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Rheinwanderung 2.Tag / 23.02.2006

von Wesseling nach Bonn

Clemens Hillebrand 2.Tag/ 23.02.2006
Clemens Hillebrand 2.Tag/ 23.02.2006
Clemens Hillebrand 2.Tag/ 23.02.2006
Clemens Hillebrand 2.Tag/ 23.02.2006
Clemens Hillebrand 2.Tag/ 23.02.2006
Clemens Hillebrand 2.Tag/ 23.02.2006
Clemens Hillebrand 2.Tag/ 23.02.2006
Clemens Hillebrand 2.Tag/ 23.02.2006
Clemens Hillebrand 2.Tag/ 23.02.2006

Auf dem Bahnsteig in Rodenkirchen, sind heute, an Weiberfastnacht, jede Menge Jecken unterwegs, aber eher in Richtung Köln-Innenstadt. Ich fuhr bis Wesseling Mitte, gehe oberhalb der Kirche St. Germanus an den Rhein hinunter, und skizziere bei Rheinkilometer 669, mit dickem Bleistift die hinter den kahlen Bäumen versteckte neoromanische Kirche.

Ich wanderte dann, bei Temperaturen um null Grad und leichtem Schneefall, an Wesseling vorbei. Links am Rhein die Fähre, die mich auf die andere Seite herüberbringen könnte. Rechts, dann etwas später, weitere Industrieanlagen von Wesseling.

In diesem Fall, bei Rheinkilometer 667, kugelförmige Behälter, Tanks für Gase oder Flüssigkeiten, die wie viele technische Anlagen, durch ihre optimale Zweckform einfach sehr schön aussehen. Eigentlich war ich von der ausführlicheren Zeichnung bei St. Germanus schon so durchgefroren, dass ich nur noch möglichst schnell weitergehen wollte.Aber an bestimmten Sachen, in diesem Fall, an der den Leinpfad überquerenden Pipeline, kann ich nicht vorübergehen, ohne, wenn auch nur sehr kurz, zu zeichnen. Bei Rheinkilometer 665, setze ich mich, bei Urfeld endlich etwas entspannter auf eine Bank und zeichne, den weiten Blick rheinauf, und auf das gegenüberliegende Niederkassel, in der immer noch flachen Landschaft.

Ich bin in meiner Jugend, natürlich auch einige Male mit dem Rad den Rhein hinaufgefahren. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie schön ich die mit allerhand Gemüse, vor allem Kohl und Lauch, bebauten Felder fand, hinter denen landeinwärts geschlossen der Ort begann. Heute sind da jede Menge, mehr oder weniger protzige Einfamilienhäuser und Villen entstanden, und nur noch vereinzelte Äcker werden, meist unordentlich, bewirtschaftet, als ob man ihnen ansehen sollte, dass ihre Besitzer auf baldigsten Verkauf der Fläche warten.

Der ursprüngliche Charakter vieler Rheinorte ist nur noch schwer zu erkennen. Beim Zeichnen dieses Bildes fiel leichter Schnee. Ich wanderte weiter, an zwei, an Anlegern festgemachten Fahrgastschiffen, die hier ihren Winterschlaf halten. Teilweise gehe ich ganz unten am Rhein, den Leinpfad entlang, auf diesem Abschnitt, wie früher fast überall, noch mit Basalt gepflastert, aber stark von Gras überwuchert. Da mir wieder mal zu viele Hunde entgegenkommen, klettere ich durch dichte Brombeerranken die Böschung hoch, um auf den oben parallel verlaufenden Weg zu gelangen.

Weil ich den Blick auf das -Reidter Werth- kurz zeichnen will, such ich mir ein Plätzchen auf dem kleinen Beton-Mäuerchen, wo meine Füße, wenn ich sie auf den Boden stelle, nicht in Hundehaufen stehen. Nach einigen Versuchen gelingt das tatsächlich. Hier vorne ist der Rhein braun und voller Strudel. Von irgendwoher rheinauf kommen weiße Schaumflecken herunter, die mit den Strudeln herumwirbeln. Am Himmel vorbeieilende dunkle Wolken tauchen den Fluss in düsteres Licht und lassen ihn gefährlich aussehen.

Bei Rheinkilometer 662 /9 genoss ich zum ersten mal auf dieser Wanderung, den Blick auf das Siebengebirge, welches, wenn ich farbig gezeichnet hätte, sehr zurückhaltend blau im Hintergrund geblieben wäre. Von hier aus gehe ich weiter, und würde am liebsten auch direkt weiter zeichnen. Aber ich bin so durchgefroren, dass es mir nötig scheint, erstmal eine längere Strecke, schnell zu gehen. Auf dem Weg an der Insel vorbei sehe ich, neben anderen festgemachten Schiffchen und Schiffen, ein besonders schönes altes Exemplar von einem Lastensegler. Leider hatte der Kuli, mit dem ich es zeichnen wollte, bei der letzten Reise, zuviel Regen mitbekommen, denn er weigerte sich zu zeichnen. Außerdem hatte ich, da Mittag schon vorbei war, entsprechend Hunger.

Aber die Pizzeria in den Räumen des Wassersportclubs war geschlossen. Von der Terrasse dieses Lokals aus konnte man, gut essend, die Spiele auf dem unten am Rheinufer gelegenen Fußballplatz beobachten, wenn er nicht gerade vom Wasser überflutet war. Während ich, Banane essend, auf einer Bank sitze, kommt der Frühling vorbei. Erst eine schnüffelnde Bulldogge an zu langer Leine. Am anderen Ende ein junges Mädchen, - so in sich gekehrt - freundlich lächelnd, dass ich ihrem Vierbeiner die Schnüffelei an meinen Hosenbeinen sofort verzeihe. Ihr hinterherschauend weiß ich‚ - da geht der Frühling mit wiegenden Hüften, selbstverliebt, im vollen Bewusstsein der eigenen Schönheit. 

Also beginne ich mein erstes Aquarell dieser Reise. Ich habe zwar nur alte, räudige, abgewetzte Pinsel dabei, es ist kalt, der Wind zerrt an meinem Block und treibt kleinste Schneeflöckchen auf die Farben, aber mit Hilfe des wärmenden Tees aus der Thermoskanne, gelingt es mir , das zu langsam trocknende Bild fertig zustellen, bevor ich völlig durchgefroren bin.  Verschiedene Leute schauten mir über die Schulter. „Darf ich mal einen Blick auf ihr Werk werfen“ ?. Warum nicht,- das Bild freut sich der freundlichen geworfenen Blicke, die unfreundlichen prallen ab und gehen ins Leere-. Ein kurzer Plausch über Kormorane, die in Zukunft  wieder abgeschossen werden dürfen (man merkt wir haben eine neue Regierung), über „der Himmel ist Ihnen wirklich gut gelungen“, bis zu „August Macke hat an der gleichen Stelle gemalt wie Sie, -Kunstmuseum Bonn“- „ Das ehrt mich, da bin ich in guter Gesellschaft“. „ In bester Gesellschaft, in bester - alles Gute!“

Schließlich erkläre ich völlig durchgefroren das Bild für beendet, packe zitternd meinen Kram zusammen und gehe stramm weiter, um mich aufzuwärmen. Jetzt können mich weder die zahlreichen Schwäne an der Landungsrampe der ‚Mondorfer Fähre’, noch die gegenüberliegende Siegmündung, noch der behauene Stein mit der Inschrift ‚ Gott schütze Graurheindorf und seine Menschen’, noch die halbzerfetzte Deutschlandfahne auf dem eingezäunten Grundstück, noch der alte Mann mit dem langen Stock, der ganz langsam die Böschung hinab auf den Rheinkies steigt, um im Treibgutstreifen Plastikflaschen aufzuheben, sie in seine buntbedruckte Plastiktüte zu stecken, um für sie irgendwo Pfandgeld zu bekommen-, zum Zeichnen bringen .

Erst in Graurheindorf bin ich durch’s schnelle Gehen so aufgewärmt, dass ich kurz einen in den Rhein mündenden Bach zeichne. Rheinkilometer 658 /5.
Das, was ich von diesem Ort gesehen hab, war schön anzusehen. Ich ging, da vor mir langsam eine Frau mit drei Hunden ging, vor denen ich nicht gerade Angst, aber Respekt hatte, rechts hoch durch ein Tor auf einen geräumigen rechteckigen Platz, überquerte ihn, um nochmals zurück zum Tor zu gehen, und mir den vor der neugotischen Kirche liegenden Hof mit den Resten eines barocken Tores anzuschauen. Dann wieder über den Platz und die schöne, links und rechts von kleinen Häuschen gesäumte Dorfstraße entlang.

Ich wandere gerne hier entlang, es erinnert mich an Weiß am Rhein, wo ich aufgewachsen bin. Die erste Möglichkeit links gehe ich wieder zum Rhein runter, und sehe schon wieder diese Frau mit den drei Hunden. Ich gehe einfach vorbei, ohne dass sie Notiz von mir nehmen. Hinter Graurheindorf führt der Weg rechts hoch, da direkt am Rhein der Bonner Hafen liegt. Hier ist ein Teil der schier endlosen Mengen von Containern übereinander gestapelt, die mit den Schiffen den Rhein herauf und herunter kommen. Wieder muss ich schnell gehen, um mich aufzuwärmen, oder ist es einfach die traurige Unfreundlichkeit dieses durch hohen, von Stacheldraht gekröntem Maschendraht eingezäunten Hafens, der mich, mit Gedanken an Häfen voller Leben, an Schiffe entladende Kranen, ein buntes Gewimmel aus Menschen, Karren, Fuhrwerken, Landgängern, Kneipen und daran vorbeidefilierenden Huren, schnell vorbeigehen lässt.

Über einen jetzt von gelblichem Wintergras überwachsenen, schmalen Uferweg gelangt man nach Bonn. Nachdem ich die Autobahnbrücke unterquert habe, wird der Weg breiter zu einer Promenade. Rechts haust ein ‚Penner’ in einem Plastikverschlag, mit einem Bettelkörbchen ‚für Mann und Hund’ vor der ‚Tür’, irgendein vorhandenes Bauwerk für die Aufstellung seines derzeitigen Verschlags nutzend. Die Schutzlosigkeit dieser Leute, relativ zu anderen Menschen, fällt mir auf. Wie einfacher ist es doch, durch eine Plane hindurch einzudringen, als durch eine Doppelglastür. Wie einfacher ist es doch, einen ‚Penner’ zu meucheln, als eine Person mit Namen, Adresse, Beruf und Ansehen. 

Auf der Promenade wurde ich von einem mittelgroßen Hund angeknurrt. Diesem Biest gefiel es einfach nicht, dass ich -daher- ging. Das Knurren war so aggressiv, dass ich der Frau in undefinierbarem Alter, mit verhärmtem Gesicht und kleiner folgsamer blonder Enkeltochter, deutlich vorschlug, ihr Monstrum an die Leine zu nehmen, was sie auch bei nächster Gelegenheit zu tun versprachen. Während ich mich der Stadt Bonn näherte, wurde auch ‚Weiberfastnacht’ spürbarer.
Vor allem von der Beueler Seite drang lauter werdende Karnevalsmusik herüber. In Bonn zeichnete ich vor einer Gruppe von Schwänen, die mal halb untertauchten, und dann wieder ihre ganzen Körper und Hälse zeigten. Die Frau mit dem knurrenden Hund, natürlich ohne Leine und dem kleinen Mädchen holten mich ein. Der Hund knurrt und die Frau beginnt ein Gespräch über die Vogelgrippe, die durchs Fernsehen in den Köpfen der Menschen verbreitet wurde, geht dann über zum Liebesleben ihres Köters. 

Bevor Sie mir ihre eigene Lebensgeschichte erzählen kann, klappe ich mein Büchlein zu, wünsche freundlich einen guten Tag und gehe weiter. Besonders schön ist das graublaue Siebengebirge hinter der langen Pappelallee rechtsrheinisch, -mit meinen kleinen Kindern, war ich oft dort gewesen-. Die Berge schieben sich optisch immer weiter aus dem Bereich der Allee heraus, und als ich den Beueler Kirchturm fast inmitten der Berge sehe, setzte ich mich an einer Art Spielplatz, bei Kilometer 554 auf ein Betontischchen und zeichne. Die Karnevalsmusik ist hier schon so laut, dass einem die Leute vom anderen Ufer leid tuen können.

Auch sind die Spaziergänger teilweise verkleidet. Ich sehe Weiberfastnacht auf dieser Reise anders, distanzierter. So wie es vielleicht ein Engländer erleben würde, der unerwartet in dies Fest der Einheimischen hineingerät. Ziemlich durchgefroren, habe ich es nach dem Zeichnen damit eilig, bis zur Brücke weiterzugehen. Km 552. Von dort werde ich bei nächster Gelegenheit meine Wanderung fortsetzen. Jetzt erstmal habe ich nur irgendein Lokal im Sinn, wo ich ich mich an einer Tasse Capuccino, und freundlichen Gesichtern wärmen kann.

Clemens Hillebrand, 23.02.2006