Logo - Rheintal.de das Portal für die Rheinregion und drüber hinaus.

Rheinwanderung 3.Tag /21.04.2006

von Bonn nach Remagen

Clemens Hillebrand 3.Tag/21.04.2006
Clemens Hillebrand 3.Tag/21.04.2006
Clemens Hillebrand 3.Tag/21.04.2006
Clemens Hillebrand 3.Tag/21.04.2006
Clemens Hillebrand 3.Tag/21.04.2006
Clemens Hillebrand 3.Tag/21.04.2006
Clemens Hillebrand 3.Tag/21.04.2006

Losgehen um 10°° vom Standpunkt unter der Kennedybrücke, wo ich meine zweite Reise beendet hatte. Schönes, warmes Frühlingswetter. Erste Zeichnung bei Rheinkilometer 654 auf das südöstlich im Gegenlicht näherkommende Siebengebirge.
Dann weiter rheinauf. Links neben mir, natürlich immer, der heute im Sonnenlicht blinkende Rhein, rechts, allerhand Villen mit schönem, altem Baumbestand in großen Gärten. Später, die verschiedenen Ruderclubs, auch ein –akademischer- ist darunter. Wie funktioniert akademisches Rudern? Immer wieder Stationen des interessanten Planetenlehrpfades, den man, wenn blind, auch mit den Fingerspitzen lesen kann. Gerade las ich über die Venus, als sie, im grellgelben Top, den langen Eugen und den Halbturm der Post im Rücken, mit strammen Waden, auf In-linern entgegen, eher flog, und mich an- oder auslachte, wie ich da kurzsichtig, vornübergebeugt die Beschreibung ihres Heimatplaneten befühlte. Bei Rk.651/7 in den Rheinauen, der Bismarkturm,-Brückenkopf einer anderen Zeit-. Gülden-, Wiesenschaumkraut und schon blühender Löwenzahn leuchteten deutlich heller unter den noch kahlen Eichen auf der schon saftig grünen Wiese vor diesem düsteren Denkmal aus fast schwarzem Basalt. Ich male das erste Aquarell dieses Tages in den Rheinauen.

Später, gegenüber, rechtsrheinisch, ein Konglomerat aus umgebauten Lagerhäusern, umbaut mit viel Stahl und Glas, -der Wasserturm durfte bleiben-. Auf der Kaimauer, vom immer noch relativ hochstehenden Rhein halb verdeckt, die gesprühte Nachricht. “MARKA ICH LIEBE DICH“ Bei Rk. 651 fangen die Berge an sichtbarer zu werden

Ich ahne da oben, den „blauen See“ unterhalb eines Steinbruchs, in dem wir früher oft schwimmen waren, als die B42 noch Baustelle, und die Landschaft darüber noch geheimnisvoller und vor allem vom Autolärm weniger beschallt war.
Da ich gerade gemalt habe, gehe ich an allerhand Sehenswertem, wie dem romantischen Sandsteinschloss, in dem sich ein Restaurant der Uno befindet, einem klassizistischen Kuppelbau, der Kirche aus Grauwacke, und einer schön bemalten Figur in einer Mauerecke vorbei, ohne zu zeichnen. Dann aber aquarelliere ich, von der Wiese zwischen dem oben verlaufenden Fußgängerweg und dem direkt am Rhein vorbeiführenden Radweg aus, endlich das nahe Siebengebirge. Unten am Fluss grünen schon die Weiden und oben in rot-braun-Tönen, - wächst der meist noch kahle, die Berghänge bedeckende Wald.
Der auf der Wiese im Todeskampf zappelnde, fast sechzig Zentimeter große Fisch, über den sich zwei sehr stolze Angler beugen, gefangen an der Mündung eines kleinen, in den Rhein mündenden Flüsschens, riesige, alte Mammutbäume, die Anlegestelle der Fähre nach Niederdollendorf, die ‚Bastei’ mit zwei schönen Sandsteinreliefs an der Frontmauer, einmal ein Dampfschiff und dann ein Wikingerschiff darstellend, das Hotel mit glasüberdachtem Kastaniengarten, viele entgegenkommende, nicht immer rüchsichtsvolle Radfahrer in neopren-grell-, oft mit bösartiger Maikäferbrille,- auch nettere, vorsichtig überholende gemütliche RadfahrerInnen, von denen eine zum zwischen Hose und T-Shirt freigelegten, üppig hervorquellenden, bunt tätowierten Rückenspeck, laut das schöne Lied „There are so many bicycles in bejiin“ sang, bleiben leider, weil ich ja auch wandern will, - ungezeichnet.

Den Rheinort Königswinter gegenüber aber zeichne ich, weil hier Kindheitserinnerungen, vom Aufstieg zum Drachenfels, vielleicht auf dem Rücken eines Eselchens, mehr oder weniger angenehm, wie das erste Picknick oder die erste Ohrfeige, in der Luft liegen, bestimmt nicht wegen seiner Häuserfront.

Die während meiner Zeichenzeit drei mal, ab- und wieder anlegende Fähre bot genug Vordergrund, um die Bausünden gegenüber, wenigstens kurzzeitig zu verdecken.
Weitergehend bedauerte ich gerade hier, und nicht später gezeichnet zu haben, wo es wesentlich schönere Blicke zurück auf den Drachenfels, vor allem da wo die Landschaft insgesamt offener wird, und der Berg, über dem Sockel aus Weinbau, sich vor ihm mit seinen schroffen schwarzen Felsen einzigartig erhebt, - darzustellen gibt.
Bei Rk. 642 überschreite ich bei einem belebten Campingplatz die Grenze nach Rheinland–Pfalz. Vorbei dann an Villa Rolandseck, abblätterndes Zeugnis vergangener, wohl auch durch die stark befahrene Strasse, zerstörter Pracht. Da der Rhein immer noch relativ hoch steht, kann ich nicht ganz unten, also auf den grasbewachsenen Basaltsteinen des ehemaligen Leinpfads gehen, ohne im Wasser zu waten, oder die Schuhe völlig mit Schlamm zu verkleben. Also wandere ich oben über die blöde Strasse. Immer wieder gibt es an so wunderbaren Strecken solch ein Sammelsurium von baulichen Scheußlichkeiten, in denen allerhand geboten wird.„Fritten mit Currywurst“, für die sich manch einer wesentlich lieber erwärmt, als für das, nicht zu den Scheußlichkeiten zählende, oben im ehemaligen Bahnhof Rolandseck eingerichtete ‚Hans-Arp-Museum’, ist eine der brauchbarsten Angebote der angebotenen Käuflichkeiten, der direkt unten an der Strasse liegenden Gebäude, dessen schönstes sicherlich die Tankstelle ist.
Gegenüber, rechtsrheinisch, die Insel Grafenwerth. Davor, Nonnenwerth, die Insel mit dem Internatsgebäude. Wieder genau hier an einer der schönsten Stellen dieses Rheinabschnittes muss man als Fußgänger auf die links und rechts sehr unromantisch verbaute Strasse zurück.
Auf der zweiten, derzeit stillgelegten Rampe zur Fähre, sitze ich nun und male, leider, wie ich zu spät bemerkte, neben einem von Frühlingsgefühlen sehr belebten Ameisenhaufen sitzend. Ich aquarelliere solange ich das Gepiekse und Gekneife meiner kleinen, aufgeregten, unangenehmen momentanen Feinde an Schenkeln und Hintern gerade noch aushalten.
Rk.639. Wieder über die Straße. Matratzenladen, Teakmöbel, die Werft zwischen Straße und Rhein gehört dazu, ob aufpoliert, oder unansehnlich. Ansonsten winkt auch hier der Tankstelle, der Trostpreis, -zwei von japanischen Touristen, mit geliehenem Geländewagen frisch überfahrene frische Bockwürstchen-, für die, den Umständen entsprechend gelungene Landschaftsmöbelierung. Hier unten beim Hafen half die freiwillige Feuerwehr beim Beseitigen des angespülten Hochwasserschrotts.

Auf den bewaldeten Hängen und zwischen Straße und Bahn wuchert eine wunderbar, wilde Wüstenei, mit Lianen und Brombeerranken, von jener Art, die mich immer faszinierte. Ausläufer von ‚Dornröschens’ Reich. An manchen Tagen, je nach Wetterlage, erstreckt sie sich bis ins Vorgebirge, oder an besonders nebligen Frühjahrsmorgen, sogar bis zu meiner Werkstatt im Garten in Köln, -Sinnbild vergangener, blühender Romantik, - jeden Matratzenladen, und jede Tankstelle-, in Gedanken, überwuchernd.
Auch unter, von Betonstelzen überquerten Autotrassen, wächst von uralten und aktuellen Märchen verschatteter Wald, immer wieder Geheimnisse bergend, seien es die Steinbrüche gegenüber, aus denen der Domstein für Köln gebrochen wurde, oder, von abgeworfenen Weltkriegsbomben ins Erdreich gesprengte Tümpel, in deren angestauten dumpfen Wassern sich im Frühjahr die Kaulquappen tummeln. Als Bild fällt mir einer dieser frottierten Wälder von Max Ernst ein. Im Winter oft traurig, im Frühjahr düster, doch unerwartet fröhlich im Sonnenlicht.

Ich gehe weiter auf dem für Fußgänger lang werdenden Weg Richtung Remagen. In, zwischen Bahngleisen und unterem Rheinweg angesiedelten, mal bearbeiteten, dann wieder verwilderten ‚Schrebergärten’, blühen, lila-rosa Wiesenschaumkraut, leuchtend hell-gelbe Schlüsselblumen, Taubnesseln, lila und weiß, leicht rosa blühende wilde Kirschen, überall im Gras, das freudig-gelbe Tausendgüldenkraut und auf fetteren Wiesen schon der sattgelbe Löwenzahn. Hier ist, über den weiten Rhein, der Rück-Blick auf den fernen Drachenfels, der mit den zum Westerwald abfallenden Bergen, tatsächlich die Form eines langgestreckten Drachens mit vielen Höckern bildet, am schönsten. In gezähmten Gärten, deren Ränder himmelblaue Hyazinthen säumen, blühen Forsythien und Narzissen schon dottergelb, - also jenes Dunkelgelb, das wie die von weißrosa blühenden Tulpenbäumen herabfallenden Blütenblätter schon vom kleinen Herbst im Frühling kündet.

Bei Rk. 636 freue ich mich über das Ortsbild des gegenüberliegenden Unkel, - nach Königswinter -, eine wahre Erholung . Ganz im Gegensatz dazu führt diesseits der Weg zwischen zylindrischen Betonpfeilern, die durch endlich einmal gute Graffiti aufgewertet werden, unter der B9 entlang. Ein Bach mündet, an dem Angler auf ihren Stühlchen hocken. Manch einer sitzt vor einem Aufgebot von fünf Angeln alleine. Oberhalb der Strasse und Bahntrasse ist in der, teilweise gegen Steinschlag mit Drahtnetzen überspannten düsteren Felswand ein bemaltes Bild der Madonna mit Jesuskind in einer Nische, auch für Schiffer weithin sichtbar. Gegenüber jetzt der Blick auf das Erpeler-Ley.
Endlich in Remagen angekommen, sitze ich auf einer Bank zwischen beschnittenen Linden, auf deren erste in langer Reihe, eine unermüdliche, rote Joggerin hin-, dann abdreht, und nach gedrehter Runde wieder zuläuft. Über mir, oberhalb von Weg, Bahngleis, und Straße, im Abenddunkel die Apollinariskirche.Da meine Ankunft später als geplant war, rief ich meine Frau an, die, noch ganz geschockt von einem Unfall, mit sichtbar schwerer Kopfverletzung, eines ihr unbekannten Mädchens mit blondem Haarschopf in der Nähe unseres Hauses berichtete. Ich dachte an die rücksichtslosen Raser, die überall, nicht nur am Rhein unterwegs sind, ob mit dem Auto oder mit Radrennmaschinen. Wenn irgendwo in der Welt ein furchtbarer Anschlag mit Blutzoll für Presse sorgt, vergisst man gerne den täglich hier für Raserei gezahlten Tribut. Ein angetrunkener ‚Penner’, halbleere Rotweinflasche in der Hand, grüßt, - mich als Kollegen erkennend-, mit dem Spruch: “Lieber Ffesste ffeiern allss ffeste arbeidden. Ich wünsche ihm „gute Nacht“, weil es sowieso gerade dunkel wird.

Clemens Hillerand, 21.04.2006