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Rheinwanderung 15. Tag / 13.06.07

von Trechtingshausen nach Bingen

Clemens Hillebrand 15.Tag/13.06.2007
Clemens Hillebrand 15.Tag/13.06.2007
Clemens Hillebrand 15.Tag/13.06.2007

Ankunft in Trechtingshausen um 9 Uhr 40. Vom Bahnhof aus gehe ich auf der Suche nach einem Laden, wo ich Wasser kaufen kann, ein Stück zurück durch den schönen, einfachen Ort. Ich finde kein Geschäft und gehe die Rathausgasse runter zum Rhein.

Auf der gegenüberliegenden Seite zeigt ein Rheinkilometerstein 535 an. Der Weg führt an kleinen, teils durch Hecken voneinander getrennten Gärten vorbei. Besonders schön gedeihen hier außer orangenen Lilien, weißen Margariten, gelben Königskerzen, blauem Rittersporn, weißem und blauem Hibiscus und an den Zäunen großen weißen und blauen Winden wohl die Malven, die vielfach bis zu drei Meter hoch in vielen verschiedenen Rottönen blühen.

Ein alter Mann sitzt auf seinem Plattenweg und kratzt mit einem scharfen Gerät Unkraut aus den Fugen. Ein anderer Mann kommt auf dem Fahrrad entgegen, an der Lenkstange einen Eimer voller Brombeeren. Ich kann seinen Gruß kaum verstehen da ein sehr lauter Güterzug vorbeidonnert.

Am Campingplatz kaufe ich in einer Gaststätte eine Flasche Wasser. Eine nette Familie sitzt am Frühstückstisch. Eine junge Frau hat ein Kind auf dem Schoß, ein Mann liest aus einer Zeitung. „Die wollen jetzt die Zwangsgrippe einführen.“ – „Wie denn das?“, fragt ein anderer Mann. „Ja, Zwangsgrippe für alle über drei Jahren.“ – „Du Schwätzer! Zwangskrippe heißt das, wie Kinderkrippe nicht Kindergrippe.“ Alle lachen fröhlich.

Ich bezahle meine Flasche Wasser und gehe weiter, den Morgenbach überquerend, zur Clemens-Kapelle, die von einem Friedhof umgeben direkt unten am Rhein liegt.

Am Eingang zum Friedhof eine hölzerne Tafel: ‚Störe nicht den Frieden hier, halte Ruh und Ordnung hier, sorge, dass es alle tun, denn Du willst hier auch mal ruhn. Es ist später, als Du denkst.’

In der Kirche arbeitet ein Mann am Chorgestühl. Ich habe Glück gehabt, denn sonst wäre die Kirche zu, da es Randale und Diebstähle gegeben hat. Wir kommen ins Gespräch. Er ist Schreiner, kümmert sich aber auch viel um Ortsgeschichte. Erste Datierungen der Kapelle um 1282. Es ist eine kleine, dreischiffige romanische Kirche. Wurde als Dorfkirche genutzt, dann, als in Trechtingshausen eine größere Kirche gebaut worden war, Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zunächst als Burgkapelle der Burg Reichenstein, bis dort eine eigene Burgkapelle entstand.

Im letzten Weltkrieg gab es auch hier Zerstörung, ganz kleine Reste der Fenster aus dem 14. Jahrhundert sind noch erhalten. Sie sind im oberen Teil des Maßwerks des rechten Seitenfensters zu sehen. Die Chorfenster sowie das Chorgestühl sind aus dem neunzehnten Jahrhundert.

Ich gehe den Weg zurück, überquere bei einer Schranke im Ort die Gleise, wandere ein Stück links und dann rechts den Morgenbachweg hoch. Etwas höher habe ich einen schönen Blick zurück auf Burg Reichenstein. Etwas später quere ich auf einer kleinen Brücke den Morgenbach und gehe an einem Haus mit üppig blühenden Hortensien vorbei. Der ‚Eselspfad’ genannte Weg Richtung Burg Rheinstein führt rechts den Berg hoch und dann in kleinen Serpentinen steil in die rötlichen Schieferfelsen, die teilweise recht abenteuerliche Überhänge bilden. Von hier aus ein schöner Blick auf die hohen Kletterfelsen und kleine Weinbergterrassen zwischen Mischwald auf dem gegenüberliegenden Hang des Morgenbachtals. Ich steige den schmalen Pfad hoch an bizarren Felsen und kleinen, geduckten Eichen, Buchen und Kiefern vorbei. Schließlich erreiche ich die Kuppe und habe von einer Felsnase aus nochmal einen tollen Blick auf Burg Reichenstein und Rhein. An einem Ast hängt ein blauer Rucksack. Ich sehe ihn mir genauer an. Er ist halboffen und innen finde ich ein blechernes BMW-Schild und eine Butterbrotdose. Ich wühle ungern in fremden Sachen. Vielleicht kommt ein gnädiger Wanderer und nimmt ihn mit ins Fundbüro von Trechtingshausen. Jetzt führt der Weg an der Rheingrabenkante entlang durch hochstämmige Silberbuchen. Es ist ruhig hier, und da am Himmel derzeit dunkle Wolken ziehen, auch etwas düster. Ein Bussard schreit über mir. Eine Waldamsel fliegt unter Gezeter auf, sonst kaum ein Geräusch. Der Gedanke an den Rucksack lässt mich nicht los, ich denke mir Geschichten dazu aus.

Der Regen dringt jetzt langsam auch durch die Bäume. Durch lichtere Stellen im hohen Buchenwald Blick auf Weinterrassen und rötliche Felsen auf der anderen Rheinseite. „Buchenwald“ – was für furchtbare Vorstellungen sich an Namen hängen, die für sich genommen doch was Wunderschönes bedeuten. Aber ich bin nicht nur ein „Waldläufer“, sondern auch Kind des Geschichtsunterrichts. Der Waldboden, meist von braunem Laub bedeckt, ist an freundlicheren, lichteren Stellen teilweise mit zart-grünem Waldgras bewachsen. Kurz nach einer schönen neugotischen Sandsteinsäule, deren oberste Schicht, abblätternd, noch das Datum 1830 erkennen lässt, trete ich aus dem Wald ins Freie und sehe das ‚Schweizerhaus’. Ich sitze unter einer dichtbelaubten Kastanie, durch die der abflauende Regen kaum durchdringt. Der kräftige Wirt bringt mir das bestellte Käsebrot – ein Kunstwerk aus Salzstangen ist auf den Käse als eine Art Grill aufgesteckt, an dem paprikabestreute Zwiebelringe hängen. Während aus der Küche Schnitzelklopfen dringt, zeichne ich den eindrucksvollen Blick ins Rheintal Richtung Bingen. Die Wolkenschatten verziehen sich rheinauf und aus dem „düsteren“ Rhein wird innerhalb von wenigen Minuten ein fröhlicher Sommerrhein.

Als ich weiter gehen will, stellt sich mir wie ein knurrender Hund eine fauchende Gans entgegen, die wie ein solcher vom stämmigen Wirt zurückgepfiffen wird. Weiter geht es erst durch Obstwiesen, dann erreiche ich im wieder beginnenden Regen den willkommenen Mischwald. Dann und wann fließen kleine Bäche über den Weg durch den im neuen Wolkendunkel etwas muffigen, fast lautlosen Sommerwald. Immer wieder sehe oder überquere ich ältere, bemooste oder frische Geröllabgänge, in denen sich Fingerhutstauden angesiedelt haben. Unten vom Rhein dringen bis hierher leise die Lautsprecheransagen der Ausflugsschiffe. Ab und zu sehe ich den Fluss wie durch eine vordergründige filigrane Malerei von Baumstämmen, Ästen und Blättern. Er ist zurzeit lehmig-gelb, da er wegen der reichlichen kürzlichen Regenfälle viel Erde mit sich führt.

Es ist schön, den Rhein von hier oben aus indirekt zu bewandern.

Vorbei an einem Bombentrichter, in den wahrscheinlich Kinder sich einen Unterstand gebaut haben, indem sie eine Hälfte mit Stämmen und darübergelegten Zweigen abgedeckt haben.

Gerade plötzlich unterbrochen durch ein regelmäßig wiederholtes Taktaktaktaktak, wohl eines Spechtes, den ich vergeblich mit dem kleinen Fernrohr meines Sohnes zu entdecken versuche, spüre ich die sonst fast vollständige Geräuschlosigkeit dieses Waldes.

Am Wegrand blüht zahlreich das gelbe Springkraut, leider derzeit noch ohne prall gefüllte Samenkapseln, die einem, wenn man sie mit Daumen und Zeigefinger zum Zerspringen bringt, ein prickelndes, gleichsam erotisches Gefühl vermitteln – Nahtstelle der Erotik der Pflanzen zu menschlichem Verständnis.

An einer Wegkreuzung komme ich am Forsthaus „Heilig Kreuz“ vorbei. Es scheint besser geführt und gepflegter als das in seiner Lage und Originalität für mich interessantere Schweizerhaus. Ich gehe ein Stück des auf der linken Seite mit Fichten bestandenen Waldwegs entlang und bemerke auf abgeworfenen Fichtennadeln diesen armen, toten Maulwurf, der, seine vier Schaufelfüßchen von sich gestreckt, einen seltsam bewegten schwarzen Pelz hat. Beim näheren Hinschauen sehe ich, dass dieser Pelz aus einer Unzahl von ihn verspeisenden Ameisen besteht.

Ein Stückchen weiter geht es links runter in die Kreuzbachklamm. Ein spannender Weg führt die Hänge der teilweise bis zu 25 Meter tiefen Klamm entlang, den Bach mehrmals über abenteuerliche Holzbrücken querend. Der Weg scheint mir teilweise etwas vernachlässigt. Neue Brücken wurden gebaut, aber das Holz der alten einfach im Bach liegen gelassen. Der schmale Pfad ist teilweise schwer begehbar, da abgesunken oder durch Geröll führend. Aber es ist schon ein spannender, toller Weg, allerdings nichts für Unvorsichtige, Ängstliche und Leute mit rutschigen Sohlen. Bis auf das leise Plätschern des Kreuzbaches und das Surren der Mücken, die mich gerne stechen, ist es hier ganz still. Gegen 16°° zeichne ich Bach und Pfad.

Ich gehe, teils über umgefallene Bäume, weiter, es riecht nach verfaulendem Holz. Erst von weitem, dann immer näher höre ich lauter werdenden Straßenlärm. Wie gemein! Die Klamm führt direkt auf die B9, die hier Koblenzer Straße heißt.

Sehr unfreundlich für den Wanderer ist, dass er wohl unter größter Vorsicht bei starkem Verkehr auf den schmalen, ziemlich kaputten Bürgersteig der anderen Straßenseite wechseln kann, aber erst nach mehr als drei Kilometern eine Möglichkeit hat, über die Bahngleise wieder an den Rhein zu kommen. Es gibt vorher eine Brücke über die Gleise, die aber, da marode, gesperrt ist. Ein paar Häuser mit geschlossenen Fensterläden, dann vierstöckige, graue Kastenbauten vertreiben mir den letzten Rest Rheinromantik.

Endlich die Brücke über die Nahe. Auf der Binger Seite beobachten übers Geländer gelehnte Leute Arbeiter, die hinter einer stählernen Spundwand, vor der die Nahe bestimmt drei Meter höher steht als sie selbst, Arbeiten an einer neuen Schutzmauer ausführen. Durch Pumpen wird das kräftig eindringende Wasser aus dem Loch herausgehalten. Es sieht bedrohlich aus.

An der Nahe hoch, an einer Baustelle vorbei mit Blick auf ein ca. 20-stöckiges Hochhaus auf der gegenüberliegenden Seite, gehe ich zur schön aussehenden Kirche St. Martin, die leider geschlossen ist.

Zurück zum Rhein durch einige lange, sehr schmale Gassen. Am Denkmal Ludwigs des IV., ‚Großherzog von Hessen’, erreiche ich endlich wieder den – allerdings eingezäunten – bis 50 cm unterhalb der Ufermauer fließenden Rhein.

Am Panorama-Restaurant riecht’s nach Frittenfett. Das Fahrgastschiff ‚Vater Rhein’ ragt an der Landungsbrücke wie ein weißes, zweistöckiges Haus hoch über dem Ufer auf. Im Café (die Bedienung sah mich wohl nicht als ernstzunehmenden Gast und bekam abgezählt genau die 5,25€, die sie verlangte) des neu gebauten, etwas großspurig angelegten Kongresszentrums Blick im Gegenlicht auf Burg Ehrenfels gegenüber, die wie eine bewaldete Insel in flurbereinigter, aufgeräumter Weinbaulandschaft liegt.

Danach an Zäunen eingezäunter Anlagen vorbei mit Blick aufs gegenüberliegende Niederwalddenkmal bis zur Unterführung zum Bahnhof ‚Bingen Stadt’.

Die Unterführung stinkt genauso, wie die gelbliche Bemalung aussieht. Der Bahnhof selber – trostlos. Durch blinde Fenster blickt man auf einen Teppich aus Müll und Zigarettenkippen. Fahrkarten natürlich nur aus Automaten. Immerhin gibt es Fahrpläne.

Ich habe eine Stunde Zeit, um über Burg Klopp, von der man einen sehr interessanten Blick ins Rheintal hat, durch die Stadt schließlich wieder Bingerbrück zu erreichen, wo sich der ansehnlichere Hbf Bingen befindet, von wo aus ich einen direkten Zug nach Köln erreichen kann.

Bingen ist neuer Ausgangspunkt meiner nächsten Reise, deren Eindrücke, trotzdem es eine Fußwanderung ist, nur Streiflichter sein können. Ich werde mich dann bemühen, die Schönheiten Bingens zu finden.

Clemens Hillebrand, 13.06.2007