Logo - Rheintal.de das Portal für die Rheinregion und drüber hinaus.

Rheinwanderung 27.Tag / 14.05.09

von Ludwigshafen nach Otterstadt

Clemens Hillebrand/27.Tag 14.05.2009
Clemens Hillebrand/27.Tag 14.05.2009
Clemens Hillebrand/27.Tag 14.05.2009
Clemens Hillebrand/27.Tag 14.05.2009

Gegen 10°° am ehemals modernen, jetzt verwaisten Bahnhof in Ludwigshafen angekommen, gehe ich bei etwas düsterem, wolkenverhangenem, aber bisher regenfreiem Himmel nach einigen Orientierungsversuchen durch eine gelblichtige Unterführung und finde das grüne Hinweisschild für Radfahrer, das mir den Weg Richtung Mundenheim weist.

Man kann über die Ludwigshafener Stadtarchitektur einiges meckern, aber auf meinem Weg durch die Stadt komme ich an schönen, kleinen, spitzgiebligen Schrebergartenhäuschen vorbei, um die herum viele Betätigungsgärtchen sind – hoffentlich nicht, um die ganzen von BASF produzierten Pflanzenschutz- und -vernichtungsmittel auszuprobieren.

Gegenüber ist ein Schild mit Rk 418. Besonders interessant finde ich den Schäferhund, der mit einem Mann in einem Kahn den Rhein hinabreist.

Nach etwa einem Kilometer zeichne ich ein zweites Bild.

Gehe dann am Altrhein entlang, wo kräftiges Fröschequaken die Vogelstimmen und den Industrielärm von der Mannheimer Seite übertönt. Der Weg führt durch einen richtigen Rheinauendschungel, hoch überragt von Starkstrommasten. Ich schüttele kleine, grüne, rote und gelbe Käfer und Raupen von mir ab, als ich aus dem Wald heraustrete. Hier stehen ein paar kleinere Häuser, der fast schon obligatorische kleine, blumenbepflanzte Rheinkahn fehlt auch nicht. Ein rechteckiger Stein gibt an, dass es von hier nach Basel 250.000 und nach Rotterdam 574.450 Meter sind.

Ein Dachdecker arbeitet auf einem der niedrigen Dächer. In eine Hauswand ist eine kleine, bronzene Relieftafel nach Spitzwegs „Armem Poeten“ eingelassen, im Altrheinarm liegen ein paar Schiffe – ein gemütliches Fleckchen.

Dann weiter den schönen, langen Waldweg durch Naturschutzgebiet am Altrhein, in dem die Bäume teils mit offen liegenden Wurzeln wie in einem Mangrovensumpf stehen. Ein leicht fauliger Geruch liegt in der fast unbewegten Luft. Die weißen Pappelsamen scheinen in der Luft zu stehen. Bald bin ich im Ort Altrip, gehe über die Römerstraße teils an recht schönen Fachwerkhäusern vorbei, komme zur protestantischen Kirche, deren alter, romanischer Sandsteinturm besonders schön ist. Ein steinernes Denkmal, errichtet 1911 „zum Gedächtniß für Regino“, erinnert an den in Altrip geborenen und 915 in Trier gestorbenen Verfasser der ersten deutschen Weltgeschichte. Gehe wieder zum Hauptdeich an den Rhein und sehe auf dem Radfahrerschild, dass es noch 16 km bis Speyer sind. Ich spute mich, um es hoffentlich vor dem sich ankündigenden Regen oder gar Gewitter zu erreichen.

Auf dem Deich blühen viele Blumen und flattern viele Schmetterlinge. Zwei Mädchen kommen mir laufend entgegen, erinnern mich mit ihren Armbewegungen auch etwas an Schmetterlinge. Hinter Altrip sehe ich, mich umdrehend, weit im blauen Hintergrund die qualmende Silhouette der Industriegebäude, die ich vorhin gezeichnet habe. Die Landschaft macht durch die großen, vor dem Wald liegenden Wiesenflächen einen offenen Eindruck und erinnert mich an englische Parklandschaften. Ich scheine von einem Kuckucks-Revier zum anderen zu laufen. Noch nie habe ich so viele Kuckuck-Rufe hintereinander gehört. Die Butterblumen leuchten besonders hellgelb vor dunklem Waldrand unter grauer werdenden Wolken. Trinke auf der Terrasse des Restaurants Rheinblick ein großes Glas kaltes Wasser und beeile mich weiterzukommen. Rechts ein ruhiger See, links Wald, dann öffnet sich die Landschaft wieder. Bei der Waldseeschleuse zeichne ich noch mal kurz, während erste Regentropfen fallen.

Dann gehe ich schneller und bewundere die weite Landschaft unter tief hängenden Wolken, die mich an Landschaften am Meer erinnert.

Vorbei an einem Wasserturm, der in seiner Hässlichkeit schon wieder schön ist, nähere ich mich Otterstadt. Auf einem kleinen Platz sitze ich dann auf der Bank unter einer Linde und zeichne den alten Hof gegenüber. Ein Bauer kommt nach einer Zeit heraus und erklärt mir freundlich, dass es sein Haus und das älteste im Ort ist. Die Linde schützt erst vor dem Regen, aber dann höre ich auf zu zeichnen und auch zu wandern, da er immer stärker wird.

Während ich zwischen blühenden und duftenden Hecken gehe, durchdringen fröhlicher Pausenlärm einer nahen Schule sowie Geräusche geregelter Arbeit (Klopfen auf Stahl) das Gezwitscher der Spatzen. Bis auf die freundliche junge Frau, die mir eben bei meinen Orientierungsversuchen half, sehen mich eher nur skeptische bis abfällige Mienen entgegenkommender Radfahrer an. Es scheint sich nicht zu gehören, dass ein Mann im arbeitsfähigen Alter morgens mit Rucksack hier entlang wandert. Er hat gefälligst an einer der zahlreichen Produktionsstätten oder im Rentenalter zu sein oder aber seine Existenzberechtigung durch hektisches Autofahren zu beweisen. Ich unterquere die Autobahnbrücke der A 650, unter der, mit dem Rücken an einen Pfeiler gelehnt, ein paar Jugendliche lachen und erzählen. In Mundenheim komme ich an einer vor kurzem offensichtlich ausgebrannten Pizzeria und dann, in der ruhigen, gepflegten Fürstenstraße, an Altbauten mit schönen Tür- und Fensterlaibungen aus rotem Sandstein vorbei. Ich unterquere nochmals eine Autobahn und sehe hinter Brachland Portalkräne, die die Nähe des Rheins bedeuten. Der Radweg führt durch einen grünen Korridor, auf dem ich, abgesehen von der Wegweiserin, den ersten freundlichen Radfahrer treffe. Linkerseits ist eine riesige, durch verschiedenfarbige Erdschichtungen abgedeckte Deponie zu sehen, vor der, direkt an der Straße in einem Fachwerkhaus, eine Gaststätte ist, vor der einige Autos parken. An einer Kreuzung gehe ich rechts Richtung Altrip. Da die Straße hier keinen Bürgersteig hat (Fußgänger sind hier nicht vorgesehen), suche ich mir einen Weg parallel durchs kniehohe, meine Hose und Füße nässende Gras, wobei mir drei aufspringende Hasen und viele auffliegende rotbraune Schmetterlinge begegnen.

Da ich den Rehbach überqueren muss, gehe ich wieder auf der Straße, wo ich endlich einen kleinen, begehbaren Trampelpfad links neben ihr finde. Wenn die Straße mit ihren hektisch vorbeirasenden Autos nicht wäre, wäre die Wiese hier mit den vielen weiß blühenden Margariten ein Paradies. Ein rotes Schild kündigt mit gelber Schrift den Tag der offenen Tür der freiwilligen Feuerwehr am Pfingstsonntag in Altrip an, während ich, wie das dicke, rostfarbene Eisenrohr, ein Stück Altrhein überquere, der hier unter die Straße gequetscht ist.

Ich freue mich über die zahlreichen Milchsterne im Gras neben mir, die jetzt auch in unserem Garten zu Hause blühen. Das Schild vom Wasser-Ski-Club Kurpfalz lässt mich ahnen, dass man hier an sonnigen Wochenenden mit beidseitiger Dröhnung, vom See und von der Straße her, rechnen muss.
Nun gehe ich einen Weg, der nach links auch zum Bootshaus der Paddlergilde führt und befinde mich endlich, nach langem Umgehen von Industrieanlagen, wieder unmittelbar am Rhein.

Ich baue mir aus zufällig herumliegenden roten Sandsteinen einen bequemen Sitz und zeichne.

Clermens Hillebrand, 14.05.2009