Logo - Rheintal.de das Portal für die Rheinregion und drüber hinaus.

Rheinwanderung 16.Tag / 31.08.07

von Bingen nach Ingelheim

Clemens Hillebrand: Blick von Burg Klopp zurück ins Rheintal
Caspar Hillebrand: Blick von Burg Klopp rheinauf.
Clemens Hillebrand: Blick auf ein Freiluftwohnzimmer unter der Schnellstraße
Clemens Hillebrand: Rhein zwischen Bingen und Ingelheim
Caspar Hillebrand: Insel bei Bingen

Um ca 9°° kommen wir, Caspar und ich, am HBF Bingen in Bingerbrück an, gehen über die Nahebrücke nach Bingen, wo viele um diese Tageszeit noch leere Buden des derzeit stattfindenden Weinfestes aufgebaut sind, weiter durch die nicht besonders schöne Einkaufsmeile ein Stück rheinauf, dann rechts hoch zur Burg Klopp. Oben vor allem ein imposanter Brunnen von etwa drei Metern Durchmesser und über 50 Metern Tiefe. Unten ist Wasser drin, das kann bedeuten, der Brunnen ist mindestens so tief, wie der Berg hoch ist.

Um noch höher zu kommen, steigen wir die vielen Treppenstufen des innen in verschiedenen Baustilen gestalteten Turmes hoch und zeichnen gegen 10°° bei Nieselregen von dort aus, Caspar rheinauf und ich rheinab, verschiedene Blicke.

Während des Zeichnens dringen Geräusche der Stadt zu uns nach oben. Dachdecker hämmern und die Laute eines nahen Pausenhofes erinnern mich an eine Vogelinsel.

Wir gehen von der Burg aus durch das Burgtor in die Maria-Hilf-Straße und sehen die schöne Marienbildsäule in der Wand neben dem Tor. Caspar erzählt von einem geplanten Vortrag an der Uni Bonn über „Marienkult und Türkenangst“. Interessant dabei ist u.a., dass einige so genannte urbayrische Kulturattribute, wie z.B. Zwiebelturm und Vanillekipferl, nach Meinung einiger Forscher aus dem türkischen Kulturkreis assimiliert wurden. Wieder unten am Rhein gehen wir im Nieselregen rheinauf, vorbei an einem schönen Büdchen im ‚maurischen’ Jugendstil, vielen um diese Tageszeit noch leeren Kirmesbuden, am Zollamt und dem frisch renovierten, schieferbedeckten Kran, der dieses Jahr am siebten August 520 Jahre alt wurde.

Im Weiteren diesseits flache Lagerhäuser – in einem davon ist die sympathisch kleine Geschäftsstelle der Landesgartenschau 2008 untergebracht –, weitläufige Baustellen mit Erd- und Schotterhaufen und ein großer, grauer Kran aus den 50er oder 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Während Caspar mir kurze sprachwissenschaftliche Erläuterungen über indogermanische Sprachfamilien gibt, wandern wir an der noch baufrischen ‚Neuen Gartenstadt’ und dem Hafen vorbei und bemerken die nun rechts auf einem Hügelausläufer sichtbar werdende filigrane, regenschleierverhangene neugotische Rochuskapelle. Bald suchen wir vor dem stärker werdenden Regen Schutz unter der ziemlich neu erscheinenden Schnellstraßenbrücke, wo ich ein freiluftiges Wohnzimmer vor einem der hier sorgsam besprühten Pfeiler zeichne.

Rheinaufwärts gehend entdecken wir hier ein direkt rechts am Kai liegendes kränkelndes, wasserüberspültes Wrack, vielleicht eine ehemalige Fähre. Gesunde Fähren fahren vom Bingener Hafen aus nach Rüdesheim. Vorbei an den hier im Schutz einer langen Mole ankernden frischgestrichenen Zugdampfern Pilot, Clarus und Loreley, einigen Arbeitsschiffen, zwei schwimmenden Wellblechhallen, allerhand Yachten und einem richtig großen, zu einem Restaurant umgebauten Rheinschiff gehen wir, frisch gepflückte, aromareiche Brombeeren genießend, weiter unter rostrot verfärbten Kastanienbäumen entlang, die einen leicht fauligen frühherbstlichen Geruch verströmen, und bemerken den kolossalen Gegensatz zwischen einem mit großen Leuchtbuchstaben beschrifteten Graugrobbetonklotz und der nun ganz nahe auf dem Hügel liegenden filigranen Rochuskapelle.

Links, rheinseits im Gebüsch wuchert wilder Hopfen, dann kommen Nussbäume und ein aus Grauwacke erbautes Haus, vielleicht ein alter Bahnhof, mit zartrot blühendem Oleander und kadmiumgelben Calendulablüten im von Brombeerhecken umzäunten Garten.

Wieder schreibe ich im Gehen. Wenn neoprenumhüllte RadfahrerInnen deshalb komisch gucken, stelle ich mir ihre Nasen als Korkenzieher vor und gucke so gleichwertig, dass sie ihren Blick abwenden. Vorbei an einem Schiffsverladeplatz für Schüttgut. Beim Straßennamen ‚Außerhalb 5’ sehen wir die Binger Schiffswerft mit aufgebockten Booten auf schlackigem Gelände.

Dann vorbei an einem Tennisplatz, dem Fußballplatz des F.V. Hassia Kempten und einem Campingplatz mit Schnitzelgeruch, Biertischen und -bänken; über eine kleine eiserne Brücke einen Bach querend vorbei an dem im Rhein stehenden Basaltfundament der ehemaligen Hindenburgbrücke und unter der Ruine eines ihrer Bögen mit abgestürztem Restteil hindurch. Sie wurde 1913, tausend Meter lang, als zweitgrößte Brücke Deutschlands gebaut, im hoffentlich letzten Krieg gesprengt und ist nun mit ihrer Umgebung Refugium für viele Wildtiere. Die geplante Reaktivierung wäre für den Naturschutz fatal.

Während wir hinter der Brücke malen und zeichnen, begleitet uns die strömende, die Mole überflutetende Wassermusik, Rheinsonate D-Moll, Kiesel-Verzeichnis R.K. 525. Im Wasser vor uns zwei Inseln. Rheinab die Rüdesheimer Aue und rheinauf die Ilmenaue.

Eigentlich machten wir wegen der interessanten Brückenruine halt, die es auch sicher wert ist, gemalt oder gezeichnet zu werden. Aber dieser Platz am Rhein ist einmalig ruhig und Symbol für viele unspektakuläre, einmalig schöne Plätze an seinem Ufer.

Wir gehen weiter mit Blick auf die baumbestandene Mole. Besonders schön sind die im Wasser stehenden Bäume, die sich einzeln im ruhigen Rhein spiegeln. Im von Strömungen unruhigen Wasser und der Schifffahrtsrinne hinter den Inseln spiegeln sich keine Abbilder. Weiter auf dem Weg sehen wir links große Pappeln und rechts Schilf. Am gegenüberliegenden Rheinufer erheben sich lang auslaufende Hügel. Diesseits bei Überquerung eines Baches sehe ich rechts, bei Rk 524,5 eine Kirche mit Zwiebelturm. Einzelne alte, kahle Baumruinen ragen im Naturschutzgebiet über Schilf und Tümpel auf. Auf der Spitze eines alten Mastes ist eine Nisthilfe angebracht. Hier soll es auch Pirole geben, wie uns Schilder des Naturschutzbundes NABU erklären. Das Wappen der von Bülow enthält einen Pirol, der auf Französisch Loriot heißt. Daher der Name des augenzwinkernden Fernseh-, Theater- und Bücherhelden.

Auf blühenden Wiesen, die ich gerne mal im Detail darstellen würde, rostrot verblühendes Johanniskraut, blaue Wegwarte, lila Seifenkraut, gelbe Nachtkerzen und sogar Alant.

Außerdem reichlich aggressive Mücken, die zusammen mit der rechts liegenden, etwa einen Kilometer entfernten Autobahn nicht nur für akustische Unannehmlichkeiten sorgen.

Gegenüber, verschwindend in regnerischem Blau, sanft an und absteigende Hügel.

Inseln wie die Fulderaue, an der wir nun vorbeigehen, bilden sich im Rhein durch Sedimentanlagerungen im Lauf der Zeit und verschwinden wieder. Hier am Ufer bewundern wir eine teils auf Pfählen stehende Holzhaussiedlung. Eins der urigen Bauwerke heißt ‚Lustiges Häuslein’. Vorbei am leicht marode aussehenden Strandbadcafé mit Warntafel vor Strömung und Strudel im Rhein. Ein dicker Mann mit noch dickerem Dackel erwidert freundlich meinen Gruß. Wir gehen rechts hoch Richtung Ingelheim.

Anfangs scheint es wie ein normales, leicht süddeutsch angehauchtes Straßendorf. Aber während wir vom Rhein kommend die lange, gerade, stark befahrene Straße hochgehen, bemerken wir, dass es sich bei diesem Teil des Ortes um ein in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts neu entstandenes Viertel der Stadt handeln muss.

Die Hauptstraße verlassend bemerke ich eine entfernte Ähnlichkeit mit Leverkusen, dem Bayer-Ort. Hier ist Böhringer-Ort. Da wir auf Nebenstraßen trotz guter Karte an den gesperrten Gewerbegebieten nicht weiterkommen, gehen wir wieder auf der Hauptstraße, gerade auf die mitten durch den Ort führende Autobahn zu. Schließlich finden wir den Weg über die Selz zum Bahnhof, vorbei an leise summenden kaminbewehrten Industrieanlagen. Hier scheint alles gut zu funktionieren. Frisch gemähte Grünflächen laufen als Verkehrsinseln elegant spitz aus. Von Rheinromantik hier keine Spur. Aber es gibt ja noch andere Teile Ingelheims, die ich von früheren Besuchen kenne und vielleicht noch kennen lerne.

Clemens Hillebrand, 31.08.2007