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Rheinwanderung 33. Tag / am 07.06.2013

von Sondernheim nach Jockgriem

Clemens Hillebrand/07.06.2013
Clemens Hillebrand/07.06.2013
Clemens Hillebrand/07.06.2013

Gegen 10°° gehe ich bei sonnigem Wetter in Sondernheim los. Am Wegrand blüht roter Klatschmohn. Gehe Richtung Ziegelmuseum. Auf dem Dorfplatz steht  ein weiß-blauer Mast mit an der Spitze aufgehängtem Kranz und an mehreren Querstreben hängen viele nette, bunte Wappen von diversen Vereinen aus der Gegend. Inmitten das kleine „Waaghaus“ und dahinter noch ein bespannter Mast vom „Schiffer-, und Brauchtumspflegeverein Sondernheim 1911 e.V.“

Ein kurzer Blick in die Kirche. Außer der dunkelblau gestrichenen Decke, die ich aus unerfindlichen Gründen jetzt passender finde als beim Besuch hier auf meiner letzten Wanderung, möchte ich einen steinernen Kreuzweg des Limburger Bildhauers Karl Winter sehen. Arbeiten von Karl Winter haben wir kürzlich in unserer Galerie Kunsttraum 27 in Köln-Rodenkirchen bis zum 26. Mai ausgestellt. Es sind sehr feine, gekonnte Arbeiten, teils auch nicht ohne hintergründigen Humor. Eine Tafel des Kreuzwegs hätte ich gerne gezeichnet, aber die Kirche war nur bis zu einer den Kirchenraum abschließenden Glastüre geöffnet. So gehe ich weiter, erstmal Richtung Schleusenhaus. Dann folge ich den Schildern des Radwegs nach Wörth. Das Straßenschild „Speckstrasse“ gefällt mir, so lange bin ich noch nicht Vegetarier, als dass bei diesem Namen nicht ein wohltuender Geschmack meinen Gaumen beschleichen würde. Vorbei an einstöckigen Häusern mit meist einem Fenster unter dem Giebel, die Dächer gedeckt mit roten oder braunen Ziegeln. Während ich entlang eines verschilften Grabens das Dorf verlasse läuten hinter mir die Glocken von St. Johann halb elf. Ich frage nette Leute mit Hund ob der Fußweg nach Wörth gangbar ist. Ja es geht wohl, das Rheinhochwasser hat sich zurückgezogen, aber in Senken auf Feldern und Wiesen stehen noch einige kleine und größere Seen. Vorbei an blühendem, süß duftendem Holunder und Heckenrosen, über mir und in den  Gebüschen Vogelgesang.

Vor mir dann ein Hof und rechts ein ausgedehntes Kartoffelfeld. Weitergehend komme ich bei der Ruine eines kleinen Hauses in einen dunkelgrünen Auwald hinein, aus dem ein Kuckuck ruft. Am Altrhein entlang umschwirren mich viele Mücken deren Besuch sich zu einem Überfall ausweitet, während ich stehen bleibe um mein Zedan-Mückenzeug aus dem Rucksack zu fummeln. Ich schlage um mich mit Hand und Landkarte während um mich herum die Frösche hämisch quaken. Bald sehe ich aus dem Wald tretend vor mir Kirche und Ort Altbrand liegen, links von mir weiterhin der Altrhein in dem diese furchtbare Mückenbrut aufwächst. Der zuerst sehr matschige Weg schlängelt sich und wird als ich dann an Feldern vorbeigehe trockener und besser begehbar während ich mich am Waldrand halte.
Links dort liegen stinkende Müllsäcke und rechts ein idyllischer Blick auf Altbrands Kirchturm. Drei Männer stehen fachsimpelnd um einen Rasenmäher herum, sie sehen etwas skeptisch hinter mir her. Den Grund bemerke ich dann später in meinem eigenen Schatten: Aus meinem geöffneten Rucksack fallen Gegenstände heraus, die ich wieder einsammle und das vermaledeite Ding zubinde. Gehe ein Stück Straße Richtung Hörtdt, am Schleusenhaus links kann ich auf dem Radweg gehen. Nach Überquerung des Altrheins über ein Brückchen gehe ich links in den Wald, wo ich ein paar im Wasser liegende Kähne zeichne.
Gehe weiter diesen sehr schönen Gras bewachsenen Weg, vorbei an blühenden Gräsern und blühendem Schilf. Der Weg wird zu einem kaum noch erkennbaren  Pfad. Dann fliegt ganz plötzlich ein schwarzer Schwan auf. Als der Weg wieder etwas breiter wird, schwimmen zwei weiße Schwäne über das Wasser neugierig auf mich zu und einer von ihnen gründelt vor mir zwischen den Seerosenblättern, während der andere sich erstmal vornehm zurückhält.  Vorsicht ist wohl auch für Vogelwesen angebracht denn auf der Wiese liegen allerhand große und kleine Gänsefedern von denen ich mir die größten mitnehme um sie demnächst als willkommene Zeichenkiele zu verwenden. Dank an den Fuchs der hier wohl gespeist hat, und Dank an die Gans für ihre Federn. Von Altbrand her läutet es 12°° während der Pfad hinter der Wiese auf einen Weg und dann auf die Straße führt.

Ich verirre mich erstmal kurz, gehe zurück und dann die Straße über eine Brücke von der aus ich im Wasser vollgelaufene Kähne liegen sehe.

Diese Straße liegt jetzt links von mir und wenn gerade kein Auto fährt ist das Frösche-Quaken dominanter als das Vogelgezwitscher.
Auf dieser Strecke spenden weit auseinander stehende Straßenbäume wohltuenden Schatten, dazu der Sound vom Kuckuck den es hier sehr zahlreich gibt.
Laut Karte bin ich erst ca. drei Kilometer gelaufen, aber wegen dem ganzen hin-und her am Altrhein entlang waren es wohl mehr. Jedenfalls möchte ich heute etwas mehr Strecke zurücklegen und bis Wörth oder zumindest bis Jockgriem kommen.

Unten am Altrhein sehe ich ein Storchennest auf einem Pfahl und einen von diesen schönen, luftig gebauten hohen, hölzernen, spitzgiebligen Speichern.

Dann  komme ich hinein nach Hördt. Ein Schild sagt mir „Willkommen im Klosterdorf“, inclusive Hinweis auf Partnerstadt in Belgien. Kurz nach dem Ortseingang wo die Straße aufwärts führt, biege ich in einen schattigen Weg bergab und komme an einen Bach. Hier sehe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen wilden Biberdamm. Die konisch abgenagten Stämme liegen über dem Bach, anderes Gehölz ist davor geschoben.Leider endet dieser schöne Weg an einem geschlossenen Tor, so gehe ich also zurück.

Hördt ist ein Dorf mit einstöckigen spitzgiebligen Häusern, heiß in dieser Sonne heute und wohl aufgeräumt. Von einem Brückchen sehe ich auf den Michelsbach.
Vorbei am Haus des Musikvereins Harmonie komme ich um halb zwei an die Kirche.
Die Situation hier ist so schön, dass ich sie gerne zeichne.

Ich gehe weiter und erblicke schon wieder eines dieser schönen, luftig gebautem Speicherhäuser. Auf dem Radweg sind es nach Wörth wohl noch 20 Km.Ich richte mich darauf ein.
Weiter wandere ich vorbei an Feldern und sehe vor mir Auwald. Immer wieder zurückblickend schaue ich auf die immer kleiner werdende Kirche. Ort und Kirche werden in der Entfernung zusammenhängender und dadurch schöner.Nachdem ich über eine Brücke gegangen bin, führt der endlos scheinende Weg vorbei an riesigen Nussbäumen.

Dann gehe ich auf dem Deichweg lange durch die heiße Sonne. Ich habe mich mit Baby-Sonnencreme eingekremt und die Sonne gleißt so, dass ich schon besonders blaue Kornblumen sehe wo keine sind.

Dann wieder weiter auf dem Radweg. Einige der tollen Liegeradler sind sich zu fein zum grüßen. Aber mir ist das so egal wie den springenden Fröschen, die grüße ich. Sobald ich den Deichweg verlasse ist überall Wasser auf überfluteten Wegen.Schön dass ich in einer Wasser-Abfließ Situation bin.

Viel unangenehmer vor allem bei düsterem, regnerischen Wetter kann ich mir gut vorstellen wäre es wenn ich diesen hölzernen Hochstand da vor mir erklimmen müsste um von da oben über das wüste, überschwemmte dunkelnde Land zu blicken, während unter mir das wüste Wasser gurgelnd steigt. Eine Nacht auf Flut umtostem Hochstand währe unangenehm aber bei Mondlicht romantisch.

Die Sonne auf dem weiteren Weg halte ich nur dadurch aus, dass ich mir meine Landkarte  wie ein kleines Zeltdach über den Kopf halte. Der Weg führt wieder an stattlichen Nussbäumen vorbei. Endlich sehe ich Wald. Mein Geist ist durch die Sonne etwas verwirrt aber so gefallen mir besonders hier diese unendlich vielfältigen Grün-Schattierungen.

Nahe bei Leimersheim sind auf den Feldern durch weiße Sandsäcke bestimmte Bereiche, warum auch immer geschützt. Bretterstege führen zu diesen Stellen hin.

Beim Schleusenhaus ist das Kupferdach durch irgendeine mächtige Gewalt aufgeworfen und, wie durch Zufall unordentlich aufgerollt. War es Wind?
Bis Wörth ist es noch lange auf diesem heißen Deichweg zu gehen vorbei an lila Wiesenflockenblumen, blauem Wiesensalbei, weißem und violettem Klee.

Auf der Suche nach Schatten überquere ich ihn und stelle fest, dass jeder Weg parallel zu diesem Deich durch den schattigen Wald vom Hochwasser überschwemmt ist.
Die ruhigen Wasserflächen sind ganz bedeckt mit einem weißen Flaum aus herabgewehten Pappelsamen. Die Suche nach etwas Trinkbarem in meinem Rucksack mündet in eine an sich vorhersehbare Sprudelexplosion beim Öffnen der durch das Gehen oft geschüttelten Flasche.

Auf den teilweise unter Wasser stehenden Feldern hat sich am Rand eine Art hellgrüner Schaum gebildet. Sind es durch das Hochwasser freigesetzte Düngemittel?

Nach der Kreuzung bei Leimersheim finde ich nach langem Wandern in brütender Hitze endlich Schatten. Dort aquarelliere ich die Situation.

Frösche quaken, statt die verdammten Mücken zu schnappen mit deren Totschlag ich genauso beschäftigt bin wie mit dem Malen.Wer we
iß vielleicht tut es ja dem Bild gut wenn es dadurch schneller gehen muss.
Weitergehend höre ich, dass hier der Rhein, den ich als richtigen Fluss auf dieser Wanderung bisher nie direkt zu Gesicht bekommen habe akustisch etwas deutlicher wird. Man hört die Strömung vor allem an Hindernissen. Umgebung ist ein wilder Wald. Auf einem toten, senkrecht aufragenden Baumstamm sitzt ein Storch, davor, etwas tiefer ein zweiter in seinem Nest, und dahinter zwischen Ästen und Bäumen versteckt hockt noch einer.

Nach dem Deichwachthaus Neuportz wieder Störche auf freistehendem, kahlen mit dem Nest bebautem Geäst. Rundherum eine große Lichtung mit Schilfgras, während rechts von mir eine aktive Kiesgrube zu sein scheint. Dann ein Storch direkt über mir im Tiefflug, hat irgendwas im Schnabel. Bei dem grauen Turm biege ich Richtung Jockgriem ab, denn da ist laut meiner Karte die nächste Bahnstation. Nachdem ich einen Kanal überquert habe führt mich der Weg wieder durch schattigen Wald. Endlich mal Buchen, Ahorn und auch einzelne Eichen nach den ganzen Pappeln und Weiden.
Den zahlreich vertretenen Bärlauch erkenne ich früh am angenehm würzigen Geruch.
Eine riesige Buche residiert am Ausgang ins Freie.
Stehen bleiben ist gefährlich, viele Mücken wissen es zu schätzen und stechen gerne.
Dann endlich der Kirchturm von Jockgriem im Westen. Es riecht nach frisch gemähtem Heu und die Kuckucks rufen unermüdlich. Nun erscheinen links von mir große runde Tanks, vor mir die B9 und in der Luft über mir trällert fröhlich eine Lerche.

Jetzt habe ich einen schönen Blick auf das über der Stadtmauer höher gelegene Jockgriem, doch kann ich ihn kaum so richtig schätzen da ich wahnsinnigen Durst habe, noch verstärkt durch all die stehenden Wasserflächen, vom Hochwasser übriggeblieben, aber ich bin ja kein Hund der einfach aus der Pfütze trinken kann.

Rechts am Weg befindet sich eine liebevoll aufgestellte Marienfigur inmitten schöner blühender roter Rosen.

Schöne Stadt auf die ich da zu gehe. Und als ich drin bin gibt es keine offene Kneipe, kein Geschäft wo ich was zu trinken kaufen kann. Aber einen Brunnen mit zu geschweißtem Wasserhahn. Zwei unabhängig voneinander böse bellende Hunde keifen mich an. Zwei freundliche Mädchen weisen mir den Weg zum Bahnhof, kurz davor ein großer freier Platz mit einem Grillhähnchenwagen.

Hier gibt es was zu trinken. Der sehr verschwitzte Mann fühlt sich vielleicht wie eines seiner heißen Hähnchen, gibt mir die eiskalte Cola, die, wahrscheinlich ist es Einbildung, nach gebratenen Hähnchen schmeckt. Den Geschmack ignoriere ich weil ich wirklich ernsthaft Durst habe. Der Zug kommt bald.

Clemens Hillebrand, 07.06.2013