Logo - Rheintal.de das Portal für die Rheinregion und drüber hinaus.

Rheinwanderung 26.Tag / 19.03.09

von Frankenthal nach Ludwigshafen

Clemens Hillebrand/26. Tag 19.03.2009
Clemens Hillebrand/26. Tag 19.03.2009
Clemens Hillebrand/26. Tag 19.03.2009
Clemens Hillebrand/26. Tag 19.03.2009

Gegen halb 12 gehe ich bei klarem, aber kaltem Wetter vom Bahnhof kommend durch die Bahnhofstraße Richtung Zentrum Frankenthal. Über den sonnenbeschienenen Rathausplatz schlendere ich um die Dreifaltigkeitskirche herum und entdecke die immer noch schönen sandsteinernen Reste der ruinösen ehemaligen Stiftskirche St. Maria Magdalena, komme wieder auf den Rathausplatz, setze mich auf ein rundes Betonteil, auf dem „Fußgängerzone“ steht und zeichne die Dreifaltigkeitskirche.

Drei Schüler befragen mich mit Ankreuzzetteln zum Unterschied zwischen Männern und Frauen. Mir fallen ein paar Vorurteile, wie, dass Männer besser einparken oder Billard spielen können, ein, die dann angekreuzt werden.

Gehe dann auf der wärmeren, sonnenbeschienenen linken Seite der lebendigen Speyerer Straße bis zum frisch renoviert aussehenden Speyerer Tor von 1773. Bei Blick Richtung Speyer links vom Tor im Begleitgrün eine Bronzebüste von Johann Philipp Becker, laut Inschrift 1809 in Frankenthal geboren, Vorkämpfer der Demokratie, Mitbegründer der SPD und 1886 in Genf gestorben.

Die Speyerer Straße wird nach dem Tor zur Mahlastraße. Ich gehe am derzeit aufgewühlten Jahnplatz mit monumentalem Kriegerdenkmal im Vordergrund und dem Haus der TG. Frankenthal mit den Jahn-Stuben im Parterre vorbei. Nach Tankstelle und einem schön bewachsenen Haus einige Reihen von Siedlungsbauten aus den sechziger Jahren. Dann grün-graue Wohnblocks aus den Siebzigern und das Schild „Frankenthal dankt für Ihren Besuch“ nahe dem netten Haus der Schützengesellschaft und Siedlungshäusern aus den neunziger Jahren.

Bei Überquerung der Brücke über die hier kanalisierte, schnell fließende Isenach sehe ich rechts im blauen, fernen Dunst die Bergkette der Pfalz. Gerne würde ich der Isenach bis zum Rhein folgen, kann aber meiner Karte nicht entnehmen ob ich, wie sie, auch unter der sie querenden Autobahn durchkomme.

Dann die Gaststätte des Hundesportvereins Frankenthal, „Zum Versteck“.

Unter den Folien auf dem Acker scheint irgendetwas Grünes zu wachsen. Ich überquere über eine Brücke die Autobahn. Ein Wellenmeer aus Folien wiegt sich im seichten Wind, während ein Landmann vorbeugend die ersten Unkraut-Regungen des Frühlings am Feldrain besprüht.

Dann kommt das Ortsschild „Studernheim“, danach links gepflegte Einfamilienhäuser. Ich komme an der neugotischen Sandsteinkirche St. Georg vorbei. Der Dorfkern ist recht ruhig, er erinnert mich an das nahe gelegene Maudach, wo ich vor einigen Jahren die Decke der Kirche St. Michael bemalt habe. Mein Bruder hat den Altar und schöne Fenster gemacht, auch ein Kreuzweg von mir ist dort zu sehen.

Hier in Studernheim sehe ich rechts ein schön überwachsenes Tor. An einer Straßenbiegung halte ich an der kleinen Kapelle mit dem alten Sandsteinbogen inne.

Nach dem an sich ganz schönen Kern streckt sich der Ort lang mit vielen Einfamilienhäusern und kleinen Vorgärten. Eine weißhaarige Frau harkt ihren Garten, in dem lila Krokusse neben kleinen Osterglocken und weißen Stiefmütterchen blühen, so ordentlich wie ihre Frisur.

Am Ende von Studernheim komme ich durch eine Unterführung, nahe der ein ganz neu bepflanzter, spiralförmiger Hügel angelegt ist, nach Oggersheim. Hier gehe ich die einseitig mit Bäumen bepflanzte Wormser Straße entlang. Alles ist hier sehr sauber, nett und adrett. Ganz im Gegenteil zum Straßengebüsch am Ortseingang, das gerade eben noch nicht dicht genug ist, um all den Müll zu verdecken, den Autofahrer so aus ihren Fenstern schmeißen.

Auf der rechten Seite kleine, ziegelgedeckte Häuschen, zwischen denen z.B. das „Sonnengäßchen“ oder das „Sternengäßchen“ von der Straße in die Altstadt führen. Nach dem Gebäude der Brauerei Treiber gehe ich in die Altstadtgasse I und komme an einen kleinen, runden Park, an dem ich erst vorbeigehe, dann mich umdrehe und ihn als eine jener schönen Nebensachen erkenne, die ich ja auf meiner Reise zeichnen will.

Einige Straßen weiter dann, am „Hans-Warsch-Platz“, trinke ich den vom netten Kellner gebrachten Cappuccino.

Mein kurzes Handygespräch animiert meinen Marmorkuchen essenden, bärtigen Tischnachbarn, auf meine für Oggersheimer Ohren kölnische Sprachfärbung hinzuweisen und ein Gespräch anzufangen, eher ein Monolog über Dialekte, Regionen und Oggersheimer Stadtgeschichte, im Besonderen aber über Hans Warsch, den Schäfer, dessen Denkmal hier steht und über den auch der Dichter Johann Peter Hebel schrieb.

Im Dreißigjährigen Krieg flohen bis auf zwanzig, die eilends die Zugbrücke hochzogen und die Tore schlossen, alle Einwohner des kleinen, befestigten Städtchens Oggersheim nach Mannheim vor den anrückenden Spaniern.

Als der spanische Hauptmann Don Consalva über die Mauern rufen ließ, nach der sicheren Erstürmung keinen am Leben zu lassen, falls sie die Tore nicht öffneten, flohen auch die letzten Einwohner, bis auf den Schäfer Hans Warsch und seine kurz vor der Geburt eines Kindes stehende Frau.

Hans stieg mit einer weißen Fahne auf die Stadtmauer und rief den Spaniern zu: „Im Namen der Bürgerschaft, der Garnison und des Kommandanten, wir sind bereit die Tore zu öffnen, wenn wir am Leben bleiben, unser Eigentum und unsere protestantische Religion behalten dürfen.“

Die Spanier vermuteten keine großen Schätze hinter den Mauern, wegen derer sich Blutvergießen gelohnt hätte, also gab ihr Kommandant seine Zustimmung mit Ehrenwort. So zogen sie durch das offene äußere Tor – niemand zu sehen; dann durch das innere Tor – niemand war da; schließlich kamen sie auf diesen Platz, wo Hans Warsch ganz allein mit seinem weißen Fähnchen stand und sagte: „Ich bin mein eigener Kommandant, Trompeter und Soldat – wenn ich desertieren wollte, müsste ich mich selbst einfangen.“ Der Spanier Don Consalva hielt tatsächlich, was er versprochen hatte, ließ sogar das direkt darauf geborene Kind von seinem Feldkaplan taufen, wobei er selbst als Taufpate auftrat und beim Abziehen der Truppen ein bestimmt vorher geraubtes Goldstück als Geschenk zurückließ.

Ich bedanke mich bei dem erzählfreudigen Mann für die freundliche Lektion und gehe weiter die Mannheimer Straße entlang, auf der auch die Bahn Richtung Ludwigshafen fährt. Links sehe ich überm Plus-Markt das chinesisch-mongolische Restaurant, diesseits der Straße ein Schaufenster für Tierbestattung, dann ganz plötzlich unvermutet rechts freie Wiesenfläche und hinter kastanienbestandenen Wegen groß und eindrucksvoll die klassizistische Wallfahrtskirche.

Ich überquere die Wiese, erreiche den sonnenbeschienenen Platz rechts neben der Kirche und sehe, dass dort über dem Sandsteinbrunnen ein fleißiger neuzeitlicher Bildhauer viel Bronze und Sicherheitsglas für das schwerwiegende Experiment verwendet hat, seine Maria zum Fliegen zu bringen.

Ich gehe hinein in Maria Himmelfahrt, bewundere den riesigen, hellen Raum, und, bald wieder draußen, sehe ich am Ende der Straße diese schöne Brauerei aus gelben und roten Ziegeln. Nach kurzem inneren Kampf, was ich nun zeichnen soll, entscheide ich mich für eine Skizze der Brauerei von der Ecke Geistgasse aus.

Ich gehe zurück zur Kirche und an ihr wieder vorbei über die Wiesenfläche Richtung Straße, drehe mich aber um und zeichne sie doch noch, weil sie so schön im Gegenlicht liegt.

Dann weiter über die Mannheimer Straße Richtung Ludwigshafen.

Das großartig Weite um die Wallfahrtskirche ist Profanem wie Auto-An- und -Verkauf, einer Bushaltestelle, einem über dem Dach einer Garagenbaracke liegenden ausgebleichten, luftleeren Plastikweihnachtsmann und wieder einer Autobörse gewichen. Der schöne Straßenname „In den Hollergärten“ erinnert vor der Kulisse von etwa zwanzigstöckigen Hochhäusern in der Ferne an vergangene Fröhlichkeit, während mein länger werdender Schatten mir Richtung Stadtzentrum die endlos scheinende, gerade Allee entlang, vorbei an einem Lager von riesigen Kranen, Kranwagen und Hebebühnen voraus eilt.

Links immer wieder Autofirmen, auf der Straße die lauten Autos, ein Abschleppwagen hat eine Schrottkarre geladen und zieht noch einen alten Opel, dessen Warnblinker wohl zum letzten Mal vor der Abwrackprämie traurig blinken, hinterher. Ein alt gedienter Blechgaul auf dem Weg zum Schlachter.

Ungefähr beim schaurigen Kreuz aus Sandstein und Bronze, nach dem verlassenen Café Charlie rechts und dem Café links vor dem Reifenhaufen, über den ein riesiger, alter, dicker, gestutzter Baum wie ein Geist wacht, scheint die eigentliche Stadt mit dem Charme gelb-roter Ziegelbauten zu beginnen.

Rechts der Straße, die hier Frankenthaler Straße heißt, endlich eine nicht verlassen wirkende Eckkneipe mit Biergarten, dann der Hauptfriedhof mit schönen, alten Bäumen, links ein riesiger weißer, neuer Schlot inmitten blitzsauberer Industrieanlagen. Ein kleines Backstein-Fachwerk-Hexenhaus ist zwischen großen Ziegelbauten eingeklemmt. An dem hohen Betonklotz, wohl einem Bunker, vorbei überquere ich eine Straße, gehe dann auf dem Weg Richtung Hauptbahnhof unter den berühmt-berüchtigten Stelzenstraßen, quere über eine Brücke Eisenbahnschienen, links und rechts gesäumt von dichten, weißlichen Müllstreifen. Dass auf dem spitz zulaufenden Rundturm, vielleicht auch ein alter Bunker, links vor mir sich Jugendliche abseilen, verwischt netterweise etwas meinen Eindruck, dass es sich hier um eine von ihren Bewohnern nicht besonders geliebte Stadt handelt.

Ich verlaufe mich noch auf dem gigantischen aber fast menschenleeren Bahnhof, bevor ich gerade noch rechtzeitig meinen Zug zurück erwische.

Clemens Hillebrand, 19.03.2009