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Rheinwanderung 17. Tag / 09.10.2007

von Ingelheim nach Budenheim

Clemens Hillebrand 17.Tag/ 09.10.2007
Clemens Hillebrand 17.Tag/ 09.10.2007
Clemens Hillebrand 17.Tag/ 09.10.2007
Clemens Hillebrand 17.Tag/ 09.10.2007

Ankunft in Ingelheim um ca 10°°.

Vom Bahnhof gehe ich erst ein kleines Stückchen zurück, dann rechts runter an der Selz entlang. Ich gehe langsam. Da ich vor zwei Tagen wieder mal den Köln-Marathon mit gelaufen bin, begleitet mich ein Muskelkater. Dann verlaufe ich mich in Ingelheim. Gehe über eine Straßenbrücke, links riesige Stapel von Paletten und Kisten, vielleicht die Winzergenossenschaft, rechts ein Wasserrohrbruch. Dann nehme ich eine Richtung, die mir doch so komisch vorkommt, dass ich einen freundlichen Mann mit kleinem Mädchen nach dem Weg zum Rhein frage, der mich in die Richtung weist, aus der ich gerade komme.

Nach der Autobahnunterführung taucht auch die Selz wieder auf. Bei Neumühle kann ich halbrechts die Straße verlassen und gehe den immer schöner werdenden Weg am „Naturschutzzentrum Ingelheim“ vorbei, dessen reine Existenz nach dem Autokrach auf der Straße eine wahre Wohltat ist. Eichhörnchen flitzen die Stämme alter Eichen hinauf, aus deren Kronen Krähen auffliegen. Bei einem verrammelten Häuschen klaubt sich gerade ein Buntspecht etwas Leckeres aus der Rinde eines dicken toten Kirschbaums. Kirschplantagen, über die Schwärme vieler kleiner Vögel fliegen, wechseln mit trockenen, von großen Königskerzensippen bestandenen Wiesen ab.

Endlich den Rhein ahnend, gehe ich auf dem links und rechts von frisch gepflügten Feldern umgebenen Deich, dann mich links haltend an der Selz entlang in seine vermutete Richtung. Auf dem weiteren Weg wächst rechts auf einem mit Gras, Brombeeren und kleinen Bäumen bewachsenen aufgeschütteten Hügel weiß blühendes, wildes Polyfernum während links überwucherte Gärten und dahinter teils gepflegte Obstplantagen zu sehen sind. Ich laufe auf die große, grüne Front von Rheinpappeln zu, der Weg macht eine Biegung und verläuft jetzt parallel zum noch unsichtbaren Fluss rheinaufwärts. Nach der kleinen Holzbrücke, die den Münzengraben quert, sehe ich das kleine, rote, neue Haus auf der Betonbrücke, über einem mit Basalt gefassten Becken mit erstaunlich klarem Wasser. Wohl Ein- und Auslasstor für landeinwärts liegende Überflutungspolder.

Weiter führt der Weg mich über eine kleinere, ebenfalls mit Tor gesicherte Brücke über einen Graben; ein Traktor überholt mich und ich wandere an der Innenseite des langen Deichs entlang, während vorne aus der Ferne und, wie ich beim Beobachten des Starenschwarms mich umdrehend feststelle, auch von hinten jeweils eine Gruppe von Radfahrern mir entgegen kommt. Seltsam ist, dass sich beide Gruppen genau bei mir treffen, was plötzlich ziemliches Geknubbel in der sonst einsamen Landschaft ergibt.

Mir gefällt das schöne, kühle, leicht diesige Herbstwetter, während ich an Obstplantagen vorbeiwandere. Zwischen den Reihen der Bäume stehen viele Holzkisten voller roter, reifer Äpfel. Vielleicht gehört das Feld ja dem Bauern mit dem genau zwischen die Reihen passenden schmalen Traktor und angehängten Wägelchen, der mich eben grüßend überholte. Die Apfelsorten wechseln zwischen abgeernteten, buntbelaubten, schon kahlen und noch voller roter Äpfel hängenden Bäumen. Ein hellbrauner, großer Vogel quert mit auf und ab schwingendem Flug von links nach rechts meinen Weg. Endlich sehe ich Schilder DLRG und ‚Naturklause’, denen ich folge. Beim gelben Ortsschild ‚Ingelheim Leberts-Au’ gehe ich rechts auf rotem Erdweg durch die einmalige Lorbeereichenallee auf den Rhein zu und dann rechts rheinauf. Endlich sehe ich Wasser und setze mich an einer schönen, ruhigen Stelle auf die am kleinen Sandstrand stehende improvisierte Bank und male gegen 12°° den Blick auf die Insel Mariannenaue.
Ein recht schönes Plätzchen zum Malen. Fische springen im diesseits der Insel sehr ruhigen Wasser.

„Summertime, when the weather is easy, fish are jumping...“ Ich denke an meine Tochter Johanna, die dieses Lied sehr schön singt. Ein Gedicht von ihr krame ich gedanklich zusammen, ihre unverwechselbare Stimme in meinem Kopf:

Question of scale

A tiny little grain of sand
No more than dust
To you
To me
Some breath of wind blows it somehow
(might have been you blowing your nose)
Somewhere
(In your eye or in my clothes or…)
A grain of sand on Barley Cove
Not even seen as what it is
A grain
Just sand
That little grain, carried away
Just so
Far away where many lie
Together, lying, flying
Tumbling in the wind, streaming
United
Suddenly so powerful, there
Far away where thunder’s roaring
Great and gigantic and, honestly,
Very
Scary
That wind and sand, storm
Stunned
We watch it coming
A tiny little grain
–as if!

Gegen halb eins gehe ich, während von der Insel her lautes Gänsegeschrei herüberdringt, den weiteren Weg, wo buntbelaubte Bäume sich mit Grasflächen und Streuobstwiesen abwechseln, am DLRG-Holzhaus vorbei und sehe endlich wieder mal ein Rheinkilometerschild: 515.

Nahe beim Ufer beobachte ich im Weitergehen kleine Treibsandinseln, dann wandere ich an der ca. 10 Meter vom Ufer gelegenen versandeten, mit kleinen Weiden bewachsenen Basaltmole vorbei und komme bald aus dem Bereich großer Bäume heraus auf freies Feld.

Am Rhein steht ein Arbeitsschiff. Ein Bagger mit Greifzähnen fährt über die aufs Ufer gelegte Rampe und belädt einen Leichter mit Baumresten. Gerade als ich hinter dem riesigen Gestrüpphaufen bin, taucht plötzlich, wie der Kopf eines Bäume fressenden Sauriers, der Hals des Baggers mit seinen Greifzähnen auf, packt Stämme und Äste und verschwindet wieder.

Von einem herrenlosen Baum pflücke ich mir einen grünen Apfel, überquere kauend über ein Holzbrückchen die ‚Wildgrabe’ und sehe bald den netten Campingplatz unter rostfarben belaubten, dicken Platanen mit Kronen voller kleiner Vögel, unter denen mich ein Schild über im Herbst und Frühjahr auf der Mariannenaue rastende Meeresenten wie die Eisente informiert. Sogar ein Fischadler wurde als Gast gesichtet. Nachdem ich auf freie Fläche mit kleinem Hafen zum Rhein und einen menschenleeren, teilweise von großen, weißen Zelten überdachten Platz gekommen bin, kaufe ich an der tatsächlich offenen Bude bei der jungen Frau mit den sorgfältig schwarzsilber lackierten Fingernagelspitzen Salzbrezel und Wasser, gehe über den mit kleinen Linden bepflanzten Kiesplatz und sehe hinterm Deich ein Café und den Ort Heidenfarth.

Auf einer Bank ruhe ich mich gegen halb drei aus und male den Blick auf Insel und gegenüberliegende Seite.
Das Schiff mit Rampe und Greif-Saurier kreuzt mein Sichtfeld, es will vielleicht nach Mainz fahren, wohin ich heute auch noch will.

Weiter gehe ich den schönen Weg, links die immer größer werdende Insel, deren bunter werdende Bäume sich im hier noch ruhigeren Wasser spiegeln, und rechts teils riesige Eichen. Dazwischen Blicke auf mit rosa blühendem Seifenkraut bewachsene Wiesen und dann auf den Obsthof Nonnenaue und die ihn umgebenden Apfelpflanzungen. Hier ist es sehr ruhig, was sonst direkt unten am Rhein selten vorkommt. Ganz aus der Ferne kommt von rechts, fast so verblichen wie die sanften, langgestreckten Hügel, das Geräusch eines fahrenden Zuges.

Bei der riesigen Pappel dann plötzlich ein berauschender Blick auf den „See“, als der der Fluss hier erscheint, mit kleinem, fernem Hafen und weißen Booten vor Dunkelgrün.

Weitergehend vorbei an gekappten Pappeln, deren astlose Stämme wie Säulen hinter hohem Schilf und einem herbstlich dunkelrotblättrigen Strauch, durchwachsen von hellweißen „Muttergottesgläschen“, stehen. Nach der riesengroßen Wiese, auf der ein mir unbekanntes, dem Wiesensalbei ähnelndes blaublühendes Kraut zahlreich gedeiht, komme ich in dunkelgrünen Pappelwald und muss mich vor zwei von grellgrüner Entengrütze bedeckten Tümpeln von fiesen Stechmücken pieksen lassen, während ich mich über wie klitzekleine bunte Hubschrauber in der Luft stehende Libellen freue. Dann wieder eine, wie auch auf dem Weg nach Ingelheim gesehene, auf Pfählen stehende kleine Holzhaussiedlung. Eine Tafel belehrt mich dass es sich um eine alte Fischerei handelt. Bis in die siebziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts bemühte sich hartnäckig ein Fischer, die immer seltener werdenden Fänge vom modrigen Rheingeruch zu befreien, indem er die Fische monatelang in Becken mit frischem, sauberem Wasser hielt. Seit den achtziger Jahren gibt es wieder ca 43 Fischarten im Rhein. Darunter sind Stör, Äsche, Barbe, Hecht, Wels, Karpfen, Flussbarsch, Aal, Rotauge und Brachsen.

 Am Holzhaus der Wassersportfreunde vorbei sehe ich das vom Wald umgebene Hafenbecken mit Sandinsel in der Mitte und gehe über den engen, baumgesäumten Pfad, der wie ein grüner Tunnel wirkt, an dessen rechtem Rand bleichende Treibhölzer zu regelrechten Wällen zusammengeschoben wurden.

Das Geländer eines Brückchens nutze ich für Dehnübungen, um danach besser weiterlaufen zu können.

Endlich Blick über eine große Wiese auf die qualmenden Industrieanlagen bei Budenheim. Apfelplantagen und Sonnenblumen, deren gelbe Blütenköpfe sich nach Südwesten drehen. Bewunderung für den sehr dicken, ca 150 cm im Durchmesser starken, halb zerstörten Weidenbaum, und dann bin ich auch schon in Budenheim an einem Parkplatz mit Findlingen und geparkten Blechgehäusen, in denen Menschen ihren Feierabend genießen.
Manche steigen auch aus.
Plötzlich entscheide ich mich, auf das leidige Miauen meines Muskelkaters hörend, doch schon in Budenheim, statt wie geplant in Mainz mit dem Wandern aufzuhören und am Stehtisch einer Bude mit speziellem Charme unter freundlichen Gästen, direkt vor Dr. Rudolf Oetkers Fabrik einen Kaffee zu trinken.

Es folgt ein Bier und noch eins vom Chef, der sich darüber freut, dass ich seine Budenheimer Bude zeichne. Prost

Clemens Hillebrand, 9.10.07