Logo - Rheintal.de das Portal für die Rheinregion und drüber hinaus.

Rheinwanderung 20.Tag / 19.02.2008

von Mainz bis Nackenheim

Clemens Hillebrand 20. Tag/19.02.2008
Clemens Hillebrand 20. Tag/19.02.2008
Clemens Hillebrand 20. Tag/19.02.2008

Um kurz vor 11°° bin ich bei kaltem, aber sonnigem Wetter am Fischtorplatz in Mainz unten am Rhein. Auf dem Weg rheinauf fällt mir zuerst der schöne bronzene Löwe auf. Dann die ebenso schönen Mauern und Tore aus roten Sandsteinquadern. Über die dicken hölzernen Bohlen der ansonsten eisernen Brücke überquere ich die Einfahrt zum Winterhafen und freue mich, dass der Weg, den ich jetzt gehe, Viktor-Hugo-Ufer heißt. Gegenüber mündet bei ca. Rk. 496, kurz vor der Eisenbahnbrücke, der Main in den Rhein. Ich nutze die Brücke, um über die Straße zu kommen, da es unten nicht mehr weiter geht, so habe ich noch einmal einen guten Blick zurück auf den roten Dom. Von der Fußgängerbrücke, die mich dann über die Gleise führt, sehe ich einen gedrungen wirkenden, runden, breiten Sandsteinturm mit aufgesetztem Türmchen. Etwas später wieder Sandstein: ein Denkstein, in den die Worte „Rechts des Rheins ist auch noch Mainz“ gemeißelt sind. Auf einem Rasendreieck blühen leuchtend gelbe und lila Krokusse.

Um der lauten Straße zu entfliehen, die mich nach Wiesenau geführt hat, gehe ich hoch in den Ort und suche mir dort parallele Straßen – hier ist es besser zu gehen. Rechts über mir steht die gelbe Kirche Maria Königin. Weiter unten gehe ich über den netten Tanzplatz mit traurigem Brunnen und mit noch traurigeren Gestalten, für die viel Bronze vergossen wurde; dann folge ich der gepflasterten Mönchsstraße, die mich an einer kleinen Likörfabrik vorbei wieder auf die laute Uferstraße führt. Bei einem Zementwerk kann ich diese Straße und die Gleise überqueren, weiß aber nicht, ob der Weg auf der anderen Seite weitergeht. Ich frage einen alten Mann danach, aber er ist schwerhörig, versteht mich nicht und fragt, ob der Weg auf der anderen Seite weiter geht. Kurz nach zwölf mache ich eine Zeichnung von dem Zementwerk.

Der Weg geht weiter und ich sehe einen etwa 40 Meter hohen Turm, unter den Betonwagen fahren, um sich befüllen zu lassen. Als ich dann unter der Autobahnbrücke her gehe, sehe ich oben ein blaues Ausfahrtschild „Oppenheim-Nierstein 200 Meter“. Da will ich heute hin, aber zu Fuß. Direkt nach der Autobahnbrücke gehe ich links runter durch die Lotharaue an einem kleinen Bach vorbei Richtung Rhein. Rechts vom Bach sind große Wiesen, teils mit alten Obstbäumen bestanden, links von mir die erhöhte Autobahn. Wenn das Vogelgezwitscher lauter ist als der Autolärm, fängt es an schön zu werden. Unten am Rhein gehe ich links an ein paar miteinander erzählenden Rentnern und der Gaststätte „Bootshaus“ vorbei und habe einen eindrucksvollen Blick auf die Autobahnbrücke. An einer Mauerecke sehe ich, rheinauf gehend, ein hübsches kleines Ziegelsteintürmchen, wohl wie die immer wieder auftauchenden Ziegelmauerstücke Rest einer ehemals imposanten Gartenanlage. Hier unten genieße ich den weiten Blick und komme bei Rk. 493 an eine alte Fährrampe, wo einige Autos stehen. Ein Mann sitzt, die Sonne genießend, im Rollstuhl vor seinem Auto. Sonst scheinen die Insassen Handwerker zu sein, die hier gerne Mittag machen. Nach der Schutzhütte mit Grillplatz vorbei an einer kleineren Kiesverladestelle, dann rechts von mir aufgebockte Boote unter brutal gekappten Pappeln, links der Rhein und rechts in etwa hundert Meter Entfernung die  Autobahn oder einer ihrer Zubringer. Der Weg führt mich am Campingplatz vorbei und dann ganz nah an den Rhein, wo endlich die auf Kies aufschlagenden Wellen lauter sind als alle anderen, eher mechanischen Geräusche. Später dann ist der Uferweg ohne genauere Angaben gesperrt, ich verlasse ihn und gehe nicht weit davon weiter über einen Feldweg, um dann wieder auf ihn zu stoßen. Links von mir der sonnenglänzende Rhein, rechts von mir hinter wechselndem Baumbestand – mal Pappeln, mal Nussbäume oder Birken, dann wieder Weißdornhecken, in denen Vögel im alten Laub rascheln – Wiesen und braune Äcker und in ca. 80 Meter Entfernung auf erhöhtem Deich die laute Autobahn. Nach Unterquerung einer auf riesige Masten gespannten Hochspannungsleitung bemerke ich zwei Graugänse, die, mich registrierend, etwas ärgerlich einige Meter wegwatscheln. Seltsam finde ich, dass ich keiner Menschenseele begegne. Bei ca. Rk. 490 sehe ich eine Baustelle, die bis zum Rheinufer hinuntergeht. Ich kann nicht darüber, und ich kann auch nicht die Autobahn queren, ohne mich und andere in böse Gefahr zu bringen, also gehe ich zurück. Erst ärgere ich mich – hätte ich doch die Sperrung des Weges ernst genommen. Beim schnellen Zurückgehen fange ich, winterlich dick bekleidet, an zu schwitzen. Da fällt mir ein, dass ich eine Rede, die ich bald anlässlich einer Ausstellung frei halten will, mal ausprobieren kann. Ich gehe redend und gestikulierend an den Punkt zurück, wo ich unter der Autobahn hindurch in ein derzeit durch Deichbauaktivitäten geschaffenes Gebiet komme, wo ein Polder entsteht, der im Falle eines extremen Hochwassers geflutet werden soll, um den Wasserspiegel zu senken.

Dann gehe ich, nun die Autobahn wie den Rhein auf der linken Seite sehend, über Feldwege an riesigen braunen Äckern vorbei, die stark nach Schweinemist riechen, unterquere wieder die Hochspannungsleitung und sehe auf schilfbestandene Flächen, wohl das Naturschutzgebiet „Großer Mehlsee“. Jetzt, in Höhe der Baustelle, die mir vor dem Zurückgehen den Weg versperrte, sehe ich vor mir im Dunst den Kirchturm und Sendemast von Nackenheim und rechts neben mir auch in der blauen Ferne Bodenheim.

Weitergehend sehe ich links von mir nur die frisch verteilte braune Erde des neuen Deichs, an dem große Dreckschieber arbeiten. Immer wieder gehe ich ganz an den Rand der neu asphaltierten Straße, um schweren Lastwagen aus dem Weg zu gehen, die eine Staubfahne hinter sich herwirbelnd neue Erde für den Deichbau bringen, hinter dem ich mir jetzt in meiner Fantasie auch ein Meer mit auf Sandstrand rollenden Wellen vorstellen kann.

Endlich verlasse ich den Polder – links von mir steht schwarz im Gegenlicht jemand, der mittels Fernsteuerung ein Modellflugzeug lenkt, über das in weitaus größerer Höhe richtige Flugzeuge, genauso klein erscheinend, fliegen –, um nach Überquerung einer Autostraße endlich über einen langen, geraden Weg Nackenheim zu erreichen, wo ich den Rhein suche und dort einen Blick auf die „Sändchensinsel“ zeichne, mit der stark befahrenen Schnellstraße im Rücken, um die ich die Nackenheimer nicht beneide, nun in verschwitzten Klamotten im Schatten frierend.

Ich sehe ein, dass ich vor Dunkelheit Nierstein und erst recht Oppenheim wandernd nicht erreichen kann, und warte am Bahnhof auf den Zug, der mich über Mainz nach Köln bringen wird. Auf dem Bahnsteig habe ich eine Viertelstunde Zeit, die Kirche von Nackenheim im Gegenlicht zu zeichnen.

Clemens Hillebrand, 19.02.2008