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Rheinwanderung 19.Tag / 10.01.2008

Mainz

Clemens Hillebrand 19. Tag/10.01.2008
Clemens Hillebrand 19. Tag/10.01.2008
Clemens Hillebrand 19. Tag/10.01.2008
Clemens Hillebrand 19. Tag/10.01.2008
Clemens Hillebrand 19. Tag/10.01.2008

Gegen halb elf Ankunft in Mainz. Weiterwandern will ich beim nächsten Mal, heute zeichne ich nur in Mainz.

Vom Bahnhof gehe ich unter grauen Wolken, aus denen es aber nicht regnet, durch die Stadt zum Dom St. Martin. Hier fällt mir, wie beim letzten Besuch, die Dunkelheit im Raum auf, zu der bestimmt die grauen Fenster einiges beitragen. Sie sind vor allem in den Rot-Partien hinter den Maßwerken in den Bögen und mit ihren Wappendarstellungen im unteren Bereich eigentlich schön. Aber das Grau ist hier gräulich und schluckt all das Licht, das gerne hereinkommen würde, um die großartige romanische Architektur und den gotischen Kapellenkranz mit seinen Altären aus verschiedenen Zeiten zu beleuchten. Vielleicht war der Anlass für die Fenster, den Raum in mystisches Dunkel zu tauchen. Jedenfalls, sobald ich den Raum betrete, habe ich Sehnsucht nach Sonne, Tageslicht oder einem Lied von Herman van Veen über dunkle Kirchen.
Um ca. 11°° zeichne ich von einer der vorderen Bänke aus in die Vierung des Westchors.

Ein freundlicher Mann fragt mich, ob er mir beim Zeichnen über die Schulter schauen darf. Gerne darf er, und wir erzählen. Ein Schildchen mit Namen und „Domaufsicht“ ist an seinem Revers. Ich bedaure die Licht schluckenden grauen Fenster und er antwortet, das Problem sei erkannt und in Arbeit. Er weist mich auf zwei neu eingebaute Fenster hin und schwärmt im weiteren von der schönen, zweistöckigen Gotthard-Kapelle. Ich bedanke mich für die freundliche Information und zeichne weiter.
Auf dem Weg zum Ausgang sehe ich die zwei sehr blauen Opalglasfenster. Sie sind bestimmt schöner, aber sehr dominant. Warum können sich Zeitgenossen nicht einordnen und dem Raum dienen? Warum müssen sie immer überdeutliche Markierungen hinterlassen?
In einem Café am Dom finde ich einen Fensterplatz und zeichne zwischen zwei Cappuccinos und einem Käsetoast auf den Domplatz.

An drei Häusern auf der gegenüberliegenden Seite wird gearbeitet. Vor dem Gerüst hängen riesige Folien mit fast auf Originalgröße aufgeblasenen Fotos der Häuser, wie sie mal waren oder bald werden sollen.
Aus dem Hintergrund des Cafés kommt eine dominant laute, aber penetrant ruhige Stimme, die ständig Bosheiten erst über die eigene Verwandt- und Bekanntschaft und dann über Gestalten aus Prominenten-Illustrierten so erzählt, als ob sie jeden persönlich kennen würde.
Erst denke ich, sie telefoniert per Handy, aber beim genaueren Hinhören stelle ich fest, dass es eine Zuhörerin, eine andere Dame am gleichen Tisch, gibt, die ihr in allem fast unhörbar zustimmt. Als dann das bestellte Essen kommt, deutet die fette Hauptstimme an, es entspreche natürlich in keiner Weise ihren Erwartungen. Nachdem die hübsche und freundliche Kellnerin den Raum verlassen hat, zieht die Stimme über sie, die nicht ein bisschen Trinkgeld verdiene, her.
Ich kann nicht mehr an mich halten und lache lautlos aber heftig. Eine draußen, nahe bei meinem Fenster vorbeigehende Frau sieht mich lachen und lacht mit, obwohl sie natürlich nicht wissen kann, worum es geht.
Wer den Film „Ödipussi“ von Loriot kennt, hat die Mutter des Helden vor Augen, und ihre Stimme im Ohr. So klingt die fette Stimme der bisher Ungesehenen, und als ich mich nach extra Trinkgeld für die Kellnerin auf dem Weg nach draußen endlich umdrehe, sehe ich, dass die dominante Dame genauso aussieht, wie sie sich anhört.

Zurück im dunklen Dom suche ich erneut nach einem Platz zum Zeichnen und komme so endlich durch eine Tür zum schönen, am Ostende des südlichen Seitenschiffs gelegenen gotischen Kreuzgang aus rotem Sandstein.
Als ich, endlich wieder im Tageslicht, die Wand befühle, ob ich mich dagegen lehnen kann, kommt ein würdiger Herr im weißen Kittel mit langen grauen Haaren daher und bietet mir einen Stuhl an. Ich freue mich über die Anerkennung des Chefrestaurators, für den ich ihn halte, setze mich dankbar auf den einfachen, aber bequemen Stuhl und zeichne.

Immer wieder kommt dieser Weißkittel gucken, als ob ihm sein Stuhl doch langsam fehlen würde. Als ich endlich fertig bin, bringe ich ihm den Stuhl um die nächste Ecke, von wo er jeweils herkam, zurück. Dort ist eine gut geführte Toilette, und er ist ein höflicher Toilettenmann. Falls ich den längst überfälligen „Toilettenführer Deutschland“ doch mal schreiben sollte, bekommt er alle verfügbaren Sterne.
Ich bedanke mich sehr und kann mich kaum von dem schönen Kreuzgang, an dessen Wandseiten allerhand alte Grabplatten und Figuren lehnen, trennen. Besonders schön ist eine gotische Grablegung Christi, wo der sehr flache steinerne Corpus wie in einem Alkoven in der Wand liegt. Nahe beim Anfang ist eine besonders schöne, farbig gefasste spätgotische Madonna mit ihrem Kind auf einer Mondsichel. Es ist die Madonna der Palästinafahrer von 1484.

Zurück im Dom zeichne ich in den Turm des Westwerks. Die flache Abendsonne bringt etwas blasses Licht, welches immer, wohin es auch fällt, eine Wohltat für den Raum ist, der fast einer riesigen Grabkammer gleicht. Beim Zeichnen komme ich mir vor wie in einer der ‚Carceri‘-Radierungen von Piranesi.
Dazu ertönt ziemlich fürchterlicher Baulärm, immer weiter anschwellend, bis ich merke, dass da ein Orgelprobierer aktiv ist, der dieses Geräusch im Wechsel mit übersüßestem Weihnachtsklingeling hervorbringt. Dann – ein mächtiger, brutaler Orgelblitz, und – endlich Ruhe, die wieder, ganz leise beginnend, neues, noch grausigeres Grollen gebiert.

Wenn es dann mal Ruhepausen gibt, höre ich die oft mit viel Ernst gestellten Fragen kleiner Kinder an Eltern oder Großeltern zur hier aufgebauten Weihnachtskrippe. Ein Lichtblick in der Düsternis.
Um mich zu bewegen, gehe ich nochmals durch den ganzen dunklen Dom und finde mich schließlich in der angenehm beheizten, zweistöckigen Gotthard-Kapelle wieder, wo ich von der rückwärtigsten Bank aus zeichne.

Auch ein Obdachloser wärmt sich hier. Froh bin ich über jede andere Person, die auch hier ist, denn der Typ wird mir unheimlich. Er spricht laut, stechend und abgehackt mit sich selber. Als er sich eine Zigarette dreht, wird er höflich, aber bestimmt vom eintretenden Küster aufgefordert, sie doch draußen zu rauchen.

Plötzlich gehen helle Lampen an, die mein entstehendes Bild in unbeabsichtigtem Licht erscheinen lassen. Eine Andacht beginnt, und ich gehe, da ich meinen Zug nach Köln erreichen will.

Clemens Hillebrand, 10.01.2008