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Rheinwanderung 35. Tag / 02.06.2014

von Hagenbach nach Lauterbourg

Skizze 1
Skizze 2
Skizze 3
Skizze 4
Skizze 5
Skizze 6

Um ca. 10:00 Uhr gehe ich bei schönem, aber etwas diesigem Wetter vom Bahnhof Hagenbach aus los über die Bahngleise bei der Schranke in die Rheinstraße Richtung Neuburg. Eine Postbotin auf dem Fahrrad grüßt mich beim Überholen, während ich am Edeka Aktionsmarkt Dietz vorbeigehe. Auf dem Wiesenstück zwischen Straße und Weg sind, teils unter blühenden Linden, immer wieder „Wildblumeninseln“ mit frühen Astern, fetter Henne, Mohn, Hasenlattich, blauer Wicke und anderen Blumen teils in großen, rechteckigen Beeten, teils in mit Erde gefüllten Steintransportsäcken geschaffen worden. Nach der Lackiererei überquere ich den Heßbach über die Straßenbrücke und komme an der Stadtbrauerei „Heumann-Bräu“ mit „Tanzwelt“ und einem oktogonen, tempelartigen Gebäude, alles in Rot-Ocker, vorbei. Am Kreisverkehr geht es rechts ins Industriegebiet „Faurecia“; ich gehe geradeaus, dann weiter unter Nussbäumen, links neben mir ist die Straße, weiter links Felder und im Hintergrund Auwald. Die Autogeräuschpausen lassen ab und zu akustisch Platz für verschiedene wohltuend fröhliche Vogelstimmen.

Rechts von mir ist anscheinend Bauerwartungsland, also derzeit Brachland und Baustelle, die einen nennen es Erschließung, die anderen sind traurig darüber, dass wieder Wiesen und Felder dem Halbgott „Gewerbegebiet“ geopfert, also asphaltiert werden sollen. Links sehe ich eiserne, angerostete Anlagen zur Förderung von Kies, dahinter ist ein Kiesgrubensee und wieder dahinter dann Wald.

Die Gegend hier ist flach. In der Allee aus teilweise nachgepflanzten Nussbäumen, unter denen ich hergehe, stehen immer wieder auch riesige, alte Nussbäume aus einer anderen Zeit.

Da die Straße recht laut ist, bin ich froh, auf der rechten Seite einen verstaubten Weg durch Weizenfelder zu einer zur Straße parallelen anderen Nussbaumreihe zu finden, und hoffe, während ich dann viel schöner als auf der Straße darunter entlang gehe, dass dieser Weg nicht gleich einfach wieder aufhört. In einen der alten Nussbäume ist ein Hochstand hineingebaut, den ich nun, gegen 10:45 Uhr, skizziere.
Der Pfad unter dieser Reihe relativ junger Nussbäume endet doch, und ich muss wieder nach links zwischen Feld und Wald auf die Straße zurück. Außer süß duftendem blühenden Holunder wachsen hier am Waldrand viele Haselsträucher, an denen ich entlang der Wiese vorbeilaufe, um wieder rechts die Straße auf dem Radweg entlang zu verfolgen.

Auf der Straße fahren immer wieder große Kieslaster. Dann, zwischen Radweg und Straße, Rudimente einer früher wohl geschlossenen Ligusterhecke. Weiter geht’s, ein von der Wahl am Sonntag übrig gebliebenes großes Plakat verspricht Ideen, Kompetenz und Verantwortung, rechts am Wegrand Felder mit etwa 30 cm hohen Maispflanzen, dann Obstwiesen und Schilf.

Zwischen Birnbäumen wurde das Gras wohl gesenst und als Heu um Holzstangen herum zum Trocknen aufgeschichtet; dann wieder „normal“ gemähte Wiesen zwischen anderen Obstbäumen. Rechts von mir sehe ich nun stehendes Wasser mit Schilfrändern. Laut Karte befinde ich mich in einem kleinen „NSG“, also Naturschutzgebiet. Links von mir ahne ich hinter Feldern und Wald in der Ferne blaue Hügel. Hier vorne, direkt an der Straße, geht es nun an Kirschbäumen mit hellroten Früchten kurz vor der Reife vorbei. Am Himmel links vor mir bauen sich starke Quellwolken auf, vielleicht braut sich da ein Gewitter zusammen. Nach der Brücke über einen Rheinarm oder Kanal, in dem weiße Schwäne schwimmen und sich spiegeln, dann das Straßenschild „Neuburg“. Nach einer weiteren Brücke über stehendes, am Rand schilfbesäumtes Wasser, auf dem Seerosenblätter schwimmen, wandere ich an den ersten Häusern von Neuburg vorbei. Einer der Vorgärten ist ausschließlich voll von hellrotem Klatschmohn, was sehr schön ist und meine Stimmung deutlich hebt. Gehe die „Schifferstraße“, die mich hoffentlich bald zum Rhein führt, entlang, vorbei an einem Schild für „Kreative Steingestaltung“.

Geradeaus zwei verschiedene Kirchturmspitzen, einmal „Zwiebel“ mit Hahn und einmal Achteck mit Helm und Kreuz obendrauf. Zwiebel stellt sich als protestantisch, Helm als katholisch heraus. Zwischen beiden Kirchen hindurch laufe ich vorbei an freundlichen, ein- bis zweistöckigen Giebelhäusern und finde doch bitte hoffentlich bald den Rhein. Komme durch ein Dichter-Neubauviertel, wo u.a. Heinrich Heine und Goethe durch Straßenschilder geehrt werden, dann an Feldern und am „Johannes-Hof“ vorbei und gehe Richtung „Berg in der Pfalz“.

Danach treffe ich einen freundlichen, sonnengebräunten Mann, der mit seinem Fahrrad einen Karren zieht und mir sagt, wie ich zum Rhein komme, an dem ich entlang wandern will auf meinem Weg nach Lauterburg. Ich gehe ein Stück und komme dann mit einem Hundebesitzer ins Gespräch, der mir eine etwas andere Richtung empfiehlt. Bald laufe ich auf einem asphaltierten Weg, parallel zum Rhein-Hauptdeich links von mir. Riesige alte Weiden vor Wiesen, kleinere Baumgruppen und an den Seiten mit Schilf bestandene Gräben sehe ich rechts.

Während ich mittlerweile das Gefühl habe, das Gewitter zieht sich hinter und vor mir zusammen, sehe ich vorne rote Dächer auftauchen, rechts in naher Ferne steht ein grau-blauer Wasserturm.

Im Ort dann rechts vom Deich zuerst ein ganz mit wildem Wein bewachsenes Haus, davor ein schöner Garten mit blauem Rittersporn, gelben, weißen, roten Rosen und Pfingstrosen. Komme an eine Kreuzung, wo eine Straße durch den Deich führt, ich gehe geradeaus nach Berg hinein, rechts ein Klärwerk, links die Lauter; vor mir auf dem Dach einer Mühle steht ein Storch in seinem Nest. Laufe ein Stück an der Lauter entlang, komme der Mühle näher und sehe sie mir von der Straße her an. Da ein Vordach auch guten Schutz vor einem eventuellen Gewitterregen bieten würde, zeichne ich hier um ca. 13:15 Uhr.
Links von der Hauptstraße führt eine Steintreppe zur Kirche hoch, auf dem kleinen Platz dort arbeiten Maler oder Putzer an einem eingerüsteten Fachwerkhaus. Ich gehe hier oben weiter die Ludwigstraße nach Neulauterburg. Links ist der Friedhof, rechts spitzgieblige Häuser mit kleinen Vorgärten. Es hat sich zugezogen, aber ein Gewitter wird hier wohl doch nicht stattfinden, doch einzelne schwere Regentropfen fallen, während ich ein steinernes bemaltes Kreuz mit marienblau bemalter Maria darunter am rechten Straßenrand entdecke. Jetzt regnet es richtig, ich mache meine Notizen unter überhängenden Büschen.

Links biege ich kurz ab auf eine Heuwiese und pinkele vorerst zum letzten Male auf dieser Wanderung an einen deutschen Busch. Bald kommt das gelbe Ortsschild Neulauterburg, ich wandere durch den Regen nach Lauterburg. Hier an der Grenze sehe ich links eine größere Sportanlage, Fußballplatz mit Tribüne, und vor mir das Museum „Zollpavillon“, das aber leider geschlossen ist; „Montags Ruhetag“ erzählt mir ein kleines Schild. Wesentlich größer ist das Schild für Geschwindigkeitsbegrenzung in Frankreich, 50 km/h im Ort, 90 außerhalb und 130 auf der Autobahn. Das hätte ich gerne auch in Deutschland so, Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn. Vor allem beim Fahren in England, wo außer dem Limit noch eine gewisse berechenbare Höflichkeit dazu kommt, ist das Fahren viel einfacher und übersichtlicher.

Aber jetzt bin ich ja als Fußgänger hier.

Laut weiteren Schildern befinde ich mich jetzt in Lauterbourg, also mit ou statt nur mit u,
dann im Département du Bas-Rhin und, nachdem ich die Lauterbrücke überquert habe, in der Region Alsace.

Gehe Richtung Centre-Ville, komme an einem geräumigen Platz mit zwei mit bunten Blumen bepflanzten rechteckigen Brunnen vorbei. Hier setze ich mich wegen des Regens unter die Schirme der Café-Pizzeria „La Fontana“ und zeichne, bis hoffentlich bald der Regen vorbei ist.
Während ich auf dem Platz stehe und zeichne, setzt ein großer Lastwagen mit einem Kabeltrommelanhänger zurück auf den Platz direkt vor mich, sodass ich zurücktreten muss, um nicht gefährdet zu sein. Aber so habe ich einen interessanten Vordergrund.

Ganz lustig ist der große, wetterfeste Bilderrahmen, durch den man aufs bunt bepflanzte Blumenbeet und die Bank dahinter – leider momentan ohne Liebespaar – und weiter auf eine von Efeu berankte Wand schauen kann. Unter dem bewachsenen hölzernen Pavillon spaziere ich durch, steige eine Treppe hinauf und genieße einen schönen erhöhten Blick auf den Platz unten.

Hier oben entdecke ich eine steinerne Kreuzigungsgruppe und den angenehmen halbrunden, von wunderbar duftenden blühenden Linden umstandenen Platz vorm Eingang der Kirche „Eglise de la sainte Trinité“, die derzeit restauriert wird. 1467 wurde der spätgotische Chor erbaut, während der Amtszeit von Matthias von Rammung, wie mir ein Schild an der Wand erzählt, dann brannte 1678 alles ab und wurde 1883 wiederaufgebaut, später war sie zu klein, wurde teilweise abgerissen und größer wiederaufgebaut. Drinnen war ich nicht, es war alles zu wegen der Renovierungsarbeiten oder der vorgerückten Stunde.

Auf der Ecke unten am Platz ist ein mit wildem Wein völlig zugewachsenes schönes Haus

„à vendre“. Ich gehe am mit französischen National-Fahnen geschmückten „Hotel de Ville“ und an teils schönen Fachwerkhäusern vorbei weiter in den Ort hinein. Mir fällt seit der Grenze auf, dass hier in vielen Vorgärten statt rasierter Wiese und Blumenrabatten Gemüse wie Lauch, Salat, Gurken und Zucchini gedeiht. Auch die vielen bunten Blumen entweder in aufgehängten Kästen oder in Beeten bzw. Stein- oder Betonkästen fallen mir auf.

Gehe die Rue de la 1ere armée weiter und merke, dass ich, wenn ich den Rhein finden will, hier eher in die falsche Richtung laufe. Ich frage einen etwas dickeren Passanten im Trainingsanzug und er bedeutet mir, dass er nichts versteht, nicht deshalb – wie ich zuerst dachte –, weil ich ihn auf Deutsch ansprach, sondern weil er taubstumm ist, wie er mir mit Händen und Mundbewegungen signalisiert.

Aber wir verständigen uns, „la gare“, „la station“ ist genau in der Richtung, aus der ich komme, also gehe ich zurück. Ich habe vieles kennen gelernt auf dieser Wanderung, nur das, wofür ich gekommen bin, ist mir bisher noch nicht wirklich zu Gesicht gekommen, der Rhein.

Vorbei an lustigen Pfeilern und Blumenkästen, in deren Beton bunte Glas- und Keramikscherben eingefügt sind. Zurück am Rathaus und der Touristik-Information hole ich mir bei der freundlichen, dunklen Frau, die nur Französisch spricht, einen Stadtplan, der mir meinen Weg bestätigt. Zurück auf anderem Weg, als ich gekommen bin. Rechts neben mir geht es tief runter, im Hintergrund sind große, weißliche Geröll- und Schuttberge zu sehen, vielleicht Kaliabbau für Düngemittel. Aber was oben an der Kirche schon so schön war, hier, auf der Rue de la Gare, bestätigt es sich, der ganze Ort duftet wunderbar nach den vielen blühenden Linden, unter denen ich gerade her gehe. Dann bin ich am ehemals wohl sehr repräsentativen, heute von allerlei Mietern und kleineren Firmen bewohnten und genutzten Bahnhof und finde ganz hinten das Schild SNCF für Societé National de Chemin de Ferre. Der ganze Bahnhof ist verlassen und etwas trostlos. Ich setze mich auf eine Bank auf der rechten Seite, da es da Richtung Wörth, auch durch Schilder angezeigt, zu gehen scheint. Ich zeichne eine Ecke des gegenüberliegenden Bahnhofsgebäudes.
16:45 Uhr soll der Zug nach Wörth kommen. Auf der gegenüberliegenden Seite fährt jetzt ein Zug ein und bleibt dann lange stehen. Ich warte hier auf den für 16:45 Uhr angekündigten Zug auf meiner Seite, aber da kommt nichts, so merke ich, dass ich wohl einen Fehler gemacht habe, als der Zug dann leider wieder zurück fährt. Der Zug von Wörth fährt bis Lauterbourg und anscheinend auf demselben Gleis zurück. Ich hätte auch gerne jemanden gefragt, aber ich war der einzige auf diesem staubigen, heißen, verlassenen Bahnhof.

So habe ich es endlich halbwegs kapiert, setze mich auf die andere Seite und zeichne von da aus, während ich auf den nächsten Zug um 17:55 Uhr warte. Da kommt noch ein Zuggast, setzt sich auf die Bank in meinem Blickfeld, sieht, dass ich zeichne und ruft „C’est bon?“ „Oui, c’est bon“, antworte ich, gehe dann rüber und frage, wie das hier mit den Zügen so geregelt wird. Also der von Deutschland fährt dahin zurück, genauso der von Frankreich. Na ja, jetzt weiß ich sicher mehr.
Beim Zeichnen entdecke ich ihn, er schimmert endlich durch, hinter Straße und blaugrünen Baumgruppen, der Rhein, welchen ich den ganzen Tag gesucht und nun endlich, wenn auch nur aus der Ferne, gefunden habe.
 

Clemens Hillebrand, 02.06.2014