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Rheinwanderung 30. Tag / 25.08.2011

von Speyer bis Berghausen (von Speyer bis Speyer)

Clemens Hillebrand 30. Tag / 25.08.2011
Clemens Hillebrand 30. Tag / 25.08.2011
Clemens Hillebrand 30. Tag / 25.08.2011
Clemens Hillebrand 30. Tag / 25.08.2011
Clemens Hillebrand 30. Tag / 25.08.2011
Clemens Hillebrand 30. Tag / 25.08.2011
Clemens Hillebrand 30. Tag / 25.08.2011

Vom Speyrer Dom aus gehe ich los, streife erstmal etwas durch die Stadt, um mir eine Karte von der Gegend zu besorgen. Komme im Viertel links neben dem Dom an der Brücke vorbei, über die die Sonnengasse den Woogbach überquert. An dieser Stelle ist ein Nikolausdenkmal zur Erinnerung an Edith Stein angebracht, die hier in der Nähe, wie auch in Köln im Kloster, lebte. Bei aller Achtung für vielfältige verschiedenartige Kunstwerke unterschiedlicher Qualität über Edith Stein, bei Ehrfurcht für ihr Wirken in Speyer, Köln und im Internierungslager der Nazis in Auschwitz, so einen, wie aus erkalteten Bronzelappen zusammen gebappten Nikolaus hat sie nicht verdient.

Gerne werde ich bei Gelegenheit noch öfter kommen, um den wunderbaren Dom zu sehen, den ich heute an diesem etwas diesigen, schon morgens schwülen Tag umgehe.

Weiter Richtung Rhein, am schönen Domgarten-Café vorbei, wo ich viel lieber meinen Cappuccino getrunken hätte als wieder einmal auf der Meile der gut besuchten Cafés mit programmatisch genervter Bedienung. Vorbei an dem riesigen, schönen Baum mit den Bänken darunter, Richtung Rhein. Dazu typische Sommergeräusche wie von aggressiv fahrenden Autos und unvermeidlichen Rasenmähern, von denen einer brav seine Runden auf der großen Wiese rechts neben mir dreht. Dann, endlich unten am Rhein, ein vierzackiger Anker als Erinnerung an die Speyerer Schiffsbrücke, die hier von 1863 bis 1938 den Rhein überspannte. Auch eine alte Schiffsschraube ist aufgebaut. Hoffentlich wird sie nicht auch geklaut wegen der derzeit hohen Metallpreise wie die Brunnenschalen an dem Schifffahrtsbrunnen in Köln-Mülheim.

Vor mir sehe ich, rhein-aufwärts gehend, die Salier-Brücke, links liegt das Schiff ‚River-Melody’ und rechts von mir trinkt man im Biergarten unter Kastanienbäumen‚ Eichborn Bier’. Eine besonders schlanke und eine etwas fülligere schwarz gekleidete Frau, die eine im Maxi-, die andere im Mini-Rock, gehen auf hochhackigen Schuhen vor mir her und setzen sich dann auf eine der Bänke. Sie haben wohl was Wichtiges zu besprechen. Hinter dem mit einer lustigen, vielköpfigen Raupe bemalten, ansonsten weißen Zaun verbirgt sich der ‚Rheinstrand Speyer’ (Wohlfühlstrand mit Musik und Getränken). Ein schönes, etwa 10 Meter langes Eisenschiff, das mal auf den Namen Paul hörte, bevor es hier auf dem Trockenen landete ist eine nette, gewichtige Deko.

Rechts von mir ein ruhiges, wohl wenig benutztes Bahngleis, vor mir der Hafen mit den dort liegenden Schiffen ‚Blandina’, ‚Mejora’ und ‚Bianca II’. Ich gehe an einer einseitigen Nussbaumallee vorbei, die ich in diesen Ausmaßen noch nie gesehen habe. Bestimmt zwei Kilometer Nussbäume. Vielleicht ergibt das Tankschiffaroma die spezielle Fermentierung bei der Reifung. Aber es ist wunderschön, unter ihnen herzugehen, und ich würde sie auch gerne essen, wenn welche heruntergefallen wären aber sie sind leider noch nicht reif.

Ich sehe ein Schild „Hafenanlage, Betreten Verboten“, gehe aber trotzdem weiter, weil ich nicht erkennen kann, ob es nur für den direkten Uferbereich oder für den ganzen Weg gilt.
Ein respektgebietend aussehender Mann mit Namensschild am Revérs geht auf der anderen Straßenseite und ich frage ihn einfach, wo es zum Rheinufer geht. Er erklärt mir freundlich den Weg und ich gehe, mich nun legaler fühlend, weiter. Überquere eine Brücke über Rohre, in denen ich das durchfließende Öl rauschen höre. Rechts auf einer der Anlegerbrücken sitzen Möwen und ein Reiher.
Dann weiter, links geht es zu einer Werft, rechts rein in einen Waldweg, der kaum gangbar, weil er sehr zugewachsen ist. Hier fahren wohl ab und an, wie an den tiefen Reifenspuren und grob abgeknickten Ästen erkennbar, große Maschinenfahrzeuge, aber selten geht hier wohl jemand.

Schön kühl ist es hier unter den Bäumen, die Geräusche der Straße und der Stadt weichen zurück und ich höre leise so etwas wie Vogelzwitschern. Links von mir sehe ich silbern den Rhein glänzen durch diesen Ur-Auen-Wald. Dann skizziere ich ein eingewachsenes Schild „Vorsicht Schranke“ .

Etwas weiter dann eine Idylle im Silberweidenwald. Von oben sehe ich auf einen Vater, der angelt, und Kinder, die am Wasser spielen. Ich mag sie in ihrem kleinen Paradies nicht stören, indem ich sie zeichne. Aber da, wo ich dann alleine am Ufer bin, zeichne ich.
Die Luft wird immer dumpfer, Gewitter droht. Ein Specht klopft auf Holz, dicke Fische springen mit lautem Platschen im ruhigen, dunklen Wasser.
Ich skizziere eine Eiche zwischen Pappelstämmen.

Rechts vom Weg wächst großer, dunkelgrüner Schachtelhalm, dieses verkleinerte Urzeitgewächs, aus dessen vergammelten großen Brüdern und Schwestern heute die immer durch einen bestimmten Summton hörbare Raffinerie Sprit herstellt für die Unzahl der ständig um uns herumrasenden Autos.

Der nun niedergehende Regen passt gut zur Urwaldstimmung, hindert mich aber wieder am Malen. Ich habe selten eine so große Ausrüstung an übergroßem Aquarellblock, mehreren Aquarellkästen, großem Zeichenbuch etc. in meinem Rucksack mit mir herumgeschleppt. Aber bisher habe ich nur im kleinen und kleinsten Skizzenbuch gezeichnet. (Beide hätten auch in meine Anorak-Tasche gepasst) Der Rhein ist jetzt ca. 70 Meter entfernt und kommt beim Weitergehen näher.

Endlich sehe ich wieder fließendes Wasser. Gegenüber ein kleines gelbes Häuschen. Ein Fisch springt. Was für eine Idylle. Dahinter der Dampf des Atomkraftwerks Phillippsburg.
Kurze Skizze eines Schildes im Nieselregen. Auch dieses schöne, wichtige Schild soll einer allgemeinen „Bereinigung des Schilderwaldes“ zum Opfer fallen, habe ich in der Zeitung gelesen. Was für ein Unsinn. Es sollte unter Artenschutz gestellt werden.

Dann skizziere ich einen verschwammten, toten Baumriesen.
Langsam wird der Wald lichter und luftiger. Ich gehe zum Ufer des Altrheins, stehe auf unendlich vielen kleinen Muscheln statt auf Sand oder Stein. Es ist schön hier, auf der anderen Seite des Rheinarms sehe ich Hunderte von weißen Schwänen.

Der weiß-graue Qualm des Atomkraftwerks dahinter verstärkt wie eine Art realistischer Rahmen die ohne ihn vollkommene Naturidylle.
Ich gehe nun auf einer natürlichen versandeten Wiese am Ufer.

Große, weißlich–grau ausgebleichte Baumstämme liegen wie Teile eines urzeitlichen Saurierskelettes auf dem Ufersand oder der mit vielen kleinen, gelben Blumen übersäten Wiese. Über mir scheint sich das Gewitter deutlicher zusammenzubrauen.

Ich höre lauteres Grollen, eine drückende Schwüle liegt in der Luft – es ist so eine schwefelgelbe Stimmung, die mich nicht in Ruhe malen lässt. Sonst hätte ich hier sehr gerne Landschaft und Stimmung in ein Aquarell gebracht.

Aber für eine kleine Skizze eines Baumskelettteils mit „Durchblick“ reicht es immerhin.

Dann fängt es plötzlich kräftig an zu regnen. Gehe, ängstlicher werdend, rechts hoch und hoffe, einen flotter begehbaren Weg zu finden, um, wenn das Gewitter richtig losgeht, entweder nach Berghausen oder wieder nach Speyer zu kommen, um mich da irgendwo ‚rein’ zu setzen.

Auf der Karte kann man es gut sehen: Speyer liegt an einem vom Rhein gebildeten S. Darunter schließt sich ein weiteres S an, das durch den schiffbaren Rhein durchschnitten wird, so dass sich mit etwas Phantasie ein große 8 ergibt.

Wie auch immer, ich bin jetzt vom Speyrer Rheinufer aus die obere Schlaufe (in deren Mitte die Raffinerie liegt, deren Summen ich ständig hörte) des ersten S gelaufen, und obwohl ich ca zehn Kilometer gelaufen bin, wieder genauso nah an Speyer wie an Berghausen, etwa 2 Kilometer.

Der Weg durch den Wald erweist sich als Irrweg. Es regnet zurzeit stark. Weil der Wald den Weg mehr und mehr überwuchert, kehre ich um. Ein plötzliches Krachen, direkt vor mir. Ein Hirsch kreuzt den Weg. Wir erschrecken uns beide fürchterlich voreinander.
Gehe dann weiter. Ein Schild bedeutet mir, dass hier ein „Naturwald“ entsteht, und ich nutze, wie gewünscht, den Weg am Damm. Am kleinen Deichwachthaus belehrt mich eine interessante Tafel: „Fünf alte Fährwege sind überliefert. Die bei Rheinhausen, Husener ‚Fahr’ genannt, und die ‚Lußheimer Fahr’ am heutigen Pioniergrund waren alte Hauptzugangswege zur Stadt.“

Jetzt gehe ich am Rande einer großen Wiese weiter Richtung Berghausen. Dann große Maisfelder. Die Gewitterstimmung ist ohne Entladung verflogen. Das Grollen wieder weiter entfernt.
Ich skizziere von hier aus noch kurz den Blick auf Speyer, und um nicht mit dem Zug fahren zu müssen, gehe ich doch nicht das Stück bis Berghausen hinein, sondern direkt wieder nach Speyer, dass ich ja beim Wandern die Rheinschlaufe entlang halb umrundet habe.
Clemens Hillebrand, 25.08.2011