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Rheinwanderung 18.Tag / 06.11.2007

von Budenheim nach Mainz

Clemens Hillebrand 18. Tag/06.11.2007
Clemens Hillebrand 18. Tag/06.11.2007

Um kurz vor 12°° Losgehen von der Bude von Budenheim, da, wo meine letzte Wanderung am Rhein endete. Bei leisem Regen gehe ich bei Rheinkilometer 507/6 am Schiff ‚Synthese II’, das gerade an einer Pipeline-Reling be- oder entladen wird, vorbei. Rechts von mir mit fast kahlem wilden Wein (nur die dunkelblauen Beeren hängen noch dran) bewachsene Gebäude und Mauern der Firma Rudolf Oetker. Gegenüber auf der anderen Rheinseite sehe ich den gelb-bunten Auwald und blaue Berge dahinter. Vorbei an einer weiteren Pipeline-Reling.

Eine schwarze Amsel huscht von rechts nach links über den mit gelben Blättern verschönerten Weg. Bald erscheint rechts von ihm die offensichtlich leerstehende Glashütte Budenheim. Manche Fenster sind eingeworfen, andere, ganz unten, mit Pressspanplatten verrammelt.

Bei der Schiffswerft Reuß kommt die Sonne heraus und bescheint, zum Zeichnen verlockend, eine interessante Schiffsschraube, die an einer Wand lehnt.

Von Budenheim her läutet es zwölf Uhr. Trotz Sonne regnet es wieder, so zeichne ich halt im Regen. Weitergehend sehe ich die Yacht ‚Seehund’, die eingerüstet rostig am Ufer steht. Dann ein kleines Haus, neben dessen Eingangstür als Deko große, dunkle Wathosen hängen. Vielleicht das Domizil eines Anglervereins. Nun gehts wieder unter kahlen, bunten, teils von der Waldrebe üppig bewucherten Bäumen über meist gelbes Laub in die Natur.

Mir fällt die teils leuchtend dunkelrote Färbung mancher Brombeerblätter auf. Nun erscheint ein großes, langgestrecktes, halb leer erscheinendes Gebäude, hinter dem rostige Silos aufragen – der Kreuzerhof. Über ein Brückchen gehend verlasse ich den Radweg und wandere im stärker werdenden Regen auf dem Deich, in dessen Grasgrüne immer wieder kleine Wolken letzter weißer Gänseblümchen oder einzelne blassgelbe Löwenzahnblüten erscheinen.

Eine Tafel des NABU erzählt freundlicherweise von ‚Freund Adebar’, dem weißen Storch, der sich hier wieder öfter niederlässt. Wiesen, Brombeerhecken, große einzelne Eichen, Eichelhähergezeter und rechts vom Deich jetzt verlassen daliegende Schrebergärten, in denen wie die italienische und deutsche, nass am Mast klebende Fahne einzelne Rosen und blaue Astern blass leuchten. Zwei neue Tafeln erklären mir den Unterschied zwischen Rhein nahen, oft überschwemmten, mit Weiden bestandenen Weichholzauen und den etwas entfernteren, nur alle drei bis vier Jahre überschwemmten, mit Eichen, Ulmen und Eschen bestandenen Hartholzauen.
Der Regen wird so stark und macht mich, dummerweise ohne Schirm gehend, so nass, dass ich unter einer dichten Tanne am Rand eines der Schrebergärten Schutz suche und dadurch den Blick auf wunderschön gelb-weiß blühend rankendes Geißblatt habe. Unter einer Autorheinbrücke her gehe ich über einen matschigen Weg, der leider auf eine laute, stark befahrene Straße führt. Würde die Sonne nicht herauskommen und auch zwischen den dunklen, regenschweren Wolken frischgewaschene Himmelsbläue sichtbar machen, so bekäme ich hier in dem sich ausbreitenden Gewerbegebiet zwischen Gartencenter, langen Reihen wartender Lastwagen, dem Unfall mit blaulichtigen Polizeiwagen auf der Straße, unter den an Stahlstangen im böigen Wind knallenden nassen Fahnenstoffen vor in naher Ferne qualmendem, kaffeebraun gestrichenem Nescafé-Kamin eine handfeste Novemberdepression. Dann auf der langen, geraden, stark befahrenen Strecke wieder Regen. Verschiedene Firmengebäude, Tankstellen etc. Der von der Hauptstrecke abbiegende PKW- Fahrer, der mich vorbeilassen muss, guckt mich so an, wie ich mich fühle: als ob ich nicht hierhin gehöre. Die gerade wieder hervorkommende Sonne macht alles erträglicher und trocknet meine nassen Sachen am Leib. Aber zu früh gefreut. Das von den vorbeirasenden Autos aufgespritzte Wasser macht mich wieder nass und dreckig. Ich fühle mich wie der letzte Fußgänger in Autoland. Nein, nicht der letzte.
In Höhe der Fa. Schott-Ceran kommt mir ein sein plattes Rad schiebender, laut brüllender zumindest momentan Verrückter entgegen. Er schimpft und brüllt mit allem, was ihm begegnet. Den Laternenpfählen, der Straße, den Autos und beängstigenderweise mit mir. „Sprech mich bloß nicht an“, brüllt er mir, lauter als alle Autos, von weitem entgegen. Doch bald ist er vorbei, sein verzweifeltes Brüllen verhallt im höhnischen Gröhlen des Verkehrs. Wie mag sich jemand fühlen, der so brüllt?
Vorbei an weiteren Firmen wie Erdal (Schuhcreme), Frosch (Spülmittel) etc. Bei der schön schlanken, die Straße querenden Eisenbahnbrücke, wohl ein Ausläufer der den Rhein querenden „Kaiserbrücke“, muss ich die Straßenseite wechseln. Die Ampel wird einfach nicht grün, so renne ich wie ein gejagter Hase, eine Verkehrslücke nutzend, über die Straße. Rechts dann die Phalanx der Kamine des berühmten Glasherstellers Schott. Hinter Möbelmarkt, Tankstellen und Autohäusern Blicke Richtung Rhein auf riesige Containerstapel und zwei hohe, fahrende Verladebrücken.

Endlich am Kaiser-Karl-Ring ein erstes, allerdings leerstehendes Wohnhaus. Die Fenster sind blind von aufgesprühten Graffiti. Nach der Lahnstraße (in Mainz gibt es auch rote Straßenschilder) dann das erste bewohnte Wohnhaus. Links wieder Blicke auf bis zu sechsfach gestapelte Container. Ein riesiger Stapler nimmt zwei hoch, schwankt etwas und schiebt sie auf einen Vierer-Stapel. Direkt nach der Baustelle für die neue Kunsthalle fängt die bewohnte Stadt an. Über die bestimmt gut gemeinte, aus den siebziger Jahren stammende „Grüne Brücke“ kann ich endlich, noch taub vom Krach der Straße, diese queren und komme in einen kleinen Park. Bevor ich an den Rhein gelange, meine ich einen Arbeiter an einem Stromkasten werkeln zu sehen. Was mich irritiert, ist, dass dieser Glastüren hat. Beim Näherkommen stellt sich der steinerne Kasten als eine „offene Bibliothek“ heraus. Diese Mini-Bücherei, aus der sich jeder Bücher entnehmen kann, mit der Bitte, sie bei Gelegenheit zurückzubringen, rührt mich seltsam an. Sie ist für mich positives Gegengewicht zu all dem Unpersönlich-Autogerechten, was ich auf dem Weg in die Stadt erfahren habe.
Bei der kleinen Sandsteinfeste gehe ich auf dem Adenauerufer unter beschnittenen Platanen, vorbei an einem Brunnen mit Bronzekahn, während Blätter wie gelbe Wolken durch stärkere Böen von den Bäumen geweht werden, rheinauf. Eine junge Frau und ihr Kollege kehren dem Saugrüssel eines städtischen Fahrzeugs Blätter zu, die er gerne annimmt. Vor der schönen Theodor-Heuss-Brücke mit den leuchtend roten Sandsteinpfeilern befindet sich eine Rheinwasseruntersuchungsstation, die in einem mit Rheinwasser gefüllten Becken hinter Glas lebende Rheinfische hält. Gegen 14 °° male ich ein Aquarell von der Brücke.

Ich wundere mich, dass es erst regnet, als ich fertig bin. Mir wird kalt in den feuchten Klamotten.
Zum Aufwärmen gehe ich gegen 15°° schnell weiter unter den Platanen rheinauf, vorbei an einem großen, runden Brunnen, am grün-weißen Fahrgastschiff ‚Amadeus Symphony‘ das bei RK 489 am Kai liegt, vorbei an einem dem ‚Genius Richard Wagner von seinem Mainzer Verlag‘ gewidmeten Bronzeprodukt und einer hohen Sandsteinsäule zur Erinnerung an den Kreuzer ‚Mainz‘, der 1914 vor Helgoland im Seegefecht sank, auf deren Spitze ein stilisierter Adler hockt.

Hier am Anleger ‚Fischtor‘ verlasse ich den Rhein und gehe in die Innenstadt, um mich in einem Café gegenüber dem Dom bei Cappuccino zeichnend aufzuwärmen.

Der Domplatz ist schön, besonders aber der alte, bemalte Steinbrunnen. Der Anlass seiner Errichtung – ‚die Niederwerfung der Bauernverschwörung‘ – lässt mich nachdenken.
Vielleicht hatten die Bauern ja guten Grund, sich zu erheben.
Der Dom wurde leider um 17°° geschlossen.

In Mainz will ich bald noch einen Tag zeichnen

 
Clemens Hillebrand, 06.11.2007