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Rheinreise, Tag 36 am 26.11.2017-11-28

Karlsruhe

Leider hatte ich die letzten drei Jahre keine Zeit für das schöne Vorhaben einer weiteren Rheinwanderung gefunden. Ich hatte das Glück eine größere Aufgabe planen und auszuführen zu können. Zwei Jahre intensiver Planung und ein Jahr für die Ausführung vor Ort waren wichtig um den romanischen Teil der Kath. Pfarrkirche St. Clemens in Drolshagen auszumalen.

Um ca. 10:00 kommen wir in Karlsruhe am Hauptbahnhof an. Meine Frau Brigitte hat sich freundlicherweise bereit erklärt mit mir zu fahren und sich auf diese Stadtwanderung einzulassen.

Diesmal sehe ich einiges nicht so dogmatisch wie bisher. Sonst bin ich genau da weitergewandert wo ich zuvor zu gehen aufgehört hatte. Da es regnen sollte und gleichzeitig novembermässig kalt war beschlossen wir, das Lauterbourg (wo meine letzte Wanderung geendet hatte) rechtsrheinisch ungefähr gegenüberliegende Karlsruhe zu besuchen.

Vom Hauptbahnhof wo ich einen kleinen Stadtplan erstanden habe kommen wir bald in die Ettlinger Straße Richtung Schloss welches das Zentrum der auf dem Reißbrett im18. Jahrhundert geplanten Stadt ist. Die von Westen, Süden und Osten auf den Schlossturm zulaufenden Straßen sind fächerförmig angeordnet so dass man schon von weitem den Schlossturm, das Zentrum des Kreises erkennt und so immer ein Ziel vor Augen hat. Ein Flaschen und Kippensammler sucht derade in den Abfalleimern nach Verwendbarem. Wir sehen viele stattliche Gebäude und gehen schon bald am Zoo vorbei. Die Stadt erinnert mich an die Elefantenstadt in den Baba Büchern von Jean de Brunhoff. Links im Zoo ist ein bewaldeter kleiner Berg der Lauterberg. Die Ettlinger Straße scheint eine einzige Baustelle zu sein. Teilweise wurden hier wohl alte Häuser abgerissen und durch neue ersetzt. Aber bei Blicken in die Seitenstraßen hinein kann man feststellen, dass da noch viele der alten Häuser stehen und anscheinend die Abrisswut der 70iger Jahre oder aber die Bombardierungen des letzten Krieges überstanden haben. Bald kommen wir an ein modernes Gebäude, das Badische Staatstheater. Davor steht ein dreibeiniges Pferd mit schwarzem, tonnenförmigem Holzleib und intensiv ausgeführtem bronzenem Kopf und ebenso intensiv dargestellten drei bronzenen Hufen. Der so genannte Musengaul von Jürgen Goertz. Dann queren wir die Kriegsstraße, kommen an einem Rondell vorbei, das gerade gepflastert wird; da Sonntag ist, ist es natürlich ruhig. Am Platz der evangelischen Stadtkirche die sehr stattlich mit großen klassizistischen Säulen daher kommt finden wir ein Lokal wo es warm ist und von wo aus ich auf den Marktplatz zeichnen kann. 

Hinter dem Bauzaun sieht man viele Container und Baumaschinen, dahinter große aufwendige Holzhäuser für den Weihnachtsmarkt der noch geschlossen ist und auch eine mit dunkel gewordenem Holz verschalte Pyramide, die vielleicht als besondere Attraktion des Weihnachtsmarktes daherkommt.

Beim Zeichnen finde ich eine vorhandene Aktzeichnung aus meinem Skizzenblock und zeichne um diese Figur herum das was ich hier aus dem Fenster heraus sehe. Der eine oder die andere die "mir über die Schulter schauen" sind etwas irritiert nicht nur die Stadt sondern auch die Aktzeichnung auf dem Blatt zu sehen, was wie mir scheint im Hintergrund auch verhaltenes Gelächter hervorruft.

Wir trinken gemütlich Café teilen leckeres Rührei und wärmen uns auf für weitere Entdeckungen.

Die finden wir auf unserem weiteren Weg zum Schloss, so den Platz der Grundrechte, mit Schrifttafeln mit Texten zu diesen auf Schildern bestückt und queren den "Zirkel", die innere, kreisrunde Straße ums Schloss. Um ein Denkmal herum ist eine noch menschenleere Eisbahn aufgebaut, danach kommt ein großer Garten mit Wiesenflächen und 14 weißen Figuren, deren Qualität durch den vermutlichen Neu-Abguss, wohl in haltbaren Beton, gelitten haben könnte. Aus der Ferne scheinen sie schön, aber beim Nähergehen oft recht grob geformt. Dann gehen wir auf das repräsentative, gelbe, klassizistische Schloss, ruhend auf einem Plattenboden aus rotem Sandstein zu, an dessen Turm eine gelb-rot-gelbe Fahne vor sehr dunklen Wolken weht. Hier ist das badische Landesmuseum untergebracht, es ist schön warm hier drinnen aber draußen ist es doch für so einen kurzen Tagesausflug interessanter. Wir gehen durch das linke Tor und kommen an einen romantischen Steinbrunnen mit Pferd, Karpfen und anderem mehr, der im Sommer bestimmt schön aber jetzt im November einen trostlosen Eindruck macht.

Wir gehen auf einem blauen Streifen der wie ich später herausfinde aus blauen Majolika-Fliesen besteht und den Weg zwischen Schlossturm und Majolika-Manufaktur definiert. Dann zeichne ich von einer Bank aus während meine Frau den Park erkundet in nord-westlicher Richtung gegen das Nachmittagslicht aufs Schloss mit seinem achteckigen Turm solange bis ich vollkommen durchgefroren bin.

Nun gehen wir über Umwege zurück, erst durch die schönen im Halbrund verlaufenden Arkaden, dann vorbei am eindrucksvollen Karstadtgebäude aus den zwanziger Jahren, dann ein Stück die Herrenstraße entlang. Eine von der Architektur her sehr großzügige Gegend, ohne Autos aber mit Straßenbahn, ziemlich leer, da ja Sonntag ist. Vorbei an einem Bronzebrunnen aus dem Jahre 1978, wobei ich besonders den schönen Kanaldeckel auf dem Boden, wohl aus Eisenguss bewundere. Immer wieder spürt man die Fächer dieser so genannten Fächerstadt und immer wieder hat man auch den Blick auf den Schlossturm inmitten am Ende einer langen Flucht.
  
Dann vorbei am Stefansplatz wo in einem Kreis von vierzehn alten, traurigen sandsteinernen Säulen mit karikativen Männergesichtern eine junge Frau aus  patinierter Bronze mit zwei Krügen steht, ein Jugendstil-Brunnen-Denkmal von Hermann Billing und Hermann Binz, dann weiter am schönen Jugendstilgebäude der städtischen Schule Herrenstraße, vorbei am moderneren Bundesgerichtshof, am Gebäude der Bundesanwaltschaft mit den vierfach, versetzt verglasten ziemlich schusssicher aussehenden Fenstern, vorbei am Gebäude der Landesbibliothek, dem Gebäude des evangelischen Kirchenrats und auch an der imposanten kath. Kirche St. Stefan mit einem zu der Zeit oft wiederholten klassizistischen Nachempfinden der Kuppel des Pantheon in Rom, weiter vorbei am sehr aufwendigen Karlsruher Christkindelsmarkt, noch in gespenstischer Vorweihachtsleere, am Gebäude der IHK (Industrie und Handelkammer) vorbei wieder auf den Marktplatz, wo wir uns im Warmen wohl fühlen und uns durch spontane Verhandlungen mit Tischnachbarn immer näher an einen Fensterplatz im sehr gut gefüllten Café vorarbeiten.
Schließlich lassen wir uns an einem "fast" Fensterplatz in zweiter Reihe nieder und ich kann noch in die beginnende Dämmerung auf dem Marktplatz hinein zeichnen.

Ich erfahre von einer älteren Tischnachbarin, dass die Pyramide keinesfalls zum Weihnachtsmarkt gehört, sondern abgedeckt wurde um durch die derzeitigen Bauarbeiten nicht beschädigt zu werden, darunter befindet sich die Gruft in der die Gebeine des Gründers der Stadt Karlsruhe, des Markgrafen Karl III. Wilhelm von Baden-Durlach ruhen.

Sie erzählt auch das Karlsruhe bisher ein ruhiges Beamtenstädtchen war aber dass sich ja alles immer wieder ändern würde und nach der ganzen Bauerei würde es hoffentlich wieder etwas ruhiger werden.

Dann auf der von hier aus rechten Seite der Ettlinger Straße zurück Richtung Bahnhof, vorbei an der Gartenhalle mit dem schön bemalten Giebel, vorbei am frisch renovierten Jugendstilschwimmbad in das wir leider nicht hineinschauen dürfen, da dort "textilfreies Baden" gepflegt wird, wieder vorbei am Zoo, doch diesmal an der anderen Seite des Berges vorbei, dann an einem Denkmal für einen der Gründer des Zoos und an den vielen rosa Flamingos die ich durch die massiven eisernen Gitterstäbe rosa hindurch blinken sehe zum Bahnhof um rechtzeitig den Zug zurück nach Köln zu erwischen.

 

Clemens Hillebrand