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Rheinwanderung 34. Tag / am 21.08.2013

von Jockgrim nach Hagenbach

Clemens Hilebrand /21.08.2013
Clemens Hilebrand /21.08.2013
Clemens Hilebrand /21.08.2013

Um ca. 10:00 gehen wir – der Journalist Engelbert Broich, und ich – in Jockgrim los. Durch teils sehr schöne Straßen und von Hecken gesäumte Gassen. Links, hinter Gärten, wo irgendwo ein Hahn kräht und Tauben gurren, kleinere Häuser, rechts mit Wein und wildem Hopfen bewachsene Zäune und Hecken. Der Blick geht über am Hang liegende Gärten ins Grünland, wo Pferde weiden.

„Das Treiben oder Reiten von Großvieh durch den Stückelweg ist verboten“ sagt ein älteres oder eher nostalgisch-neues Schild an einer Wand. Über die kleine Brücke gehend kommen wir an einer Nepomukfigur vorbei.

Dann auf einem Mäuerchen an dem kleinen Lina-Sommer-Platz eine Bronzebüste der hier so geehrten pfälzischen Dichterin Lina Sommer. Im Anblick der schönen Gärten in Jockgriem und weil sie hier begraben ist, zitiere ich folgendes Gedicht von ihr:

„Das eigene Gärtchen

Eine arme, eine kleine,
und gebrechliche Figur,
und so schmal und so verwachsen,
doch von Missmut keine Spur.

Flickmamsellchen nennt sie jedes,
und mit kindlichem Gemüt
sagt sie, dass ihr trotz der Armut
noch ein eignes Gärtchen blüht.

Und so schafft sie unverdrossen,
und so näht sie, früh und spät,
freut sich immer auf ihr Gärtchen,
wo sie geht und wo sie steht.
....


Als vor ihrem kleinen Hügel
später ich gestanden bin,
(er war übersät mit Blumen
und ein Kreuzlein mittendrin)
hab das Krüppelchen, das arme,
ich verstanden gar zu gut, und die Freude auf das Gärtchen,
drin sie nun so friedlich ruht.“

(Entnommen von lina-sommer.jimdo.com.)

Bald dann sehen wir schöne Fachwerkhäuser mit roten Geranien vor den Fenstern vor allem in der Ludwigstraße, wo wir auch am Zehnthaus vorbeikommen; dort habe ich vor einigen Jahren Zeichnungen zu einem Kreuzweg in Ludwigshafen-Maudach ausgestellt. Gehen rechts einen kleinen Weg, und ich zeichne durch ein Tor aus Ziegelsteinen in die grüne Landschaft.
Beim Zeichnen spricht mich ein freundlicher Spaziergänger an. Er erzählt vom Ziegeleimuseum, in dem die Geschichte der Jockgrimer Ziegelwerke anschaulich erklärt wird. In zeitweise sechs Ziegelwerken wurden Jockgrimer Ziegeln in die ganze Welt geliefert. Das letzte Werk brannte 1972 ab. Die Tonvorräte waren aufgebraucht und so endete die Ziegelproduktion in Jockgrim.

Weiter vorbei an Gärten mit rot-lila blühendem Eibisch und über eine einen Wassergraben überquerende Brücke ins Land hinunter über die Wiesen, die ich gerade eben gezeichnet habe.
Vorbei an Maisfeldern und mit weißen Muttergottesgläschen beranktem Schilf. Der Wind weht geräuschvoll in der großen Pappel. Dann wieder Mais und kleine Gärten, voll mit gelb-schwarzen Sonnenblumen, rosa Malven, hellgelben Königskerzen, lila Eibisch, dunkelroten Dahlien, orange-grünen dicken Kürbissen, grünen Stangenbohnen, verschiedenen Obstsorten, Zucchini, orange-gelben Calendula-Blüten, dicken, roten Himbeeren, und immer wieder Maisfelder und Wiesen.

Nun eine Versammlung schnatternder Gänse, eine gackernde Hühnerfamilie, eine Gruppe Enten unter dem Schatten eines Esskastanienbaumes. Haselnusssträucher, Walnussbäume und von Wein und Wicken berankte Zäune.

Wir sind in einem Halbkreis um Jockgrim gelaufen und noch nicht recht weitergekommen, als  Kirchenglocken Mittag läuten. Wir laufen erst auf dem Radweg an der Straße entlang und suchen immer wieder, durch Mücken geplagt, nach neuen Wegen ohne Autolärm parallel zur Straße, die dann immer wieder doch nur an einsamen Fischteichen enden. Schließlich landen wir, als für uns momentan einzig durchgehend gangbarem Weg, wieder auf dem Radweg parallel zur Straße, an der sich unter Schatten spendenden Bäumen zwei Holzkreuze mit Grablichtern und Blumen befinden. Auf einem die Aufschrift: „Nur die besten sterben jung“. Dann finden wir endlich einen staubigen Weg teilweise parallel zur Straße, der uns dann durchs Gewerbegebiet, an Hecken und einem Autohaus vorbei über die den Heilbach querende Brücke am Friedhof entlang nach Wörth führt. Hier hat mittags alles zu, selbst die Fleischtheke, wo es sonst auch einen Kaffee gibt.

Am alten Rathaus setzen wir uns auf die vorhandenen Bänke. Ein komischer Kerl aus Sandstein hockt mit gequältem Blick auf einem wie aus Bronzeplatten schlecht zusammengenähten Fels-artigen Etwas. Vielleicht war der Platz irgendwann einmal schön, und die Platanen, das alte Rathaus, der Oleander davor und die Kirche sind es noch, aber durch diese seltsam überdimensionierten weißen Metallpagoden und Lampen mit Blick auf die Rückseite der bretternen Wahl-Plakatwand zu zeichnen, vor allem diese gequälte Statue mit Klumpfuß vor Augen, weigert sich mein Stift, weil es hier noch nicht einmal richtig hässlich, sondern nur unerträglich belanglos zugeht.

Nach unserem Butterbrotpäuschen gehen wir weiter Richtung Rhein. Viele Autos, Tankstellen, und unter heißer Sonne grinst mich ein Thomas Gebhardt an, der laut Wahlplakat „Wort hält und zuhört“.

Dabei gab es an diesem zurzeit teils überaus hässlichen Ort sogar einmal eine „Wörther Malschule“, wie uns eine hier seltsam deplatziert wirkende Tafel belehrt. Heinrich von Zügel,1850­–1941, war hier malerisch viel unterwegs.
Jetzt gibt es hier rechts die Eisenbahnschienen, dann eine Jet-Tankstelle und natürlich McDonalds. Da gehen wir hin. Wir nehmen einen schüchtern hervortretenden Pfad als Abkürzung durch ein Stück Brachland – der normale Platten-Weg wäre sehr viel länger, da Fußgänger hier in der Gegend nicht vorgesehen sind. Hier wird nur in Auto-Einheiten oder bestenfalls Fahrradeinheiten gedacht und geplant.

Während wir über Sinn und Unsinn der Erweiterung des „Godorfer Hafens“ in Köln plaudern, kommen wir am „Maximilian Center“, am „Marktkauf“, am „Gartencenter“, am „Globus Baumarkt“ etc. in Wörth-Maximiliansau vorbei. Falsch gelesen oder ausgesprochen, kann der Name leicht missverstanden werden. Vielleicht wurde der Name des gegenüber liegenden Stadtteils von Karlsruhe, der früher genauso hieß, deshalb in Maxau umbenannt. Radfahrer klingeln uns wütend vom Weg fort.
Derweil grinst ein Dr. Volker Wissing mich mit den Worten „Leistung darf sich lohnen“ von einem Plakat am Laternenpfahl vor Casino, Cash-City, Cash-Town an.

Endlich erreichen wir die Rheinbrücke und den Rhein. Dort male ich ein Aquarell, während Engelbert fotografiert.
Danach geht der Weg weiter durch sengende Sommerhitze, teils auf der Deichkrone, teils auf dem Radweg, wo wir keinen einzigen Fußgänger, aber zahlreiche Radler treffen.

Nach dem auf der Karte verzeichneten See kommen wir am Schleusenpumpwerk Hagenbach vorbei; dort setzen wir uns völlig erschöpft an Tisch und Bänke, und ich zeichne während unserer Erholpause das, was ich da gerade sehe.
Dann gehen wir nach Hagenbach zur Bahnstation. Den gerade im Moment einfahrenden Zug verpassen wir, warten eine Stunde, in der ich mich mit meinem Begleiter über die spannende Geschichte des „Schwebenden“ von Ernst Barlach austausche. Der Erstguss der Bronzeplastik, eigentlich „Güstrower Ehrenmal“, wurde von dem Bildhauer für den Güstrower Dom als Mahnmal für die Toten des Ersten Weltkrieges geschaffen, dort 1937 im Rahmen der nationalsozialistischen Aktion „Entartete Kunst“ entfernt und 1941 eingeschmolzen. Der 1939 realisierte und versteckte Zweitguss hängt seit 1952 in der evangelischen Antoniterkirche in Köln. Dort erinnert das Werk nicht nur an die Toten des Ersten Weltkrieges, sondern auch an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft von 1933 bis 1945. Übrigens befindet sich seit 1953 ein Exemplar des „Schwebenden“ erneut im Dom zu Güstrow. Der Nachguss wurde abgenommen vom Kölner Engel.

Mittlerweile ist der Zug gekommen und wir fahren zurück.

Clemens Hillebrand, 21.08.2013