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Rheinwanderung 22.Tag / 28.05.2008

von Oppenheim nach Alsheim

Clemens Hillebrand 22.Tag/28.05.2008
Clemens Hillebrand 22.Tag/28.05.2008
Clemens Hillebrand 22.Tag/28.05.2008
Clemens Hillebrand 22.Tag/28.05.2008

Gegen halb zehn finde ich, vom Bahnhof kommend, bei sonnig-schwülem Wetter den Pilgerweg, steige dann schwitzend das steile Himmelstreppchen hoch und zeichne vom sandsteinernen Geschlechterbrunnen aus auf die Katharinenkirche, während mir durch ein offenes Fenster in der Nähe fröhliches Geplauder im angenehmen rheinhessischen Dialekt zu Ohren kommt

Kurz vor elf gehe ich auf dem Kiesweg um die evangelische Kirche herum. Vor der Bruchsteinmauer ist rechts vom Eingang ein schöner Garten, in dem vor allem Salbei blau blüht. Weitergehend werfe ich einen Blick in das Gewölbe der Michaelskapelle. Dort im Beinhaus wurden zwischen 1400 und 1750 fein säuberlich die Schädel und Knochen von vielen tausend Menschen gestapelt.
Seltsam ist mir die Vorstellung, dass einige dieser Menschen, deren Reste dort lagern, an gleicher Stelle wie ich heute vor einigen hundert Jahren auf diese Mauer aus Knochen starrten, die damals wohl etwas niedriger war.
Beim weiteren Rundgang gelange ich ins fast dunkle Lapidarium. Im Inneren schalte ich das elektrische Licht an und erschrecke vor grotesken Fratzen und Körpern sandsteinerner Wasserspeier. Wieder draußen im grellen Sonnenlicht kommt mir für einen Moment die umgebende Außenmauer aus hellen Steinen vor, als sei sie auch aus lauter Knochen und Schädeln gebaut. Mir scheint, dass ich auf den Resten meiner Vorfahren wandle, wie meine Nachfahren auf meinen.

Vor allem für Wanderer gut zu wissen ist, dass man beim weiteren Rundgang saubere Toiletten vorfindet.
Innen in der Kirche finde ich im Westchor unterm wunderbaren gotischen Netzgewölbe recht schöne, neue Fenster vor. Die alten und teils ganz alten mittelalterlichen Fenster im Langhaus und im Ostchor sind meist von den Farben her zurückhaltender, was dem Raum gut tut.
Am besten ist es, in einer der Bänke sitzend nichts zu denken und nur den schönen Raum auf sich wirken zu lassen, der dadurch, dass er kleiner ist als andere, bekanntere gotische Räume, den Gesamteindruck einer Kirche aus Licht als Symbol des Himmlischen Jerusalems zulässt.
Wieder draußen will ich gerne weiter, doch die einmalig schöne Sandsteingotik lässt mich nicht los. Ich setze mich auf eine Bank und zeichne auf die Südseite. Die Sonne brennt mir in den Nacken.

Bevor ich gleich einen Sonnenstich bekomme, höre ich lieber auf zu zeichnen. Am japanischen Kaiserbaum und an den sich vor der Kirchenmauer sichtbar wohlfühlenden, Frucht tragenden Feigenbäumchen vorbei gehe ich zum Katharinenbüdchen. Dort kaufe ich bei der netten Frau, die nach eigener Aussage sehr unter dem schwülen Wetter leidet, etwas Kaltes zu trinken, ein Heftchen über die Kirche, eine Karte für den Aufstieg auf den Vierungsturm und bekomme sogar noch einen Kaffee spendiert.

Der etwas unheimliche Aufstieg über die lange, enge Wendeltreppe belohnt mich mit einem einmalig schönen Blick in alle Richtungen.
Nach Südwesten sehe ich oben in den Weinbergen den Höhenweg, den ich gehen will; nach Westen den Blick auf die zwei anderen Türme; nach Nordwesten, Blick auf die Burgruine, von wo ein Kuckucksruf zu mir herüber dringt; nach Norden Blick in die Südhänge des Weinbergs. Nach Nordosten sehe ich in der Ferne ein kleines Stückchen vom glänzenden Rhein, der hier einen weit ausholenden Bogen macht; nach Osten Blick auf grüne Auwälder und die Berge des Odenwaldes im Hintergrund; nach Südost hinter roten Dächern und grünen Bäumen nochmals ein Stückchen Rhein.
Ich zeichne Richtung Süden. Gut für das entstehende Bild sind die Sandsteinrahmen der offenen Turmfenster für die schönen Landschaften da draußen.
Ab und zu fegt eine scharfe Bö durch den Raum, die mich kurz daran erinnert, dass es auch andere, düstere Wetterlagen gibt.

Beim Abstieg vom Turm ahne ich hinter vergitterten Öffnungen die riesigen dunklen Dachböden der Seitenschiffe und beschließe, als ich durch die kleine Tür wieder den Kirchenraum betrete, einerseits, bei Gelegenheit – wie z.B. bei einem der bestimmt schönen Konzerte, die hier gegeben werden – wiederzukommen, und andererseits, endlich mal weiterzuwandern.

Die Straße hinuntergehend sehe ich das hinter einem Torbogen im blumenbewachsenen Hof liegende, freundlich erscheinende evangelische Pfarrhaus.
Komme dann zum großen, hellen Markt mit Cafés und teils schönen Fachwerkhäusern, vorbei an einer Sattlerei mit hölzernem Pferdekopf über der Tür  (erinnert mich an melancholische Reime des an einen Torbogen genagelten sprechenden Pferdekopfes aus dem Märchen ‚Die Gänsemagd’: „…O Fallada, da du hangest...“).
An der katholischen Kirche vorbeiwandernd denke ich gerade, wie schön, blühend und freundlich dieser Ort ist, als eine Bronzetafel mich an andere, dunkle Zeiten erinnert:

ZUR ERINNERUNG AN ÜBER HUNDERT JÜDISCHE MITBÜRGERINNEN UND MITBÜRGER UNSERER STADT, DIE LEBEN ODER HEIMAT UNTER DEM REGIME DER BARBAREI DES RASSENWAHNS UND DER UNMENSCHLICHKEIT VERLOREN.

Gerade als ich das aufschreibe, kommen zwei kleine Mädchen die Straße herab. Ein fröhliches Stimmchen plaudert kindlichen Unsinn: „Wenn ich mir das Bein brechen würde, bräuchte ich bis zu den Ferien nicht mehr in die Schule“.
Vorbei an schönen Häusern, Weingütern mit von Rosen umrankten Toren, Eidechsen auf Bruchsteinmauern und dem Deutschen Weinbaumuseum. Ein Stück Wormser Straße, dann rechts hoch Richtung Krötenbrunnen-Weinlehrpfad; bald finde ich links einen Weg rheinauf. Rechts am Rande eines Grabens werden schon die Kirschen in den Bäumen rot, vorbei an riesigen, leicht duftenden Wildrosenbüschen – manche der rosa-rot blühenden Rosen ranken bis hoch in die Bäume hinein –, dahinter relativ flache, frischgrüne Weinberge.

Zurückblickend sehe ich wunderschön, wie eine Kulisse hinter den Weinhängen, die Katharinenkirche. Irgendwann finde ich den Rheinterassenwanderweg, dem ich im Großen und Ganzen folge. An Dienheim, links von mir im Tal,  gehe ich bei großer Hitze vorbei. Winzer, teils mit braungebranntem, nacktem Oberkörper, spannen Drähte, drehen sich, als ich komme, um, erwidern knapp meinen Gruß.
Ich gehe jetzt auf halber Hanghöhe und sehe ganz hinten links im Dunst vier breite Türme. Es wird sich hier wohl um das Kernkraftwerk (KKW) Biblis 1 und 2 handeln. Rechts oben im Weinberg auch ein Turm, entweder ein Super-Jägerhochstand oder – wahrscheinlicher – ein Aussichtsturm. Wohl eine Oma mit ihrer Enkelin befestigt an den frisch gepflanzten, den Weinhang überspannenden Drähten gelbe Plastikstreifen, die durch ihr unruhiges Flattern im Wind Wild vom Knabbern an den leckeren Jungreben abhalten sollen. Ich überschlage die Zahl, sie haben bestimmt 600 knallgelbe Plastikstreifen befestigt. Überhaupt schaffen die Winzer aufgrund ihres wirtschaftlich bestimmten Ideenreichtums Kunstwerke, von denen manche mehr oder weniger smarte ‚Landartkünstler’ nur träumen können; wie beispielsweise am Weinhang links neben mir, wo hunderte gleichartig bedruckter ‚Apple-Drink-Pappquader’ zum Schutz vor Wildbiss die jungen Reben schützen sollen, in ihrer geometrischen Wiederholung mit den Stangen, welche die Drähte tragen und den gerade über ihre Öffnungen herausragenden frischgrünen Trieben ein, je nach Blickrichtung verwirrendes oder einfaches, Ornament ergeben. Erinnert mich an Andy Warhols Campbell-Dosen-Seriengrafiken.

Mittlerweile bin ich am Ort Ludwigshöhe vorbei, bemerke viele wohl bald blühende Disteln am Wegrand und erkenne jetzt nicht nur die vier Türme, sondern auch die zwei Kuppeln des KKW Biblis im blauen Dunst in der Ferne. Weiter über den Höhenweg, links von mir dringt durchs Gebüsch Rockmusik. Durch die aus weit geöffneten Autotüren schwellende Genesis-Musik lassen sich Winzer bei der Arbeit im Weinberg beflügeln.
Nicht viel mehr als hundert Meter vor mir ist ein hoher Sendemast, links unten im Tal liegt Guntersblum. Plötzlich scheint der Weg zuende zu sein. Aber ein kleines Treppchen führt in ein grün verbuschtes Paradies, wo auch wieder viele Vögel singen, deren Sprache ich gerne kennen lernen möchte. An der von duftend weißblühendem Holunder bestandenen Wegkreuzung gehe ich, an trockenen Heckenrosengebüschen, in denen kleine Tiere rascheln, geradeaus und komme zu drei seltsam großen Kalksteinbrocken, rätselnd, ob sie immer schon hier standen oder erst kürzlich bei der letzten Flurbereinigung mit großen Maschinen zusammengeschoben wurden. Rechts von mir  auf dem Hügelkamm erscheint ein großer Aussichtsturm, der sich beim Nähergehen als der ‚Römerturm’ entpuppt. Er hat ein Dach, darunter ist es schön schattig; ich trinke aus der mitgebrachten Plastikflasche fast heißes Leitungswasser, das ich ursprünglich für die Aquarellmalerei vorgesehen hatte, und zeichne, während unten ein Auto vorfährt, aus dem zwei bekopftuchte Frauen aussteigen, die mich hier oben nicht bemerken und fröhlich picknicken und plaudern, bevor sie sich an die Arbeit im Weinberg machen, von wo aus sie mich später, auf den Turm schauend, entdecken.
Im Osten sehe ich den Odenwald; im Süden könnte man bei weniger dunstigem Wetter Worms entdecken. Ich zeichne einfach die Weinlandschaft vor mir und freue mich beim Zeichnen, dass sie weit weniger belanglos ist, als sie auf den ersten Blick scheint.

Dann runter nach Guntersblum, wo ich mir im kleinen Metzgerladen eine Apfelschorle kaufe, um sie, solange kalt, im Gehen zu trinken. Wieder Blicke durch üppig von Rosen berankte Tore auf schöne Winzerhöfe. Dann die „Wie heißt sie noch, ... ach ja ....“-Straße entlang Richtung „… Ich wusste es doch gerade“.
Kurzer Blick in die symphatisch-schäbige, kleine, kühle katholische Kirche, dann ein Weg, etwa auf halber Höhe, erst vorbei an Fußball- und Hubschrauberlandeplatz, dann an Weinhügelhängen, wo irgendwann eine große Tafel die Weinlage ‚Alsheimer Rheinblick’ anzeigt, bis in den Ort, wo ich am Bahnhof gerade meine fröhlich-rote Bahn wegfahren sehe, da ich nicht genug Kleingeld für den Fahrkartenautomat habe, das ich mir als Wechselgeld durch Trinken einer weiteren Apfelschorle in einer vollbesetzten Hofwirtschaft besorge. Die Leute hier grüßen mich freundlich beim Kommen und Gehen, obwohl ich sehr verschwitzt und eher wie ein Penner als wie ein Gourmetkritiker aussehe. Dann gehe ich am örtlichen Kriegerdenkmal und am letzten, von besonders vielen roten Rosen berankten Tor vorbei und betrete zum zweiten Mal den durch durchrauschende Züge doppelt einsam erscheinenden Bahnhof, um von da aus zurückzufahren.

Clemens Hillebrand, 28.05.2008