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Rheinwanderung 21.Tag / 11.04.2008

von Nackenheim nach Oppenheim

Clemens Hillebrand 21.Tag/11.04.2008
Clemens Hillebrand 21.Tag/11.04.2008
Clemens Hillebrand 21.Tag/11.04.2008
Clemens Hillebrand 21.Tag/11.04.2008

Gegen 10°° gehe ich bei leichtem Nieselregen vom Bahnhof Nackenheim aus hoch Richtung Kirche und dann links an einer Wand mit einem Marienbildchen vorbei Richtung Rathaus durch den hier mit seinen vielen Weingütern behäbig wirkenden Ort. Dann auf dem Weg Richtung Bergkapelle – eine Überraschung links am Hang. Jemand hat dort allerhand aus alten mechanischen Teilen, u.a. aus Landmaschinengelenken, Pflugteilen und Kanistern, mit viel Phantasie gefertigte bunte, lustige, große, metallene Figuren aufgestellt. Keine „Kunst“, sondern viel schöner. Über den Bremer Stadtmusikanten, dem Gestiefelten Kater, einem Phantasievogel und anderem trohnt der Lügenbaron von Münchhausen zwischen braven Kiefern und Tannenbäumchen an einem Wiesenhang.
Ein selbstgemaltes, halb verrottetes Schild davor: „Die Figuren habe ich in mühevoller Kleinarbeit für die Kinder gemacht. Nicht kaputt machen.“
Ich zeichne freudig diese Überraschung.

Ein am Straßenrand arbeitender Mann gibt mir freundlich Auskunft über den Weg nach Nierstein. Ich gehe den Berg hoch, am Forum Vinum vorbei, und halte mich am auf verwittertem Sandsteinfuß stehenden Wegkreuz links, dem weißen R folgend.

Auf dem abblätternden Sockel ist ein liegender Mann mit Kreuz im Arm vor Gewitter dargestellt. Neben ihm liegen Pilgerstab und Hut. Leuchtend blaue Hyazinthen und hellgelbe, im Zentrum dottergelbe Narzissen blühen heute, Tulpen bald – und im Sommer werden die zwei großen Rosenbüsche blühen, bis sie wieder Hagebutten tragen, die im Schnee dunkel werden. An der Gabelung „Auf der Platt“ gehe ich rechts Richtung Nierstein und blicke kurz zurück nach Nackenheim. Geradeaus ein schöner Rheinblick hinunter auf die Insel Kisselwörth; von dort dringt den Autolärm der diesseitigen Straße übertönendes, paradiesisches Vogelgezwitscher aus frisch grünenden Bäumen, zwischen denen ein Gehöft steht, zu mir nach oben. Ich würde gern beim nächsten, wohl erst kürzlich errichteten Gipfelkreuz den imposanten Rheinblick mit Nierstein hinten im Dunst zeichnen, aber mir ist kalt, ich muss weitergehen.

Rechts über mir Weinberge, deren rote Erde durch vorangegangene Regenfälle stellenweise auf den asphaltierten Weg geschwemmt wurde. Immer wieder in dieser genutzten Landschaft natürliche Inseln, nicht nur von leichtem Grün und erblühendem Weiß, sondern auch akustische Vogelzwitscherinseln. Die Grenze der Gemarkung Nierstein überquerend beobachte ich den Rebenschnitt. Meist bleibt nur eine Ranke stehen. Die abgeschnittenen Reben liegen als Haufen am Wegrand. Ein Hase und drei große Rehe kreuzen plötzlich den Weg und verschwinden im Gebüsch links von mir. Näherkommend meine ich den Geruch von Wild in der Nase zu spüren – und prompt springt ein Reh direkt vor mir zurück in den Weinberg, wobei ich den Klang der Spanndrähte höre, die es beim Überspringen streift. Hoffentlich hat es sich nicht verletzt. Auf dem weiteren Weg gehe ich am Hang eines Seitentals entlang, wo ich gegen 13°° zeichne.

Es ist unglaublich ruhig hier ohne den Straßenlärm, aber in der Nähe bellt ein Fuchs, was mir unheimlicher ist als das Starengesäusel in den grünenden Weiden. Über allem kreist ein Bussard. Ich stelle mir seit dem Mittelalter und lange zuvor hier an dieser Stelle kreisende Generationen von Bussarden vor, unbesehen von zeitgeschichtlichen Veränderungen, die vielleicht für Menschen wichtig, aber den Bussarden egal sind, solange sie hier Mäuse jagen können. Während ich das geruhsame Seitental Richtung Rhein verlasse, wird der Himmel dunkler – es wird wohl bald regnen. Wieder auf halber Hanghöhe direkt im Rheintal kündet die grüngestrichene Kläranlage den nächsten Ort an. Auch die Kirche auf dem Berg ist schon von weitem sichtbar. An vereinzelt rosa blühenden Mandelbäumen vorbeigehend fallen mir die von weiß blühenden Bäumen gesäumten Wasserabflussgräben auf, während ich, einen zeternden Fasan unbewusst aufscheuchend, nun den grau-schiefernen Turmhelm der Niersteiner Kirche alleine über die Hügel aufragen sehe, der näherkommend wächst und dann als Teil der nun wieder ganz sichtbaren Kirche mit der Landschaft rheinauf ein schönes Bild abgäbe, wenn ich nicht gerade eben gezeichnet hätte und einfach nur weiter wollte. Ich komme beim Lokal Heise am Kreuzberg in den Ort, gehe an der Winzergenossenschaft und der von außen schönen, schieferbedachten evangelischen Martinskirche zum alten Marktplatz und orientiere mich am kleinen Bach abwärts, der mich, naturgegeben sicher, an „richtiger“, also eher langweiliger Kunst aus gebogenem Edelstahl vorbei zum Rhein führen wird. Durch die mit Fußball spielenden Kindern bedruckten, auf Tempo 30 hinweisenden Schilder lässt sich ein mit mindestens 80 stochender Autoraser nicht beeindrucken. Nach Unterquerung der Bahn und Überquerung der B9 kaufe ich mir endlich an einer Frittenbude die lang ersehnte Flasche Wasser und gehe unten über die Rheinpromenade bis Oppenheim. Meist direkt an der lauten, lästigen Straße entlang, dann wieder, etwas angenehmer, von ihr getrennt durch einige an der Rückseite mit üblich greller Graffiti besprühte Gebäude.

Schließlich zeichne ich gegen 15°° in Oppenheim den kleinen Hafen mit Booten des Wasserschifffahrtsamts und will mich auch nicht durch den erst leichten, dann stärker werdenden Regen stoppen lassen.

etzt regnet es in Strömen auf mein Bild. Ein älterer Mann, den ich eben schon beobachtet hatte, wie er mit seinem Gehwägelchen am Ufer stand und die aufeinander eifersüchtigen Schwäne und Enten mit Brot fütterte, kommt ganz nah ran an die Bank, von der aus ich zeichne, und sagt: “Bei Dir regnet’s wohl grad in de Werkstatt.“

Er erzählt mir noch, wie er erst kürzlich mit dem Gehwagen umgefallen und von zwei hilfreichen Männern aufgehoben wurde, derweil ich nun unter strömendem Regen mein Skizzenbuch in die Plastiktüte und diese in den Rucksack schiebe und mich über die schwer zu überquerende B 9 und dann durch die Unterführung Richtung Oppenheim-Unterstadt bewege, um von dort, dem Regen trotzend, den Ruprechtsweg hochzugehen und nach Erreichen des kleinen Türmchens mich über schlammige Wege hinauf zur Ruine Landskron zu begeben.

Doch zuvor besuche ich das auf dem Weg liegende edle Gasthaus, das überhaupt nicht danach aussieht, als ob es einen beim Eintreten eine schlammige Fußspur hinterlassenden Gast willkommen heißen würde. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Im völlig leeren, fein eingerichteten Essraum bekomme ich meinen bestellten Capuccino und ziehe mich, derzeit einziger Gast, auch noch schnell um. Ich habe klugerweise ein trockenes zweites T-Shirt und Pullover in Plastiktüten eingepackt. Als sich dann der ungefähr vierjährige Sohn des Hauses mir per Handschlag vorstellt, stelle ich mich genauso höflich vor. Während ich gehe, verzehrt der Wirt gerade sein Mittagessen. Ich hätte nicht zu einem ungünstigeren Zeitpunkt kommen und dennoch nicht willkommener geheißen werden können. Danke. Dann zur Burg. Unter einem Fensterbogen der eindrucksvollen Ruine zeichne ich gegen 16°°, während der Regen auf mein sich dadurch wellendes Skizzenblatt weht.

Ich habe die Nase voll – Regen, freue mich aber auf weitere Zeichnungen von Oppenheim bei hoffentlich besserem Wetter.

Clemens Hillebrand, 11.04.2008