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Rheinwanderung 5.Tag /21.06.2006

von Bad Breisig nach Andernach

Clemens Hillebrand 5.Tag/21.06.2006
Clemens Hillebrand 5.Tag/21.06.2006
Clemens Hillebrand 5.Tag/21.06.2006
Clemens Hillebrand 5.Tag/21.06.2006

Bei Rheinkilometer 624 in Bad Breisig los, direkt am Rheinufer entlang, vorbei an der Mündung des Vinxtbaches bei 622/5, und weiter über einen sandigen Weg vorbei an großen Pappeln. Bei 621/7 erste Zeichnung für heute.
Blick auf eine lange Mole, gegenüber im Hintergrund der Hammerstein und auf meiner Seite eine Andeutung des Ortes Brohl.
Es ist schönes, sonniges Sommerwetter. Ich gehe oben an der Straße entlang und sehe aufs Hafengebiet mit Lagerhallen und einer oder mehren Werften. Wenn ich nicht schon gerade eben gezeichnet hätte und die Straße – die B9 – nicht so laut wäre, würde ich interessante Blicke auf aufgebockte Boote unter im Wind wehenden, zerrissenen Planen zeichnen. Aber so gehe ich weiter, um, nun wieder unten am Ende der Mole, bei Rk 625/5, eine interessante Versammlung rostiger Anker zu zeichnen.
Dann weiter unten am Rhein entlang, über den hier noch mit Basalt gepflasterten Leinpfad – der Weg übrigens, auf dem Pferde die Schiffe an langen Leinen früher den Rhein herauf zogen. Die Brücke über den Brohlbach ist gesperrt, sieht aber in keiner Weise baufällig aus. Ich denke, die Sperrung ist wegen des frisch gestrichen aussehenden Geländers, steige über die Sperren und bin auf der anderen Seite. Rechts von mir ein wenig einladendes Gewirr aus Straßenbrücke und Auffahrten; ich hoffe, hier unten ist es schöner zu gehen.

Ich treffe auch zwei Radfahrer, die von da herzukommen scheinen, wo ich hinwill, also gehe ich weiter. Anfangs sieht der hier auch mit Basalt gepflasterte Weg entlang der im weiteren immer höher werdenden Mauer aus Grauwacke begehbar aus. Oben der recht laute Verkehr auf der B9, links von mir der Rhein und das sich mir langsam nähernde Hammersteiner Werth. Besonders schön sind im momentanen Licht die Felsfaltungen auf der gegenüberliegenden Seite, doch der Weg hier wird immer einsamer und enger. Die B9 wäre auf in die Mauer eingelassenen Leitern zu erreichen, aber erstens ist es hier bestimmt noch schöner als auf der Straße, zweitens sind mir die gerade aufsteigenden Leitern unheimlich, und drittens hört sich der Verkehr oben so an, als ob es sich hier um eine nicht für Fußgänger zugelassene Schnellstraße handelt, was sich auch später bestätigt.

Der Weg wird ungemütlich und schmaler, allerhand Dreck, wohl von der Straße auf den Weg geworfen, verdirbt mir die Freude an der Einsamkeit. Die Einsamkeit einer Verkehrsinsel. Ich weiß nicht, ob man da weiterkommt. Laut Karte sieht es nicht so aus, vielleicht wissen Eingeweihte einen Weg, aber mir war die Strecke plötzlich unangenehm und trotz des hellen Sonnenscheins düster geworden.

Also gehe ich, mit Murren, zurück und bin bald wieder in der Nähe von Brohl, wo ca. zweihundert Meter vor mir ein unangenehm ausschauender, besonders großer Hund immer wieder stehenbleibt und sich nach mir umschaut. Endlich sehe ich auch die dazugehörige, massige Frau. Ich gehe jetzt extrem langsam, um die Entfernung aufrecht zu erhalten. Die ganze Situation hat etwas Klaustrophobisch-Labyrinthisches an sich. Fluchtmöglichkeiten sehe ich nur in einer der steilen Leitern, mit dem brüllenden Straßenverkehr über mir und einem knurrenden, bellenden, geifernden Köter am Fuße der Leiter.

Doch alles geht gut, die Frau nimmt ihr Schätzchen an die Leine und verschwindet auf einem Trampelpfad, Richtung einer der Auffahrten. Ich folge den beiden in angenehmer Entfernung, überquere dann die Brohl auf der Straßenbrücke und folge dem Bach ein Stück, um den auf der Karte eingezeichneten Aufstieg zum Rheinhöhenweg zu finden. Ich frage einen freundlichen Mann mit einem ebenfalls großen, aber freundlichen Hund nach dem Rheinhöhenweg, doch seine Empfehlung ist, mich unten am Rhein auf den Radweg Richtung Andernach zu begeben. Ich bedanke mich und gehe in die mir gewiesene Richtung, entdecke dann aber doch den Aufstieg zum Rheinhöhenweg.

Ein sehr spannender Weg über einen kleinen, stark ansteigenden Pfad durch Krüppeleichen bis zu einer etwas morschen Schutzhütte, von wo aus ich einen weiten Blick über Brohl bis zum Siebengebirge weit in der Ferne skizziere.
Dann geht es noch weiter hoch, teilweise über eine in den Fels gehauene, mit einem längs laufenden Drahtseil gesicherte Treppe, bis ich den eigentlichen Rheinhöhenweg erreiche und auf ihm erst durch Mischwald, dann durch Fichten gehe. Sehr schön ist es hier – Vogelgezwitscher, die Geräusche aus dem Rheintal scheinen weit weg. Richtiger Krach dröhnt momentan nur aus der Luft, von den unvermeidlichen Flugzeugen.

Auf einer Lichtung blüht viel Lila, und inmitten der Lichtung auch weißer Fingerhut. Dann am Waldrand an lichteren Stellen viel Geißblatt, Holunder, Brombeeren. Am Wegrand Storchenschnabel, Taubnessel und einiges, was ich nicht genau kenne. (Für die nächste Wanderung werde ich mir ein Pflanzenbuch mitnehmen.) Links neben mir erscheint inmitten hochstehender Wiesen der schöne Alkenhof, gebaut aus Grauwacke. Ich gehe an einem blühenden Garten vorbei und an Gänsen, die, in der Mittagshitze bewegungslos, fast für Attrappen gehalten werden könnten, wenn sie nicht, mich bemerkend, zu schnattern angefangen hätten. Eine Zeichnung von diesem ruhigen, abgelegenen Hof wäre bestimmt schön geworden, hätte mich nicht wieder irgendwo aus dem Hintergrund heraus ein Hund verbellt. Also gehe ich weiter, nach einer Kreuzung wieder Richtung Rhein, scheuche durch meine Anwesenheit ein Reh auf und sehe auch bald schon wieder die Weinberge des gegenüberliegenden Rheinhanges im Sonnenlicht. Doch genauso tritt anstelle der angenehmen Stille wieder die Geräuschkulisse von Schiffen, Zügen und vor allem der Straße. Ich komme nicht weit von Brohl an den Rhein zurück, finde aber schnell zum Radweg nach Andernach, der, nur durch doppelte Leitplanken getrennt, vorbei an einem Gedenkstein für die im letzten Krieg zerstörte Kapelle von Fornich, anfangs direkt neben der lauten B9 verläuft, dann nach ca. 700 Metern sich rechts hinüber immer weiter von der Straße entfernt.

Ich höre sogar wieder Vogelstimmen, links neben mir stehen riesige Herkulesstauden, denen man nicht zu nahe kommen sollte, da sie schon beim Anfassen Hautreizungen hervorrufen können. Die Straße ist jetzt etwas über 100 Meter entfernt. Links sehe ich einen Mann über die gemähte Wiese parallel zum Weg gehen, der nach dem ersten richtigen Langstreckenwanderer, dem ich bisher auf meinen Rheinwanderungen begegnet bin, aussieht. Ich versuche Blickkontakt herzustellen, aber er scheint nicht an einem Gespräch interessiert zu sein. Vorbei am Schützenhaus Namedy. Schön sind hier die Felder. Rechts hinter der langen, vorsichtig blühenden Ligusterhecke ein riesiges Roggenfeld, dessen Farbe ich als ein staubig-bläuliches Grün beschreiben möchte, links ist ein gelb-grünes Gerstenfeld. Dann, Richtung Namedy, links Obstplantagen, geschützt durch Drahtzäune, die mit großen, weißen Trichterwinden, genannt „Muttergottesgläschen“, bewachsen sind. Dann an der schiefergedeckten, zweistöckigen Burg Namedy vorbei in den Ort hinein. In dem kleinen Supermarkt auf der linken Seite der Straße kann ich endlich kaltes Wasser kaufen. Nach Durchqueren des Ortes, auch vorbei an einer mit Ginkobäumen bepflanzten Straße, führt der Weg unter dem “Tausendfüßler“, der die B9 tragenden Trasse, entlang. Die vielen Beine des Tausendfüßlers sind eingerüstet und werden gerade renoviert.

In Andernach angekommen, bin ich ziemlich fertig von dem Krach der Straße über und der vielen vorbeifahrenden Züge neben mir. Angekommen beim „Alten Kran“, setzte ich mich auf einen der davorliegenden Mühlsteine und zeichne ihn.

Statt, wie in den bisher durchlaufenen Orten vorherrschend, unter gestutzten Linden, gehe ich in Andernach unter Platanen den Rhein hinauf. Riesige Malzsilos, um die es wie von Herbstnebel qualmt, hinter alten Villen. Es riecht nach Malz. Bei Rk 613 gehe ich durch das schöne Doppeltor in die Stadt. Oben, auf dem Weg zum Bahnhof, fällt mir noch die In-Café-Galerie an der Stadtmauer auf. Sie zeigt Penck, Immendorf und all das, was momentan so in ist, inclusive der blondierten, etwas ältlichen Schöngeister, die so gerne in angesagten Kunstcafés rumhängen.

Clemens Hillebrand, 21.06.2006