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Rheinwanderung 28. Tag / 15.07.09

von Otterstadt nach Speyer

Caspar Hillebrand, Otterstadt, Blick über den Stickelspitzerbrunnen auf die Kirche Mariä Himmelfahrt, Zeichnung.
lemens Hillebrand, Otterstadt, der Schurke vom Stickelspitzerbrunnen, Bleistiftzeichnung.
Caspar Hillebrand, Steg an einer Kiesgrube zwischen Otterstadt und Speyer,Tuschezeichnung.
Clemens Hillebrand, Kiesgrube zwischen Otterstadt und Speyer, Aquarell.
Caspar Hillebrand, Blick auf Speyer, Sepiazeichnung mit selbst geschnittener Rohrfeder
Clemens Hillebrand, Blick auf Speyer, Blei-/Buntstiftzeichnung.
Caspar Hillebrand, Dom zu Speyer, Westseite, Sepiazeichnung mit Rohrfeder.
Clemens Hillebrand, Dom zu Speyer, Blei-/Buntstiftzeichnung.

Es hat wohl gerade geregnet, und es sieht nach weiterem Regen aus, als wir, mein Sohn Caspar und ich, um halb zehn in Otterstadt losgehen, erstmal durch die Luitpoldstraße, eine lange, gerade Straße mit einstöckigen Giebelhäusern. Auf dem Dach der Schule ist ein Storchennest. Wir gehen an der aus verschiedenfarbigen Backsteinen gebauten Kirche Mariä Himmelfahrt vorbei über den schönen Platz, an dessen Ende der Stickelspitzerbrunnen mit netten Figuren steht.

Auf dem Brunnenrand verkündet ein Schild: „Stickel-Spitzer-Brunnen – Eichentlich müßt do en Bahnhof schtehe. Awer weil die Otterstadter em Spitzbu uff de Leim gange sin, is es nix worre mit de Eisebahn. Die Stickel war’n umsunscht gespitzt. 1986. fecit: Zeuner, Speyer.“

Caspar will direkt zur Tat schreiten und zeichnet die Kirche und den Brunnen im Vordergrund.

Ich gehe Wasser, Brot, Käse und Schokolade kaufen und erfahre von der freundlichen Frau, die ich nach dem Weg zum wohl einzigen Lebensmittelmarkt im Dorf frage, auch noch schnell ein paar Informationen über die Geschichte des Brunnens. Demnach kam Ende des neunzehnten Jahrhunderts ein smarter junger Herr, ein Geometer, ins Otterstädter Rathaus, der vorgab, für eine Eisenbahngesellschaft die Strecke ausmessen zu lassen. Dazu brauche er die Stickel, angespitzte Rundhölzer, die eigentlich für die Weinerziehung verwendet werden. Noch am gleichen Tag spitzten viele Otterstädter viele Stickel zu, und da der gut angezogene Herr momentan in Geldschwierigkeiten war, zahlten sie ihm einen reichlichen Vorschuss auf die Vermessungsarbeit, da sie sehr froh waren, endlich über die Eisenbahn an die weitere Welt angeschlossen zu werden. Der gute Mann lebte einige Tage gut in Otterstadt und liebäugelte gar mit der hübschen Tochter des Bürgermeisters, der sich davon eine gute Partie für sie versprach. Doch alle wurden schwer enttäuscht, als der vermeintliche Geometer mit dem Geld verschwand.

Weiterer Regen bleibt aus, und es wird sonnig, als wir, an der alten Sandsteinkirche vorbei Richtung Rhein kommend, an Schrebergärten, voll von reifen, roten Tomaten, der Sommerfesthalle, einer Reitanlage und dem Musikverein vorbei zum Altrhein gehen. Laut dem Wegweiser für Radfahrer sind es von hier 22 km bis Heidelberg. Wir wandern auf dem Rheinhauptdeich, links ist ein kleines Zeltdorf, rechts sind weite Maisfelder. Zurückblickend sehen wir im Hintergrund Otterstadt mit seinen beiden herausragenden Kirchtürmen schön im Grünen liegen. Wir queren eine Straße und sind am Wasser, gehen am Motor-Boot-Club Speyer, dem Yachthafen, einer Wohnwagensiedlung mit Straßennamen, Zäunchen und Parzellennummern vorbei und sehen, auf dem Uferpfad durch’s hohe Schilf gehend, in der Ferne kleine Inseln im Wasser, vor denen Kiesabbau betrieben wird. Dann kommen wir auf einen Parkplatz, auf dem ein hoher Wall von teils meterdicken Pappelstämmen gestapelt ist. Während wir, vorbeigehend an viel hellblauer Wegwarte, immer wieder von ungeduldigen Radfahrern von „ihrem“ Weg weggeklingelt werden, erzählt Caspar von einem Bericht über Ameisen, den er im Internet gelesen hat. Durch seine interessante Erzählung von ursprünglich argentinischen, aber z.B. mit einer 6000 Kilometer langen Küstenkolonie am Mittelmeer in Europa und einer 900 Kilometer langen Siedlung in Kalifornien vertretenen Ameisenart entsteht in meiner Vorstellung eine Parallelwelt aus Ameisensicht von global operierenden, über die verschiedenen Kontinente verbreiteten, Billionen starken Ameisenvölkern, während wir erst die Autobahn unterqueren, uns dann aber links auf einem Pfad vom Krach der rasenden Menschenfahrzeuge wegbewegen, um auf einem kleinen Brückchen einen Bach zu überqueren und dann auf labyrinthischen Pfaden uns im meterhohen Schilf und Vogelparadies zu verirren und schließlich einen Weg zwischen Auwald und Feldern zu finden, teilweise von Büschen mit reifen Brombeeren gesäumt, von denen wir gerne naschen.

Das eben noch so nahe und jetzt ferne Rauschen der schnellen Autos lässt mich daran denken, dass sich viele Leute wesentlich besser in Palma de Mallorca, San Francisco, New York oder Südafrika auskennen als in ihrer zu Fuß erreichbaren Umgebung. So ist für mich diese Aneinanderreihung von Rheinwanderungen eine Entdeckungsreise in die fast vergessene Welt der Landschaftsräume zwischen den schnell durch Autos, Bahn oder Flugzeug angesteuerten „größeren“ Zielen. Vorbei an einem Graben, in dem viel rosaroter Blutweiderich wächst, und einem Roggenfeld, über dem Schwalben im Kunstflug Insekten jagen, lassen wir uns gegen Mittag an einem schönen Plätzchen nahe einer Kiesgrube mit türkisblauem Wasser nicht weit vom Rhein zu einer Mal-, Zeichen- und Fresspause nieder.

Beim Weitergehen sehen wir entlang dieser Kiesgrube noch viele solcher gemütlichen Plätze mit selbst gezimmerten Holztischen und Bänken auf kleinen Wiesen zwischen Bäumen, um schließlich, unter dem Förderband einer Sandförderanlage hergehend, mit Blick auf zwei riesige Sandberge, von feinem, nassem Sand bespritzt zu werden. Links sehen wir dann durch eine schöne Birkenallee gehend eine hohe, grasbewachsene Mülldeponie, deren Südseite ganz mit Solarfeldern bedeckt ist, kommen, an einem großen Reiterhof, einem schönen Bauernhof und einer Kläranlage vorbei, endlich zum „richtigen“ Rhein und gehen auf dem Hauptdeich auf Speyer zu. In der prallen, heißen Sonne machen wir wieder eine kurze Zeichenpause, weil von hier aus der Blick auf den Dom in der Ferne besonders schön ist.

Auf dem Deich weitergehend, beginnt für uns Speyer ungefähr bei Rk. 401 mit dem Gebäude einer Landhandelsfirma mit dem schönen Namen Schiffer und Nicklaus (St. Nikolaus ist der Patron der Schiffer) und anderen, erst vereinzelten Gebäuden und Häusern. In der Hafenstraße hängt ein selbst gemaltes Transparent: „ Lebensqualität statt Flugplatzausbau“. Die an sich schöne Ziegelsteinvilla rechts von uns hat bestimmt mal bessere Zeiten gesehen. Dann gehen wir unter den hervorstehenden Balkonen ganz neuer, pastellfarben gestrichener Häuser am Rhein entlang Richtung Stadt mit Blick auf den Auenwald gegenüber. An einer Baustelle für weitere neue, wohl auch noch pastellfarben zu streichende Häuser vorbei sehen wir auf das Sea-Life-Aquarium, in dem, so erzählen mir ein paar Jugendliche, die gerade von dort kommen, unter anderem die Unterwasserwelt des Rheins von der Quelle bis zur Mündung dargestellt wird. Wir gehen am Speyerbach entlang durch einen Park Richtung Stadtzentrum, vorbei an trutzigen Standbildern salischer Kaiser, teils gnädig unter überhängendem Efeu verborgen, um endlich den riesigen, roten Sandsteindom zu sehen, mit Blick auf ihn etwas Kühles zu trinken und von der Bischofshaustreppe aus ihn zu zeichnen.

Clemens Hillebrand, 15.07.2009