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Rheinwanderung 31. Tag / 16.03.2012

von Speyer nach Lingenfeld

Clemens Hillebrand/31.Tag 16.03.2012
Clemens Hillebrand/31.Tag 16.03.2012
Clemens Hillebrand/31.Tag 16.03.2012
Clemens Hillebrand/31.Tag 16.03.2012
Clemens Hillebrand/31.Tag 16.03.2012
Clemens Hillebrand/31.Tag 16.03.2012

Vom Bahnhof kommend sitze ich um 9:30 Uhr in der Sonne bei einem Cappuccino mit Blick auf den Altpörtel und versuche dieses Stadttor am Ende der Maximilianstraße mit all dem, was so davor sein kann, zu skizzieren.
Zum Beispiel dem Schnittblumenlaster oder zwei Frauen, die ein Bügelbrett aufbauen, eine Decke darüber ziehen, und – fertig ist der Tisch für die Flugblätter.

Leute kommen und gehen, ich gehe die Landauerstraße Richtung Germersheim, sehe rechts eine imposante Kirche mit Gotik-Renaissance-Barock-Jugendstil-Elementen und links eine neugotische Kirche. Der hohe Turm der linken Kirche erscheint als dunkle Silhouette im Gegenlicht. Wie ich beim Hineingehen in die rechte merke, ist es die katholische St.-Josephs-Kirche.

Ich lese in einem ausliegenden Heftchen, dass sie 1914 eingeweiht wurde. Langsam gehe ich den Kreuzweg an den Seiten entlang und dann wieder raus in die helle Sonne. Es ist eigentlich eine besonders spannende bauliche Situation mit den zwei gegenüberliegenden Kirchen. Im Vorraum der linken Kirche steht ein mächtiges Lutherdenkmal, rechts ballt er die Faust, links hält er die Bibel. Auf dem Boden der Spruch, der mir auch schon beim Lutherdenkmal in Worms begegnet war: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders – Gott helfe mir. Amen.“ Beim Öffnen der Tür beeindrucken mich die vielen Fenster und das Orgelgebrause. Ein kleiner Junge dirigiert so vor sich hin, während seine Mutter Fotos von den Fenstern schießt. Ich bewundere die rundlaufende Galerie und das Modell der Kirche aus Lindenholz. Ein nettes, rothaariges Mädchen verkauft mir einen Kirchenführer, der die 1904 eingeweihte, protestantische Gedächtniskirche beschreibt. Draußen auf dem weiten Platz steht auf wellig gemauerten Pflastersteinen eine interessante Brunnensäule. Die grau-blaue, runde, etwa drei Meter hohe und 40 cm starke Granitsäule ist so bearbeitet, dass es aussieht, als wickle sich der geschliffene Granit in vielen übereinander liegenden Schichtungen um sich selbst.

Ich kreuze den Martin-Luther-King-Weg, komme am Salon Steffi vorbei, wo ein schöner, kleiner Zirkuswagen und ein ebenso schönes Karussell im Fenster stehen. Gehe auf der linken, schattigen Seite der mit zweistöckigen Häusern bebauten Straße. Ein blaues Haus mit kleinem Balkon und hellen Fensterleibungen fällt freundlich auf. Drehe mich um und sehe ein Schild mit Brezel an der Spitze, das zum Sommertagszug am 18. März einlädt. Wird wohl so ne Art Winterverabschiedung sein.

Tankstelle, Diesel 154,9, noch ne Tankstelle, aus dem SB-Sauger hat ein Witzbold die SB-Sau gemacht, dann die Brücke über eine Schnellstraße. Natürlich viel Krach hier wegen der vielen Autos. Ein oben mit einer Mooskappe bedeckter Findling erinnert an die ‚Gute Tat‘: „Die Berghäuser Frauen löschten hier im Jahre 1706 mit Milch den Brand am Gutleutehaus“ (errichtet im Jahre 2006 durch die Weibervereinigung Berghausen). Spätestens der Straßenbau hat dann dem Gutleutehaus den Garaus gemacht, es ist jedenfalls nicht mehr da.
Gehe weiter eine kurvige Straße Richtung Römerberg. Links frisch gepflügter, brauner Acker, immer wieder kahle Bäume, aber mit einem Hauch von Grün oder Gelb am feineren Geäst, dann wieder ein eingezäunter Weingarten. Rechts von mir fährt gerade die rote S-Bahn nach Germersheim. Endlich kann ich links an kahlen Akazien entlang runter Richtung Rhein gehen.

Der Weg schlängelt sich an Unterholz, Wiesen, großen Weiden und Pappeln vorbei. Vögel in der Luft, – die kleinen zwitschern in der Nähe, die großen schreien souverän hoch oben. Ganz hinten, bei den Pappeln, vermute ich den Rhein.

Hier vorne ziehe ich endlich erstmal meine Jacke und meinen Winterpullover aus und zeichne, so von Ballast befreit, das mich umgebende Schilf mit seinen dicken Quasten wie aus gelber Schafwolle.

Der Weg führt weiter durch Schilf und endet an einem stabilen, geschlossenen Eisentor. Ich kehre um, finde dann einen anderen Weg, der an einem Acker entlang schnurstracks zum Rhein führt.
Gegen 12°° Uhr zeichne ich diesen Baum mit Jägerstand. Wäre eine schöne Illustration für ein Jägerlied. Piff paff bumm. Die Flinte ist jetzt krumm. Oder so.

Ich gehe nicht ganz runter zum Rhein-Radweg, sondern einen früheren Weg rechts, um die Rheinkurven etwas abzuschneiden. Links sehe ich, noch entfernt, eine schöne Spitzpappelreihe, rechts liegt Berghausen, tatsächlich auf einem lang gestreckten Hügel. Höchster Punkt ist der spitze Kirchturm. Mein erster Schmetterling des Jahres flattert mir über den Weg. Gehe an großen Ackerflächen vorbei, immer wieder unterbrochen durch kleinere, brombeerrankenüberzogene Busch-Baum-Gebiete, umgehe ein größeres Firmengelände und halte mich ungefähr parallel zum Rhein. Komme jetzt an der wunderschönen, kahlen Spitzpappelallee vorbei; die noch winterliche Kahlheit der Bäume und die fast schon stechende Sonne widersprechen sich. Nach Ackerflächen und einer neu angelegten Streuobstwiese liegt rechts Brachland mit einem kleinen Schild, auf dem ein Hirsch abgebildet ist, davor: „Ruhezone – Bitte nicht betreten. Ich laufe ja auch nicht durch Ihr Wohnzimmer.“

Die Vorstellung gefällt mir aber sehr gut, ich döse abends vorm Fernseher, und da tritt ein Hirsch durch die Balkontür, schreitet durchs Zimmer und verlässt durch die Küche den Raum.
Ich gehe links an einem baumumstandenen Teich, dann an einer aufrechten Baumruine vorbei zum Deich, auf dem ich mich mit dem Rücken zum Weg ins Gras setze, mein Gesicht gut mit Sonnencreme einreibe und auf den lichten Auwald zeichne, während ferne Maschinengeräusche rauschen.
Ein anderes Geräusch vom Weg hinter mir mischt sich ein, „tack tack tacke tacke klack klack“, Frauenschuhe, hochhackig. Ich versuche mir anhand des Geräuschs die dazu gehörige Gestalt vorzustellen. Meine Vorstellung wächst, ist sehr schön, dann drehe ich mich um – die Wirklichkeit, die da geht, ist noch viel schöner. Allerdings bin ich leicht kurzsichtig, so bleibt immer genug Platz für Fantasie.

Nach dieser angenehmen Pause auf dem Deich sehe ich den weiteren Weg durch eine Baustelle versperrt. Die eben gehörte Frau hat gedreht und tackert zurück. Sie lacht mich eher offen aus als an, als sie mir entgegenkommt. Am Parkplatz an der Gaststätte ‚Zum Altrhein‘ gucke ich irritiert in einen Autospiegel und sehe mein Gesicht, dick verschmiert mit weißer Sonnencreme.

Gehe hoch Richtung Heiligenstein, vorbei an dem kleinen, gut gemeinten Ruheplatz mit einem ca. vier Meter hohen Bronzekreuz auf dem aus Pflastersteinen gemauerten Hügelchen. Dahinter blinkt einer der vielen Rheinarmtümpel, rechts ist der Raucherclub Edelweiß zuhaus. Eine Tafel weist auf sieben Ziegelhütten hin, die hier in der Gegend teils schon seit der Römerzeit aus der hier gefundenen grau-blauen Lehmerde Ziegel backten. Hinterm Sportplatz führt mein Weg links ab. Rechts Gärten und Weingärten auf dem lang gestreckten Hügelhang. Ein leicht verblichenes Plakat lädt zur Hochzeitsmesse Speyer, ein anderes, noch verblichener, zur Après-Ski-Party in Germersheim.

Gehe wieder Richtung Rhein, vorbei an zwei Schautafeln mit vielen bunten, hier heimischen Singvögeln, und einem Ort, wo heimische Holzarten und eine Trockenmauer gezeigt und beschrieben werden. Alles mit Blick aufs AKW Philippsburg, das ich kurz skizziere, „solange es noch steht“.
Komme dann rechts an großen Baumaschinen vorbei, die sich jetzt, Freitagnachmittag, müde zur Ruhe gesetzt haben, nachdem sie an der roten Sandsteinschotterpiste gebaut haben, über die ich dann weiter Richtung Mechtersheim gehe. Die Piste endet abrupt, und nach einem Stückchen Pfad beginnt eine neue, schmale Asphaltstraße, der ich nach links folge. Eine weite, staubige, flache Ackerfläche liegt vor mir. Dann ein kleines, eingezäuntes Stück mit einigen, teils mit Netzen abgedeckten Beeten, großen übereinander gestapelten Wasserkanistern und einem zusammengestoppelten Schuppen. Ein Junge, ich schätze ihn auf sechzehn Jahre, ist dort schwer am Umgraben, grüßt mich freundlich wie ein Pionier aus seiner kleinen Oase in dieser teils mit Plastikplanen bedeckten Ackerwüste. Staubwolken wehen von einem fernen Auto herüber. Komme an einem Kreuz aus Sandstein vorbei, geschützt durch etwas Bepflanzung, sonst recht einsam im weiten, staubigen Ackerland. Eine Tafel erinnert an Adolph Kolping, den Wohltäter der wandernden Gesellen.

Weiter auf dem Weg, vorbei an kahlen Nussbäumen. Es ist so heiß, dass zwei Leute in kurzen Hosen, mit nacktem Oberkörper arbeiten. Vor zwei, drei Wochen war noch eisiger Winter. Komme rein nach Mechtersheim, einstöckige Häuser, rechts der Friedhof und daneben Blumen-König. Gehe links und folge dem Radwegzeichen nach Germersheim. In einem Beet neben dem sauberen Bürgersteig blüht der erste nette, kleine, gelbe Krokus. Weniger nett ist der misstrauische Blick einer älteren Frau, die mich ansieht, als ob sie sich mein Gesicht für die nächste Aktenzeichen-XY-Sendung merken müsste. Dann wieder raus aus dem Ort, durch die kahle Kirschallee, am Sportplatz des TuS Mechtersheim und am Gasthaus zum Hasen vorbei, wo man Bischoff-Bier ausschenkt. Der Weg quert eine Straße und führt dann rechts am Deich entlang. Ich gehe wieder oben auf dem Deich. Das Gras tut meinen Füßen gut. Hellgelbe Schilfwedel leuchten im lichten Auwald, der hier vor allem aus Eichen besteht. Bin meist alleine in dieser weiten Landschaft, ab und zu sehe ich Radfahrer, selten Fußgänger. Links blinkt nun der Schäferweiher durch die lichten Bäume, rechts tauchen zwei Kirchtürme weit im Hintergrund auf. Dann ein Campingplatz unter dicken, alten Eichen. Die Wagendächer sind mit zusätzlichen Blechen gegen fallende Äste geschützt.
Gehe am ‚Haus am See‘ und an der KABS, der Biologischen Stechmückenbekämpfung, vorbei und noch mal an den Altrhein, um dort etwas zu zeichnen. Alte Bäume, die sich im Wasser spiegeln, und Boote dazu gibt es reichlich, aber mir fehlt im Moment der Antrieb. Also zeichne ich diesen platt gefahrenen Handschuh. Ist doch ein guter Wegweiser für den Schluss.

Gehe durch die flache Landschaft auf dem Radweg entlang der Straße bis Lingenfeld, rechts Spargelacker mit und ohne Plastikfolie vor großen Windrädern und ganz im Hintergrund die rote S-Bahn nach Speyer. In der nächsten sitze ich.


Clemens Hillebrand, 16.03.2012