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Rheinwanderung 29. Tag / 27.04.2011

Speyer

Clemens Hillebrand/29.Tag 27.04.2011
Clemens Hillebrand/29.Tag 27.04.2011
Clemens Hillebrand/29.Tag 27.04.2011
Clemens Hillebrand/29.Tag 27.04.2011

In Speyer sitze ich in einem der Cafés an der Maximilianstraße morgens um 10:30, trinke meinen Cappucino, und zeichne auf den überdimensionalen Jakobswegpilger und den Dom. Nach recht warmem Frühlingswetter im April ist es deutlich kühler und vielleicht wird es ja mal regnen.

Den zweiten Capuccino bestelle ich, weil mich die distanzierte Serviererin aufgefordert hat meine Rechnung zu bezahlen. (Kann denn jemand, der da so sitzt und zeichnet überhaupt bezahlen?) So richtig freundlich ist die Atmosphäre nicht. Habe eigentlich vor, weiter Richtung Germersheim zu gehen, sehe schräg gegenüber ein Waffengeschäft, kaufe mir das zweit kleinste „Opinel“ und wundere mich sehr, was es alles für frei verkäufliche Waffen hier zu haben gibt. Angefangen von ziemlich übel aussehenden, feststehenden, gezähnten Messern bis zu Nachbildungen von Maschinenpistolen, die jedem angehenden Amokschützen das Wasser im Mund zusammenlaufen - oder Waffengegnern das Blut in den Adern gefrieren lassen.

Auf dem Weg Richtung Dom gibt es rechts einen kleinen Platz mit einem einfachen Brunnen mit wassserspeienden Köpfen.

Ich bin erfreut und erstaunt was für ein interessanter, barocker Innenraum sich mir hier beim Betreten der protestantischen Dreifaltigkeitskirche öffnet. Ich zeichne das, was ich im Halbdunkel so erkennen kann.
Ein grauhaariger Mann im Anzug, der mich beim Betreten der Kirche recht skeptisch betrachtet, geht auf die kleineren Gruppen von Besuchern mit dem Satz: „Wenn Sie fragen zur Kirche haben, kann ich sie gerne beantworten“ zu. Wenn dann „schöne“ Fragen kommen, gerät er beim beantworten richtig in Fahrt – „ ja gemalt ist alles auf Holz, die Bilder stellen Szenen aus dem neuen Testament, Szenen aus dem alten Testament gegenüber, - nein die Kirche war schon immer protestantisch, genauer lutheranisch. Die Lutheraner mochten im Gegensatz zu den Calvinisten eine bildhafte, üppige Ausstattung. – ja, Bauzeit war zwischen 1701 und 1717.“

So lerne ich als schweigsamer Zeichner auch etwas über die Geschichte dieser Kirche.

Als ich sie verlasse grüßt mich der Grauhaarige etwas freundlicher. Auf der Straße sehe ich links den „Bücherwurm“ und betrete diese besonders schöne Buchhandlung, ausgestattet mit Büchern bis unter die Decke. Das Haus war zeitweise Wohnhaus der Schriftstellerin Sophie la Roche, Zeitgenossin Goethes.

Die freundliche Frau in der Buchhandlung zeigt mir einige antiquarische Bücher von Sophie la Roche. Eine kleine Reclam Biographie, dann ein Büchlein über sie in ihrer Speyerer Zeit, wohl hier im Haus beim Marsilius Verlag herausgegeben, verschiedene Bände mit Briefen und die „Geschichte des Freuleins von Sternheim“. Sophie la Roche wurde in ihrer Zeit wohl viel gelesen. Beim Dom angekommen, gehe ich langsam um ihn herum und dann hinein um Richtung Osten zu zeichnen.

Eine neue Orgel ist eingebaut und wird wohl gerade intoniert. Immer wieder höre ich kleine, flotte Stimm-Spielchen. (Bei meiner letzten Malerei in Triberg-Nußbach habe ich zwei Wochen lang bei Orgel-Intonierung arbeiten müssen, was wirklich nicht immer ganz einfach ist.) Viele Leute gehen im recht hellen Dom herum und sehen sich ihn an. Ich wechsle meinen Standort und zeichne, neben einer Säule stehend, Richtung Westen, also auf den Eingang und die neue Orgel zu. Einer der Orgelbauer kommt auf mich zu, sieht mir kurz über die Schulter beim Zeichnen und wir kommen etwas ins erzählen.

Er hat mich eben bei der ersten Zeichnung von oben von der Orgelempore aus beobachtet und wundert sich, wie schnell so eine Raumskizze entstehen kann. Ich erzähle, dass meine Frau in ihrer Galerie im letzten Jahr Originalzeichnungen zu dieser neuen Orgel von Gottfried Böhm ausgestellt hat.

Während ich weiter zeichne, steigt ein kleiner neugieriger Junge auf den Sockel der Säule

neben der ich stehe und guckt auf meine Zeichnung, fragt mich was ich da mache und kommt nach 5 Minuten wieder um nochmal nachzuschauen.

Später dann gehe ich in die Afra-Kapelle die ganz ruhig und schön zum Gebet einlädt, leider ist es hier zu dunkel zum zeichnen, so dass ich das schöne Sakramentshaus und den Altar, den mein Vater hier vor Jahren geschaffen hat wohl in Ruhe betrachten, aber nicht zeichnen kann.

Mein Vater, Elmar Hillebrand ist auch auf dieser Rheinwanderung mitgelaufen und hat gezeichnet und aquarelliert. (Rheinwanderung Tag 10, am 21. 03. 2007, von Spay nach Boppard. und Tag 13, am 16. 05. 2007 von Oberwesel nach Bacherach.)


Clemens Hillebrand, 27.04.2011