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Rheinwanderung 32. Tag / 29.08.2012

von Lingenfeld nach Sondernheim

Clemens Hillebrand / 29.08.2012
Clemens Hillebrand / 29.08.2012
Clemens Hillebrand / 29.08.2012
Clemens Hillebrand / 29.08.2012
Clemens Hillebrand / 29.08.2012

Ich gehe um 9°° bei sonnigem Wetter und von leichten Wolken bedecktem Himmel vom Bahnhof Lingenfeld aus los. Im kleinen Bahnhof gibt es einen Schmuckladen und in einem Hinterhof eine Vogelvoliere mit Kanarienvögeln.

Einige vollbepackte Langstreckenradler bedeuten, dass ich wohl auf dem rechten Weg nach Germersheim bin. Nachdem ich über eine Brücke einen deutlich rauschenden Bach überquert habe, gehe ich die Kolpingstraße entlang. Am Bahndamm wachsen hohe, gelbe Sonnenblumen, die, obwohl sehr schön, in keiner Weise für die hier wohnenden Leute den Lärm der vorbei donnernden Güterzüge mildern. Über eine ältliche Holzbrücke quere ich verwunschen zugewachsene Bahngleise und folge dem Radwegschild Richtung Germersheim.

Vorbei an Vorgärten, die aussehen wie Gräber, z.B. rosa Findlinge auf weiß gewaschenem Kies, die sich mit üppig bunten Blumengärten abwechseln. Hoffnung geben mir die holländischen und französischen Sprachfetzen, die der Rad-Route durch das teils verspießert scheinende Dorf einen momentanen Hauch von internationalem Flair geben.

Ganz besonders freue ich mich über eine üppig wuchernde, lila-blau blühende Purpurwinde und bestelle ihr Grüße von ihrer Artgenossin, die bei uns zu Hause in Köln noch viel üppiger blühen darf.

Hier gibt es kleine, blecherne Tafeln auf Stangen am Rande des Bürgersteigs, an denen so genannte „Totenzettel“ hängen, auf denen die jeweils neulich Verstorbenen bekannt gegeben werden. Andere Orte, andere Sitten. Auch die für die Abholung bereit stehenden kleinen Plastikeimer mit Schuhen und Textilien sehe ich hier zum ersten Mal.

Ich folge weiterhin dem Radwegschild Richtung Germersheim. Rechts liegt die Kneipe „Erlenhäuschen“ am Weg, der nun in einen Wald hinein etwas abwärts führt.
An der Stelle, wo eine riesige Bank aus einem geschälten Baumstamm geschnitten ist, weist ein Schild auf den „Druslachbach-Erlebnis-Weg“ hin. Zwei entgegenkommende Radler grüßen mich freundlich. Der erste Gruß, seit ich heute Morgen sehr früh das Haus in Köln verlassen habe. Sonst waren nur Muffel unterwegs. Links schimmert zwischen Bäumen immer wieder das Wasser des „Lingenfelder Altrheins“ durch. Ich gehe jetzt oben auf dem Deichweg, der dann in einen normalen Weg mündet. Ein netter Mann im Blaumann auf dem Fahrrad bestätigt mir auf meine Nachfrage hin, in leicht türkischem Akzent, dass ich hier richtig auf dem Weg nach Germersheim bin. Ich gehe ein Stück auf der Deichkrone, während links am Altrhein das Schilf im leichten Wind raschelt, eine Libelle auf ihre ruckartige Weise fliegend den Weg quert und ich rechts auf einem Pfahl ein Storchennest sehe.

Dann ist es plötzlich vorbei mit der Ruhe. Während ich durch das Gewerbegebiet gehe und viele Lastwagen an mir vorbei donnern, sehe ich ein Fitness-Center, einen Baubedarf mit vielen übereinander gestapelten Beton-Gulli-Einsätzen, eine Tankstelle und vereinzelte Schmetterlinge, die die hier etwas schüttere, blaue Wegwarte anfliegen. Mittendrin ein Plakat von einem Stefan Sulke, der in irgendeinem Haus des Gastes spielt. Nach Unterquerung einer großen Straße (wohl B9 oder B35) sehe ich auf einer Kreisverkehrsinsel eine schöne alte Dampfwalze inmitten von trockenem Lavendel und linear angeordneten Wacholderbüschen. Sozusagen Dampfwalze an Wacholder und Lavendel.

Dann wieder links Tankstelle und Burger King, rechts McDonalds und alles, was wie z.B. Aldi zu einem ordentlichen deutschen Gewerbegebiet dazugehört.

Rechts von mir brüllen die Autos, links die Fadenmäher. Die Elektro-Bike-Rentner-Dichte ist hier enorm, das Wappen von Germersheim unter der Bahnunterführung (ein zerzauster Adler) ganz nett. Nach einem weiteren Kreisverkehr, diesmal mit eisernen Notenschlüsseln bestückt, die Brücke über den Queichbach. Ich erschrecke etwas vor dem riesigen Sandsteindenkmal für die „Königlich Bayrischen“ und andere Regimenter. Dahinter weitere Festungsanlagen und rechts ein Kindergarten. Auf der rückwärtigen Seite des Denkmals sehe ich die Widmung: „Den Gefallenen unserer Stadt 1914 bis 1918 und 1939 bis 1945“. Auf einem davor liegenden Stein wird auch der Opfer des NS-Regimes gedacht. (Der Stein ist im Verhältnis zum Denkmal sehr bescheiden.) Will das Ludwigstor zeichnen, geht leider nicht, da sich an der Zeichenstelle ein zerzaustes Pärchen heftig streitet. Auf der Vorderseite gibt es für mich keinen anständigen Zeichenplatz im Schatten. Gehe an der Straße „An Fronte Diez“ in die Festungsanlage hinein.

Dann zeichne ich das alte Arrestgebäude.
Diese ganze Festungsanlage hat etwas Düsteres. Viele der riesigen, heute teils leer stehenden Gebäude haben eingeschlagene Fenster. Wenn man genau hinhört, kann man aus geschichtlicher Ferne noch den schneidigen Kasernenhofton hören, der hier wohl herrschte. Auch fanden zur Nazi-Zeit Hinrichtungen statt, an die eine Gedenktafel erinnert.

An der „Carnotschen Mauer“ entlang gehe ich weiter Richtung Wörth. Die Mauern stecken noch teilweise in der Erde und wurden nach Einebnung der Festung stückweise wieder freigelegt.

Keine gemütliche Stelle für Pazifisten. Dann wieder ein Kreisverkehr und Bahnunterquerung, vorbei an Straße und Kneipe „Unkenfunk“. Endlich bin ich heute zum ersten Mal wieder richtig am Rhein. Ich zeichne die stählerne Eisenbahnbrücke.

Kurz hinter dieser Brücke stromaufwärts ist ein kleines Holzkreuz mit davor stehenden roten Grablichtern aufgestellt. Nicht weit davon erinnert eine Tafel vor einem recht frisch gepflanzten Weidenbaum: „Im Gedenken an unseren Freund Philip 1990–2010“.

Endlich gehe ich wieder direkt am Rhein entlang. Am Ufer gegenüber sieht man einen Altrheinarm, auch hier auf der Seite neben mir schimmern Altrheintümpel zwischen dem Wald durch. Ich habe ordentlich Durst, möchte mir aber das mitgenommene Wasser zum Aquarellieren aufsparen.

Das Gasthaus „Vater Rhein“ hat leider zu.

Auf dieser Strecke sind beide Rheinufer schön. Gegenüber ist dichter Auwald, hier stehen Riesenpappeln. Manche sind bis auf einen Stumpf abgesägt. Aus diesen Stümpfen schlägt frisches Grün, sie sehen aus wie wirre, grüne Wuselköpfe.
Hinter einigen der Wuselköpfe sehe ich eine gemähte Wiese mit großen Heurollen. Eine Brücke führt mich über die Spiegelbachmündung. Dann rechts im Hintergrund eine Industrieanlage, weißer Rauch quillt aus einem der Kamine.

Wieder ein geschlossenes Gasthaus. Es steht sehr einsam und ist leer, trägt aber immer noch den abblätternden Namen „Rhein Schnook“ Auf einer rostigen Blechtafel an der Wand sind die höchsten Wasserstände gerade noch zu entziffern. Eine andere, fröhlicher scheinende, selbst gemalte Tafel verspricht das Gasthaus „Alte Ziegelei“ in naher Ferne. Im Gebüsch an den Seiten wächst viel wilder Hopfen.

Dahinter ragen endlich gemauerte Kamine auf. Das muss die alte Ziegelei sein.

Eine Bionade, ein Laugenbrezel, ein Wasser und eine Zeichnung auf den Rhein an dieser angenehmen Stelle bei freundlichen Leuten.
Die Aufschrift an den – wohltuenden Schatten spendenden – Schirmen besagt, dass hier „Bellheimer Pils“ getrunken wird. An dem Storchennest auf einem der alten Ziegeleikamine kann ich nicht vorbeigehen, ohne es zu zeichnen.

Das Nest ist anscheinend bewohnt. Das rote Ziegeldach neben dem Kamin ist ganz weiß beschissen. Das Gebäude ist schön und zurückhaltend renoviert.

Am Wegrand rankt Wein und stehen große blass-rot-blau blühende Malvenstöcke.

Sondernheim erreiche ich gegen 15°° Uhr. Es scheint ein schöner, ruhiger Ort zu sein.

In der Kirche St. Johann gibt es knallig-rote Chorfenster und eine düster-blau zugestrichene Chordecke. Außerdem gibt es einen Bahnhof, von dem aus ich zurückfahre.


Clemens Hillebrand, 29.08.2012