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Rheinwanderung 25.Tag / 15.11.2008

von Worms nach Frankenthal

Caspar Hillebrand, Rheinlandschaft südlich von Worms
Clemens Hillebrand, Rheinlandschaft südlich von Worms
Clemens Hillebrand, Pappelallee beim Mörschbach
Caspar Hillebrand, Pappelallee am Mörschbach

Wir, mein Sohn Caspar und ich, gehen, nach Kakao- und Brötchenverzehr in einer Schnellbäckerei nahe beim Dom, gegen halb zehn Richtung Rhein, vorbei an der uralten Pauluskirche und an Resten der Stadtmauer, auf den Brückenturm hinter Straßengewirr zu. Ob die Wormser irgendwann dieses furchtbare, laute Chaos unten am Rhein in den Griff kriegen? Baustellen gibt es genug.

Wir gehen am alten Schlachthof und unter hohen Verladebrücken an der Oberrheinischen Sand- und Kiesbaggerei vorbei an riesigen Granitblöcken entlang, überqueren bald den Altbach und kommen auf freies Feld; links wird erst der Kanuclub mit vereinzelten Campingwagen, dann Schilfgrasflächen und Auwald sichtbar. Über uns kreist ein Hubschrauber. Endlich freies, unbebautes Rheinufer. Das Schild gegenüber auf der anderen Rheinseite zeigt Rheinkilometer 442. Am Wegrand viel brauner, trockener Rainfarn. Richtig knallgelb und blau ist das rheinauffahrende Tankschiff Piz Trikora.

Wir gehen nun im leichten Nieselregen unter dicken Platanen und Pappeln, überqueren den Eckbach, setzen uns auf einen großen Basaltsteinhaufen und zeichnen.

Gegenüber sehen wir dann bei ca. Rk. 440, während wir weiter unter dicken Pappeln gehen, einen Altrheinarm, der durch die Friedrichsaue fließt. Am Weg hier erscheinen immer wieder kleine Flächen voller fröhlich-lila blühender Taubnesseln.

Wir sehen ein hier in seiner Unerwartetheit seltsam berührendes, mit einem roten Herz geschmücktes Holzkreuz, derart, wie man es zu oft an Schnellstraßen findet. Das angeheftete, durch Folie etwas vor Witterung geschützte Papier mit dem Photo eines jungen, freundlich blickenden Mannes nennt seinen Namen und fragt WARUM?

Nachträglich stellte ich übers Internet fest, dass es sich um eine sehr traurige Begebenheit handelte. Am 13.12.06 erfuhren die Eltern ihres seit 17 Tagen vermissten Sohnes, dass er an dieser Stelle, 128 km von zu Hause entfernt, aus dem Rhein geborgen wurde.

Zitat aus der Homepage der Eltern: „Unser Leben veränderte sich auf einen Schlag, nichts ist mehr so, wie es war. Wir leben nur für den Tag, an dem wir erfahren, wie unser Kind starb (...) und WARUM.“

Kurz hinter dieser Stelle mündet diesseits ein Altrheinkanal in den Rhein, der sich aber, ohne gerade bei diesem kalten Wetter nass zu werden, nicht überqueren lässt. So gehen wir zurück, vorbei an der kleinen, rauschenden Stromschnelle unter dicken uralten Weiden. Ein zerdepperter, alter, mattgrauer Fernseher liegt im braunen, vertrockneten Gras. Vorbei an einem ziemlich düsteren, wohl ehemaligen, jetzt leeren Fabrikgebäude und einem anscheinend bewohnten, aber ebenso düsteren Haus, vorbei an einem großen Haufen rindenloser, wirr übereinander geschobener Baumstämme, die wie ausgebleichte Saurierknochen aussehen.

Wir schauen auf die Landkarte, um einen Weg zu finden, und um die sich durch anschwellenden Autolärm ankündigende Schnellstraße zu überqueren, gehen an einer trockenen Hecke entlang, hinter der sich eine aufwändige Modell-Großbahn-Anlage mit zwei Burgen, Teich, Dorf, Viadukt und natürlich Bahnhöfen verbirgt. Vorbei an einer lehmigen Baustelle mit arbeitsamen Dreckschiebern und Lastwagen queren wir dann die Straßenbrücke, auf der wir kurz stehen bleiben und auf ein ehemals bestimmt stattliches, derzeit furchtbar trostloses Gebäude blicken, dessen Lage wohl durch die Schnellstraße rasant an Wert verloren hat. Wir verlassen den Rheinweg und wandern Richtung Silbersee. Weitergehend ist rechts ein Deich, dahinter Wald, links Felder mit grünem Spinat. Als wir unter einer Hochspannungsleitung durchgehen, knistert es unheimlich beim Aufeinandertreffen feuchter Novemberluft mit Starkstrom.

Weiter vorbei an braunen, trockenen Büschen, vom kürzlichen Pflügen aufgeworfenen fetten, großen, dunklen Erdschollen, knallroten Hagebutten und trocken raschelndem welkenden Schilfgras, während oben, direkt über uns, ein Bussard und in der Ferne weiter der Hubschrauber kreist.

Die riesigen, halbbelaubten Weiden links vor uns sehen nur aus der Ferne aus wie die „wilden Kerle“ aus dem phantastischen Kinderbuch von Maurice Sendak; links vom Weg ein kleiner See und wieder braune Äcker vor tief liegenden, nassdunklen Wolken, die durch ihre Schwärze den hellen, nachmittagsgelben Horizont um so heller erscheinen lassen.

Rechts ist die Kiesgrube im ‚Heiligensand’, links der Weg zum Altrheinkanal. Weiter vorbei am im Herbstwind raschelnden Schilf entlang des Kanals. Links leuchtet silbern der See. Wir bleiben auf der Brücke über den Altrhein eine Weile beobachtend stehen. Blässhühner, Kormorane und, wie ein blauer Wattebausch vorbeihuschend, ein Eisvogel. Je länger man guckt, desto mehr sieht man – Wolken, Bäume und Schilf spiegeln sich im ruhig fließenden Wasser. Weitergehend sehen wir auf das dem Altrheinarm gegenüberliegende Roxheim. Ein freundlicher Mann erklärt uns den Weg und etwas von der Geschichte der Umgebung.

Viele weiße Schwäne fliegen auf. Vorbeigehend an im Herbst besonders verlassen aussehenden, nun natürlich leer stehenden Badeanlagen, erreichen wir über Parkplatz und Straße wieder freie, offene Landschaft. Wir wandern am Mörschbach entlang Richtung Mörsch und kommen, während von Ferne die Autobahn immer lauter brüllt, an eine lange, schmale, sich windende Spitzpappelallee, wo wir im eiskalten Wind zeichnen. Da ich bei der vorigen Zeichnung auf dem Basalthaufen meine schwarze Tusche verschüttet habe, zeichne ich nun mit der verbliebenen roten.

Während des Zeichnens unterhalten wir uns über Caspars Übersetzerarbeit für die von einer türkischen Mediengesellschaft in deutscher Sprache herausgegebene Zeitschrift ‚Zukunft’. Besonders haften bleibt bei mir ein von ihm übersetzter Artikel des osmanischen Dichters Ahmed Haşim (1884–1933) über die einstmals im Osmanischen Reich verordnete Umstellung auf die neue Zeit.

Hier ein Ausschnitt aus dem Artikel, der in der diesjährigen Oktoberausgabe der Zeitschrift, anlässlich der Frankfurter Buchmesse, erschien:

"-Die muslimische Uhr-

Von all den Neuerungen, die wie eine Invasion über Istanbul hereingebrochen sind und seine Bewohner in Erstaunen versetzt haben, war die unmerklichste und gleichzeitig die wirkungsvollste das Auftauchen der fremden Uhrzeit in unserem Leben.

So wie wir früher unsere eigene Art zu leben, zu denken und uns zu kleiden hatten, unseren eigenen Geschmack, dem Religion, Abstammung und Tradition Leben verliehen, so hatten wir entsprechend diesem Lebensstil auch unsere eigenen Stunden und Tage. Den Beginn des muslimischen Tages bezeichnete das erste Leuchten der Morgenröte, sein Ende die Abenddämmerung. Die Zeiger der alten, unschuldigen Uhren, wohlverwahrt unter stabilen Deckeln aus Metall, krochen wie müde Insektenbeine über das Ziffernblatt, einem Plan folgend, der mit dem Lauf der Sonne über die Himmelswölbung in mehr oder minder großer Übereinstimmung stand, und setzten ihre Besitzer nur mit ungefährer Genauigkeit über die Zeit in Kenntnis. Die Zeit war ein unendlicher Garten und die Stunden waren Blumen, die dort unter der Sonne in allen Farben blühten und sich bald nach rechts und bald nach links hin neigten. (...)

Dass wir in unserem alltäglichen Leben die Uhr alla franca annahmen, während die Uhr alla turca in den Hintergrund trat und zu einer wertlosen „alten Uhrzeit“ wurde, die man den Moscheen, Grabmälern und Gebetsstunden überließ, blieb nicht ohne furchtbare Auswirkungen auf unsere Art, die Dinge zu betrachten. Die Stunden, die gingen, waren die, in denen unsere Väter gestorben waren, in denen unsere Mütter geheiratet hatten und wir geboren worden waren, in denen Karawanen zogen und Heere auf feindliche Städte marschierten. Sie waren sorglose, unbekümmerte Freunde, die dem Leben um uns herum seine Freiheit ließen. Die Fremden, die statt ihrer kamen, zerstörten unser Leben, indem sie es, einer unbekannten Regel folgend, neu ordneten, bis wir es schließlich mit unserem eigenen Geist nicht mehr erkennen konnten. Das neue Maß kehrte in unserer Zeitauffassung das Unterste zuoberst, riss wie ein Erdbeben sämtliche Dämme des alten Tages ein, fügte die Dunkelheit dem Tageslicht hinzu und brachte so einen neuen, langen „Tag“ hervor, von trüber Farbe, arm an Glück und reich an Strapazen. (...)“

Die Geschichte geht natürlich voran, die blumige Sprache besticht, aber wir wandern weiter.

Wir gehen unter der lauten Autobahn her, neben der Ziegen in Schrebergärten weiden, weiter durch Mörsch nach Frankenthal; links ist die Kläranlage und rechts eine lange, graue Mauer mit ebenso langen, grauen Gebäuden dahinter, die wir erst für Fabriken halten, bevor sie sich schließlich als Strafvollzugsanstalt entpuppen. Vielleicht hat der dauernd über uns kreisende Hubschrauber damit zu tun. Etwas weiter eine Betonschule, recht ähnlich, nur ohne Mauern und Flutlichtmasten drumherum, dann weitergehend neunstöckige Hochhäuser, bisher solcherart unbekannte Riesenbirken in einem Park mit vielen großen, braunen Blätterhaufen, schließlich etwa 100 Jahre alte Jugendstilhäuser, und dann erreichen wir das Zentrum von Frankental, wo wir in einem warmen, hellen Café von der freundlichen Bedienung Tee und eine Kleinigkeit zu Essen bekommen und durch die dunkler werdende Nacht durchs Fenster auf die klassizistische evangelische Zwölf-Apostel-Kirche blicken, um dann ziemlich müde schnell den Bahnhof zu finden.

Clemens Hillebrand, 12.11.2008