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Rheinwanderung 23.Tag / 07.08.2008

von Alsheim nach Worms

Clemens Hillebrand 23.Tag/07.08.2008
Clemens Hillebrand 23.Tag/07.08.2008
Clemens Hillebrand 23.Tag/07.08.2008
Clemens Hillebrand 23.Tag/07.08.2008

Um viertel vor elf gehe ich auf einem Weg rechts der Gleise vom Bahnhof Alsheim aus rheinauf. Ich laufe etwas oberhalb vom Rhein, ein Weg, der sich aus der letzten Wanderung ergeben hat. Der Rhein ist hier nicht direkt sichtbar, aber ich weiß um seine wohltuende Nähe.

Ein Weingarten hinter einer Bruchsteinmauer rechts der Straße, Leute plaudern in einem Garten, Bewegungsmelder am Haus, Baustoffhandlung – irgendwann verlasse ich die Ansammlung von Häusern und bin auf freiem Feld unterwegs Richtung Mettenheim. Gerade mache ich mir Notizen zu den gut sichtbaren Kühltürmen des AKW Biblis, als mich der bisher unangenehmste Zeitgenosse meiner Wanderung mit Fahrrad und vollbepacktem Anhänger überholt, stehenbleibt, blöde anglotzt und überlaut brüllt: „Was machst du da?“ Ich, etwas sehr perplex, gucke von meinem kleinen, schwarzen Notizbuch auf, sehe ihn an: so ’ne Art „Penner“ mit braungebranntem, nacktem Oberkörper in zerschlissener Jeans, breitbeinig über seinem Rad stehend. „Bringst du kleine Kinder um?“ brüllt er mich an, steigt auf’s Rad und fährt unter Drohgebärden und neuen unflätigen Verwünschungen davon. Bei mir bleibt eine Mischung aus Überraschung, Wut, Angst und, als er dann in fünfzig Meter Entfernung auf dem geraden Weg anhält, auch Vorsicht zurück.

Ich stecke zitternd mein Notizbuch in die hintere Hosentasche und hole Handy und Opinel-Taschenmesser aus meinem Rucksack, schalte das Handy ein, um gegebenenfalls 110 wählen zu können (obwohl mir klar ist, dass so schnell hier keine Polizei auftauchen kann) und stecke das geschlossene Messer in meine rechte Hosentasche, um gegebenenfalls etwas Hartes in der Faust zu haben. Hier unten ist weit und breit außer diesem Verrückten kein Mensch zu sehen. Aber oben auf dem Weinberg sehe ich das Dach eines Traktors immer wieder zwischen den hohen Rebenreihen auftauchen. Glücklicherweise ist in etwa zwanzig Meter Entfernung ein recht steiler, gepflasterter Weg, auf den ich, oben eine Weinberg-Lagen-Schrift ‚Alsheimer Frühmesse’ sehend, einbiege, nachdem ich erst das Stück auf den Mann, der sein Fahrrad abgestellt hat und provozierend auf mich wartet, zugehen musste. Ich denke mir, wenn er solche Sprüche von sich lässt, ist er einfach zu blöd, mit seinem Fahrrad den waagerechten Asphaltweg zu verlassen und habe Recht damit, denn ich sehe ihn Gott sei Dank nicht wieder. Der Weg führt mich zu einem netten Platz mit Brunnen. Ein Weinbauer kommt mir von oben entgegen und grüßt freundlich. Jetzt scheint alles fast wieder gut. Aber ich nehme trotzdem einen längeren Umweg über den ‚Drei-Mohren-Hof’ und die Höhe in Kauf, um dem streitsüchtigen Kerl aus dem Weg zu gehen. Schöne wilde rosa Löwenmäulchen und zart duftender Oregano blühen am Wegrand. Ich beobachte, wie ein kleiner Traktor mit zwei Mähmaschinen in Form zweier umgedrehter U’s die Seiten der Rebstöcke von oben nach unten in die gewünschte Form bringt. Mich umdrehend blicke ich noch einmal auf Alsheim und sehe bald schon Mettenheim links vor mir liegen. Aber ruhig und wieder richtig fröhlich werde ich erst durchs Zeichnen auf das – hoffentlich bald abgeschaltete – AKW Biblis im Hintergrund und das Dörfchen Mettenheim mit seinen roten Dächern vorn in der weiten Landschaft.

Beim Zeichnen denke ich, dass auch ich aggressiv werden kann, so gestern abend bei einer Besprechung über eine Bodengestaltung meines Vaters und eine geplante Malerei von mir in einer der Kölner romanischen Kirchen, aber diese Aggression war nicht grundlos, sondern richtete sich gegen vorgeschobene Genehmigungsverfahren, die einem alle Freude an der Arbeit vermiesen können. Vielleicht war mein unangenehmes Erlebnis ein Fingerzeig und ich sollte den „Verrückten“ als eine Art Verbündeten sehen, der mir bedeutet, meine eigenen Agressionen besser zu zügeln.

Gehe weiter Richtung Mettenheim, als mich sofort nach dem Zeichnen ein besonders schöner Hohlweg dazu verleitet, direkt nochmal den Skizzenblock herauszuholen.

Mettenheim scheint ein schöner, ruhiger, ziegelrot gedeckter Ort zu sein, aber ich habe beim Zeichnen vernachlässigt, den Himmel zu beobachten, um festzustellen, dass die schönen, feingliedrigen Federwolken (ich finde eine Bussard-Feder auf dem Weg, die ich mir mit meinem Opinel zur Zeichenfeder zurechtschneiden will) von schweren, dunklen, Gewitter androhenden Wolken überlagert werden, die mich, weil ich es auch in der Ferne donnern höre, zwingen, schnell Richtung Osthofen zu gehen, dem etwa vier Kilometer entfernten nächstliegenden Ort, den ich vor Ausbruch des Gewitters erreichen will, um nicht schon in Mettesheim meine Reise zu beenden. Ich gehe einfach den schnellsten, also den Radweg neben der Straße. Aber die lauten Autos nerven mich, und ich suche mir doch wieder einen Weg a la Carte, gehe links von der Straße weg und dann in einiger Entfernung von ihr rechts rheinauf. Stark böiger Wind kommt auf.

Ich sehe eine Wolkenformation, die mich an gelegentlich bei Wärmegewittern auftretende Tornados erinnert, und denke über durch die Luft gewirbelte Wohnwagen und abgedeckte Dächer nach. Während ich an den von Buschwerk überwucherten Gräben vorbei gehe, rauscht in den einzeln stehenden Pappeln kräftig der Wind. Immer wieder fliegen Rebhühner auf, dann zwei Fasane, und schließlich springt zwei Meter vor mir ein Reh weg.

Irgendwie tut es mir Leid, die auch vor dem Gewitter Schutz suchenden Tiere zu verscheuchen, und ich gehe mit mehr Abstand zu dem Gehölz entlang des Grabens. Nun raschelt es manchmal stark, aber nichts fliegt auf oder flieht vor mir. Ich habe dazu gelernt. Mich umdrehend sehe ich hinter mir aus den dunklen Wolken Regenschleier fallen, schaue nach oben, und gerade als mir auffällt, dass die riesige, besonders dunkle Wolke über mir unangenehm scharfe, graue Kanten hat, donnert es laut los. Gehe im schnellsten Schritt aus dem Feld raus wieder auf den Radweg neben der Straße und laufe, neben mir eine Hausruine genauso wie die die Straße unterquerende Betonröhre als Unterschlupf verwerfend, auf den so schnell näherkommenden Osthofener Bahnhof zu. Die letzten Meter überhole ich schnaufend im Schnellschritt einen gemütlich den beginnenden Platzregen einfach über sich ergehen lassenden Jugendlichen mit gleichem Ziel und stelle mich erst unter lautem Donner unters schützende Bahnhofsvordach um dann aber, unnatürlich schwitzend, im Inneren eines Eiscafés Zuflucht zu suchen, das mit seinen blütenweißen, anscheinend neuen Sitzen mich, der ich aus Landschaft und Regen komme, leicht beschämt, weil ich es besudeln könnte, womit die freundlich distanzierte Bedienung aber anscheinend keine Probleme hat. Ich glaube an ein Ende der Reise und ziehe mir mit dem Wechselgeld eine Fahrkarte am Bahnhof, will aber, bis der Zug zurück nach Alsheim kommt, mir noch schnell den Ort ansehen. Gehe die Schillerstraße rauf und sehe, dass das größte, hervorragende Gebäude wohl eine Malzmühle oder aber ein Malzsilo ist. So signalisiert es das Schild – ‚Schill Malz‘ – am Ende der Schillerstraße. Aber es ist trocken, und die Sonne kommt wieder heraus, während ich, die Fahrkarte schon in der Tasche, den grünen Radwegweiser Richtung Worms sehe. So vergesse ich die zwei Euro fuffzig und gehe weiter, weil auch gerade wieder die Sonne scheint. Gehe über die Heinrich-Heine-Straße rheinauf, während mir eine Frau mit zwei hübschen Töchtern entgegen kommt; etwas weiter steht ein Mann in der offenen Eingangstür eines Hauses und telefoniert. Recht wohlhabende Gegend, erinnert mich an ähnliche Straßen mit Dichternamen in Köln. Brecht, Tucholsky, Eichendorff. Dies Viertel scheint in der gleichen Zeit, vor etwa vierzig Jahren entstanden zu sein wie das ähnliche bei uns in Köln. Schließlich gehe ich den alten Herrnsheimerweg entlang, links Stoppelfelder und Kartoffeln, rechts Weinberge, aus denen zwei freundliche Leute auf kleinen Traktoren herausfahren.

Der Himmel sieht so aus, als ob sich das nächste Gewitter aufbauen würde. Vor mir die hohen Masten einer Hochspannungsleitung, ich höre bis hierher den Wind in den Drähten pfeifen.

Etwa hundert Meter vor dieser Leitung gehe ich links an einem teils mit Nussbäumen bestandenen Graben entlang auf die Straße zu, da ich über die Straßenbrücke muss, um eine Schnellstraße zu überqueren. Mich umdrehend sehe ich in der Ferne noch einmal Osthofen mit seinem markanten Malzsilo. Plötzlich bemerke ich am Himmel tiefe Dunkelheit, zwei Starenwolken, die sich zu einer vereinen, dann wieder Kurven und Spiralen fliegend trennen. Schließlich lösen sich die Wolken auf, und eine riesige Menge einzelner Stare zwitschert, von weitem hörbar, in zwei großen, alten Bäumen. Als ich die Straßenbrücke überquere, ruft mir ein Mofafahrer etwas Dummes, Zotiges zu. Ist es seine durch die höhere Geschwindigkeit vermeintlich bessere Position gegenüber mir, dem Wanderer, die ihn so was Blödes sagen lässt? Gehe an einem von Raupen völlig kahlgefressenen, dicht mit unzähligen, weißen Fäden übersponnenen Busch vorbei. In den weißen Netzen hat sich allerhand Müll wie Coladosen, Plastikflaschen, Kippen und Kronkorken verfangen, was dies überspannte Buschskelett noch unheimlicher aussehen lässt. Ein absurdes Naturdenkmal. Kurz vor Herrnsheim überquere ich erst die Straße, verlasse sie endlich und gehe halb links auf dem Radweg Richtung Worms.

Ein ganz schöner Weg, zunächst auf beiden Seiten mit dichten Büschen bestanden. Die leckeren, reifen Brombeeren sind erfrischend. Rechts und links dann Kleingärten, oder auch mal eine stark riechende Ponywiese. Holunderbeeren hängen schwarz und schwer und ziehen die Zweige nach unten. An einer Kreuzung gehe ich auf Empfehlung einer freundlichen Frau, die mich beim Karte-Lesen anspricht, durch Neuhaus Richtung Innenstadt-Worms, im Blick einen Turmhelm weit vor mir. Ich passiere den Sportplatz und dann den Kleingartenverein Eden, mit einem fetten, halbnackten Mann davor, wohl der Paradieswächter. Nach einer neueren Kirche mit kleinem Dachreiter und viel, viel Parkplatz erreiche ich die zum Turmhelm dazugehörige evangelische Kirche, die an einem kleinen, ruhigen Platz gelegen ist. Vorbei an einem schönen Vollrelief (eine Frau mit drei Kindern schöpft Wasser aus einem Brunnen) über der Eingangstür eines barocken Hauses, dann quere ich über eine Straßenbrücke das Flüsschen Pfrimm, überstehe unbeschadet die schlecht gelüftete, dunkle Bahnunterführung, vorbei am Kreisverkehr mit rostigen Pferden (oder sind es etwa große Rehe?).

Die Jahrhundertwendehäuser, meist aus rotem Sandstein gebaut, werden größer und höher; bei einem Piercingladen sehe ich endlich zwischen Häusern den Dom in der Ferne. Am groß angelegten Luther-Denkmal lese ich die Inschrift „Hier stehe ich und kann nicht anders“ . Ich kann auch nicht anders, als vor allem großen Durst zu haben und keine Lust mehr zu laufen und mich auf ein kühles Bierchen und eine Zeichnung angesichts des Domes zu freuen. Daraus wird leider nichts, da große Bereiche um den Dom herum wegen irgendwelcher Nibelungenfestspiele abgesperrt sind und voller spitzer, weißer, alberner Plastikzelte stehen. Ich gehe zurück zum Lutherdenkmal, trinke dort in der Nähe mein Bier, skizziere es
und gehe müde zum Bahnhof.



Clemens Hillebrand, 07.08.2008