum Ekel oft wiederholte Märchen: daß die Juden geweihte Hostien stählen, die sie mit Messern durchstächen bis das Blut herausfließe, und daß sie an ihrem Paschafeste Christenkinder schlachteten, um das Blut derselben bei ihrem nächtlichen Gottesdienste zu gebrauchen...“

Die ganze Zeit, als wir weiter die Stufen zur Burg Stahleck hochstiegen, dachte ich darüber nach, wo ich das schon mal gehört hatte. Als ich vor der steil aufragenden Mauer aus Schieferbruchsteinen, in deren Mitte ein Fels ragt, stand, fiel es mir ein. Es war ein Artikel im „Kölner Stadtanzeiger“ über hier in Deutschland über Satellit zu empfangende Sender, die ähnlich abscheuliche Märchen über israelische Juden verbreiten. Nur sind es in diesem Falle palästinensische Kinder, denen angeblich diese Schandtaten zugefügt werden.

Ich bin dem Künstler Karl-Martin Hartmann dankbar dafür, dass er mich so aufgeschreckt hat, könnte mir aber auch eine andere, die wirklich schöne, zarte Architektur der Kapellenruine mehr achtende, deshalb nicht weniger aufrührende Version eines Kunstwerks gleichen Inhalts denken und kann den Vorwurf an ihn nicht ganz negieren, dass auch - wohl legitime - künstlerische Eitelkeit, wie so oft, bei der Verarbeitung solch wichtiger Themen eine Rolle spielte.

Heinrich Heine schreibt über das Bacharach seiner Zeit:

„...Nicht immer waren so morsch und verfallen diese Mauern mit ihren zahnlosen Zinnen und blinden Warttürmchen, in deren Luken der Wind pfeift und die Spatzen nisten; in diesen armselig häßlichen Lehmgassen, die man durch das zerrissene Tor erblickt, herrschte nicht immer jene öde Stille, die nur dann und wann unterbrochen wird von schreienden Kindern, keifenden Weibern und brüllenden Kühen. Diese Mauern waren einst stolz und stark, und in ihren Gassen bewegte sich frisches, freies Leben, Macht und Pracht, Lust und Leid, viel Liebe und viel Haß...“

Zur Geschichte der Werner Kapelle erfuhr ich, daß 1287 ein kleiner Junge aus Oberwesel namens Werner in Bacharach grausam ermordet wurde. Diese Tat wurde den Juden angelastet und war willkommener Anlass für eine der Judenverfolgungen wie sie immer wieder auch im Rheintal stattfanden. Ich selber habe nicht nur auf dieser Wanderung Bösartigkeiten über Juden in Gesprächen vernommen, die diese beschauliche Rheinromantik und ihre Bauten, Dörfer und Landschaften in einem anderen, widerwärtigen Licht erscheinen lassen.-

Wir gehen weiter auf durch kräftige Eichenbohlen gestützten Stufen und sehen bald die Burg Stahleck. Erst, fast oben, einen schmalen Weg geradeaus, von wo wir bei einem kleinen schiefergemauerten Tor einen imposanten Blick rechts hoch auf die Burg haben.

Zurück auf dem Hauptweg erreichen wir die Holzbrücke über den Burggraben, von der man rechts auf den durch eine natürliche Felswand aufgestauten Weiher und geradeaus eine wunderschön chaotische Schiefermauer, die einen steil aufragenden Felsen umschließt, sieht.

Beim Anblick dieser mit unendlicher Mühe gebauten, immer noch festen Mauer fühle ich, innerlich verfolgt von den aufrüttelnden Sätzen Heines, wie schnell Menschen vergehen, während solche Bauten übrigbleiben und Geschichten ihrer guten und bösen Taten sich mit der Zeit zu Märchen wandeln. Besonders schön an der Burg ist die Mischung aus Schiefermauerwerk und braun-weißen Fachwerkbauten, die sie wie ein kleines befestigtes mittelalterliches Dorf erscheinen lässt.

In der Burg ist eine dem Anschein nach gut geführte Jugendherberge untergebracht.

Viele Kinder krabbeln auf den Felsen oder laufen auf der Terrasse herum, von der man einen sehr schönen weiten Rheinblick hat. Hier treffe ich auch auf den ersten nicht selbst mitgebrachten Zeichner meiner Rheinreise, einen etwa achtjährigen Jungen, der trotz des Nieselregens auf einem Felsen im Burghof sitzend ein Bild von der aufragenden Burg zeichnet. Die ganz düsteren Wolken sind vorbeigezogen, es wird heller.

Weiter gehen wir erst an der Burgmauer entlang, dann den schönen Weg, der teilweise wie ein grüner Tunnel durch blühende, von Nässe tropfende Heckenrosen und Brombeeren führt. Vorbei an bemoosten Trockenmauern, die verwilderte ehemalige Weingärten immer noch stützen. Dann immer wieder schöne Blicke auf den Rhein und das gegenüberliegende Ufer.

Vorbei am Ortsrand von Neurath an einer schönen großen Wiese, auf der blassgelb der Wiesenbocksbart, weiß die Margariten, lila die Wiesenflockenblumen, blau der Wiesensalbei, hellgelb das Habichtskraut und in vielen Schattierungen violett Glockenblumen blühen.

Wir gehen das Bachelbachtal entlang. Caspar übernimmt meinen Notizblock, bleibt einen Moment im leichten Nieselregen stehen, während ich langsam weitergehe, und dichtet:

Endlich hat der Regen ganz aufgehört, und gegen 13 Uhr zeichnen wir.

Rheinromantik:

Zu Bacharach am Bachel-Bach
ging ich daselbst alleine,
der Anblick mir wie’n Stachel stach
ins Auge von dem Rheine.

Strophe 2 (Allegro furioso):

Als nachher ich noch Wachteln aß
und starrte auf das Wasser,
da fühlte ich, wie alles brach:
Reim, Metrum und Metapher“.

Gerade erzähle ich Caspar, dass ich bei solch unsicheren Wetterverhältnissen versuche, ein Bild schnell so anzulegen, dass ein Regen mich nicht überrascht, kommt er, der Regen und will mitmalen.

Wir lassen ihn. Aber der Tuschestift weigert sich mit dem Regen zu malen, also wechsle ich zu Bleistift.

Wir gehen weiter erst an einer Wiese, dann den Hang des Bombach-Tales an teils verwildertem Wein auf alten Terrassen entlang. Der Hang gegenüber ist felsig. Wir queren den Bach und gehen in Serpentinen die kleine Straße hoch.

In ein Gespräch über freche Geschichten von Roald Dahl und Salman Rushdi vertieft, deren Ende Caspar mir nicht erzählt, um mir die Freude am Selberlesen nicht zu verderben, achte ich kaum auf den hier von kleinwüchsigen Eichen bewaldeten Hang und die gegenüberliegenden, eben durchlaufenen, teils verwilderten Terrassen.

Kurz vor Medenscheid leuchtet vor einzelnen Nussbäumen ein wahres blau-violettes Festtagsgeläut von großen Glockenblumen am Wegrand.

Die Provokation verhilft der Literatur zum Wachstum wie der Regen dem Weizenfeld, an dem wir gerade, Richtung Kante des Rheingrabens, vorbeigehen.

Ein schöner Blick im Regen zurück auf Bacharach, dann weiter erst an dieser Kante und dann an Weinhängen des Winzbachtales entlang.

Nach Überquerung des Baches auf der Höhe weitergehend sehen wir drei Kindern zu, die gerade aus einem kleinen Schulbus geklettert sind.

Zwei Mädchen zu Fuß nehmen einen kleinen Jungen auf Rollschuhen in ihre Mitte, lassen los, um ihn alleine fahren zu lassen, gehen vor, nehmen ihn auf dem abschüssigen Weg wieder zwischen sich, lassen wieder los usw.

Vorbei am Fußballplatz, einem lilienbewachsenen Weiher - wohl symphatische neue Form einer Kleinkläranlage -, gelblicher Gerste, durchwachsen mit viel Klatschmohn und himmelblauen Kornblumen, hinunter zur Kante des Rheingrabens und dann am Weinberghang ins besonders schöne, etwas offenere Gailsbachtal auf Oberdiebach zu.

Oben am Himmel, endlich ein großer blauer Fleck zwischen den ziehenden Wolken. Der Weg in Serpentinen geht seicht bergab, links vor uns taucht immer wieder der bezinnte, oben schwarze Turm von Schloss Fürstenberg auf.

Einige Winzer sind bei der Arbeit. Sie beschneiden den Wein oder lassen von mit Spritzmitteln gefüllten Traktoranhängern, dicke Schläuche in die steil herabführenden Zwischenräume der Reben hinab. Am Ende des Schlauchs steht ein Winzer, der die von oben herabgeleiteten Spritzmittel versprüht. Bestimmt keine leichte oder ungefährliche Arbeit. Besonders gut zu sehen sind die Arbeiter im Weinberg, wenn man von einer der herablaufenden Serpentinen durch die gerade verlaufenden Zwischenräume der Reben schaut. Ansonsten künden vom Wind verwehte Spritzwolken von ihrer Arbeit, die ich achte. Ich selber versuche, nur Biowein zu trinken und um so mehr zu genießen.

Es ist sonnig. An einem Stück Brachland fliegt ein hellbraunes Kuckuckspärchen auf, später dann ein Schwarm Wildtauben; die Eidechsen selbst sieht man selten, aber ihre Schwänze verschwinden blitzschnell in die Spalten und Löcher der Schiefermauern, bevor man zu nahe kommt.

Wir wenden uns gegen Rheindiebach und kehren Oberdiebach den Rücken. Dieses bescheidene Dorf liegt so schön und stolz unten im Tal, hinter ihm erheben sich Berge, die würdig wären, eine unten im Tal liegende Kathedrale zu beschützen.

Im Tal verschwindet der Gailbach unter der Straße, taucht im Ort kurz wieder auf, um dann direkt unter einem Haus zu verschwinden. Von hier ist die Ruine Schloss Fürstenberg gut sichtbar.

Wir gehen, weil wir endlich mal ganz unten am Rhein entlang wollen, unter Straße und Bahn her und gehen den Leinpfad rheinauf. Gegenüber sind die Ruine Nollig und Lorch. Direkt vor uns wüste Stromschnellen. Kurz darauf künden beschnittene Linden den Ort Niederheimbach an. Nahe bei der Fähre verspeisen wir gegen 16 Uhr preisgünstig Apfelkuchen und ‚Handkäs mit Musik’ (es ist wohl der erste Mainzer Käs, den ich in meinem Leben verspeise) auf den Bänken vor dem steinernen Kiosk bei der freundlichen Wirtin.

Beim Notieren der Inschrift auf dem von frisch gepflanzten Blumen umringten Erinnerungsstein an den Untergang eines Nachens, bei dem am 2. März 1870 dreizehn Bürger von Niederheimbach ertranken, fällt mir ein, dass es schon eines unnatürlichen Todes oder aber, weniger tragisch aber viel beschwerlicher, einer besonderen Leistung bedarf, um außer einem mehr oder minder liebevoll gepflegten, handtuchgroßen Friedhofstückchens mit einem Gedenkstein in der Erinnerung der Nachgeborenen weiterzuleben.

Weiter am Rhein entlang, am Landungsplatz der Fähre vorbei. Gegenüber ziehen dunkle Wolkenschatten über sonnige Weinberghänge. Bei Rheinkilometer 538/5 malen und zeichnen wir, während der Erschbach rauschend Straße und Schiene unterquert.

Eine rheintypische Situation, die ich aufgrund der kürzlichen Wanderungen über die Rheinhöhen schon fast vergessen hatte: vorbeirauschende Züge über mir, Züge gegenüber und hier, etwas entfernter, Straßenlärm. Dazu beim Wandern Radfahrer, die in neoprengrellen, körperengen Anzügen Fußgänger wie uns eher als Fremdkörper auf ihrer möglichst schnell zu bewältigenden Etappe verachten. Selten ist, dass jemand lächelt oder gar freundlich grüßt.

Unter einer Linde sitzend beobachten wir zeichnend und malend den Rhein, der von hier eher aussieht wie ein weiter See.

Eigentlich hatten wir vorgehabt, am Ende von Niederheimbach einen Wanderweg über den Siebenburgenblick bis zum 617 Meter hohen Franzosenkopf zu gehen, aber der Tunnel, durch den der Erschbach unter Bahn und Straße fließt, wäre die letzte Möglichkeit, wenn auch teilweise kriechend, jedenfalls nass und verdreckt, vielleicht auf die andere Seite zu gelangen. Nicht besonders traurig über diese Tatsache wandern wir unten weiter rheinauf den Leinpfad entlang.

Unter großen Weiden und Schwarzpappeln entdecken wir die dunkelgelb blühende Schwarze Königskerze, viel blauen Wiesenstorchenschnabel, erste Blüten der leuchtend gelben Ufernachtkerze, viel vom kleinen rosa blühenden, zart duftenden sogenannten Stinkenden Storchenschnabel, Schachtelhalm und unter rosa und weiß blühenden Brombeerbüschen zahlreich die lila-blaue Wiesenflockenblume, gelben Gemeinen Hundsklee, lila Zickzack-Klee mit der feinen weißlichen Markierung auf den Blättern, natürlich blühende Gräser, Schilfgras und vieles mehr.

Dazu viele verschiedene Vogelstimmen in Büschen und Bäumen. Eine Schar Meisen die sich über Insekten in einem alten Weidenbaum hermachen, kann ich klar identifizieren, auch die Dominanz der Amselstimmen gegen Abend.

Aber was ist mit all den anderen Zwischentönen, die ich nicht kenne aber immer mehr wahrnehme, je mehr ich mich für sie interessiere? Ich will mich mit Vogelstimmen beschäftigen.

Am Rhein entlang zieht sich nicht nur ein mit den Jahreszeiten und Gegenden veränderndes buntes Blumenband, ein Band der verschiedenen Knospen und Laubarten, ein Band sich ständig verändernder Gesellschaften von Bäumen, Pflanzen und Blumen.

Am Rhein wandern Tiere, die siedeln, fressen und aufgefressen werden. Libellen, Bienen, Schmetterlinge und alles, was sich so ein naives Hirn wie meines vorstellen kann und beobachtet. Besonders interessiert mich momentan das akustische Band der Vögel. Sie ziehen hierher, ziehen weiter, fischen, trinken, jubilieren und stecken ihre Reviere ab, auftauchend und verschwindend mit den Jahreszeiten. Ein blumenbuntes, baumgrünes, wellengluckerndes, fröhlich vogelzwitscherndes, auch schweigsames Band.

Ich sehe auf die Uhr und bemerke, dass wir, wenn wir gegen zehn in Köln sein wollen, gerade noch für eine halbstündige Zeichnung Raum haben.

Die am Ufer von Trechtingshausen vertäuten, zur Verstärkung PS-schwacher Schiffe bereitliegenden kleinen, kräftigen Dampfer, deren Artgenossen früher zu Hunderten den Rhein hoch und runter lange Ketten von Schiffen zogen, sind willkommene Objekte.

So zeichnen wir denn, leider mit Blick auf die Uhr.

Clemens Hillebrand, 31.05.2007