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Rheinwanderung 6.Tag/25.09.2006

von Andernach bis Koblenz

Clemens Hillebrand 6.Tag/25.09.2006
Clemens Hillebrand 6.Tag/25.09.2006
Clemens Hillebrand 6.Tag/25.09.2006
Clemens Hillebrand 6.Tag/25.09.2006

Gegen 11°° gehe ich in Andernach über den Michelsmarkt, der dort zum sechshundertsten Mal abgehalten wird. Am schönsten Stand kaufe ich mir ein paar Papiertütchen Krokus- und Milchsternzwiebeln, die ich in meinen Garten zu Hause pflanzen will. Um ca 12°° zeichne ich von einem Café am Marktplatz aus ein Bild auf die Kirmes.
Dann lerne ich beim Suchen des Rheinufers durch Verirren wieder etwas mehr von der Stadt kennen. Ich gehe rheinauf, sehe rechts das schöne Stadttor und war gern in Andernach. Doch ist der Durchgang am Rhein vorbei gesperrt. Ich muss durch ein großes, staubiges Gewerbegebiet, vorbei an einem Holzlager gehen. Ein Versuch, links runter an den Rhein zu kommen, wird durch den Hafen vereitelt.

Also zurück, vorbei an THW und Abfallbeseitigung oben auf die Straße, parallel zum Rhein. Es ist staubig, Müllgeruch liegt in der Luft, links Lagerhallen, rechts Gleise hinter Gebüsch. Ich bekomme das Gefühl, mich verlaufen zu haben, doch während ich mich über auf dem Schotterstreifen blühende strahlendblaue Wegwarte und rosa Malven freue, kommen mir Radfahrer mit Gepäck entgegen, also kann ich so falsch nicht gehen. Vom großen Klärwerk rechts der Straße unterquert sie ein Kanal, der auf der anderen Seite einen offenen Blick in den „Darminhalt“ Andernachs gestattet.

Dann setzt sich das Klärwerk mit seinen verschiedenen Reinigungsstufen auf der linken Straßenseite fort. Schwärme von weißen Möwen sammeln sich über den Becken. Rechts der Straße ist eine große, umzäunte Fläche für Grünabfälle, dann wüst bellende Hunde – ein Tierheim. Danach gabelt sich die Straße und ich gehe links auf den Rhein zu, wohin auch ein Schild für Radfahrer weist. Ich bleibe eine Zeitlang stehen und mache eine kleine Skizze von einer riesigen Verladebrücke.
Nach dem Zeichnen bemerke ich drei Arbeiter mit Schaufeln etwa fünf Meter hinter mir und vor all den wühlenden Maschinen. Meinen etwas verlegenen Gruß erwidern sie nicht. Ich weiß die Büsche und Bäume, den Kies und das blinkende Wasser sehr zu schätzen, als ich endlich wieder unten am Rhein bin.

Hier ist es ruhig und schön. Auf der anderen Seite überspannt eine kleine Eisenbahnbogenbrücke die Mündung eines Flüsschens. Endlich höre ich wieder Wellen und nicht nur Maschinen.

Bei Rk 610 wachsen rechts vom Weg große Wiesen. Am Ufer sowas wie wilde Sonnenblumen, Wermut, trockener Rheinfarn, auf der anderen Seite grüne Auenwälder – eine Idylle, würde da nicht groß im Hintergrund das ehemalige AKW Mülheim-Kärlich auftauchen.

Weitergehend entdecke ich links am Wegrand immer mehr weiß, gelegentlich auch verwaschen blau blühende wilde Astern und große Büschel von hohem Schilfgras. Rechts huscht hinter einer fast endlos weiten saftigen Wiesenfläche in der Ferne ein kleiner, bunter Zug vorbei. In weiter Ferne in Blau einige Eifelberge. Bei Rk 608/9 setze ich mich auf die Rheinkiesel am Ufer und zeichne den Blick auf die Brücke.
Die Zeichnung wurde wegen einsetzenden Nieselregens etwas hektisch (das nächste Mal Schirm mitnehmen!). Es ist jetzt ca 15°°, ich gehe schnell, weil ich vor Einbruch der Dunkelheit in Koblenz sein und wenn irgend möglich auch noch zeichnen will. Bei 608/8 überquere ich über die“Rude Bröck“ die Nette. Gegenüber ist ein schönes, gelbes klassizistisches Schloss mit schiefergrauen Dächern.

Vorbei an einem kleinen Hafen des „Wasser- und Schifffahrtsamtes“ nach Weißenturm. Ich gehe unter großen Platanen, die auf gemähten Wiesen stehen. Dann entlang hoher Mauern, hinter denen sich Gärten und Häuser befinden. Ich unterquere die Autobahnbrücke; weil ich sie gerade gezeichnet habe, meine ich, durch mein Bild zu gehen.
Das nach langem Streit stillgelegte Atomkraftwerk wächst. Vor mir im Rhein die Insel, auf der die Brückenpfeiler stehen. Bei Rk 606/8 sind drei Gasthäuser – „Vater Rhein“, „Rhein-Hotel“, „Sängerheim“. Wenn man hier seinen Rheinwein trinkt, erscheint das AKW am gigantischsten. Gegenüber ein großes Zementwerk. Bei Nebel könnte man es vielleicht auch für eine mittelalterliche Burgenanlage halten. Seltsamerweise verliert das Kraftwerk, auf das ich durch eine schöne Allee großer Platanen zugehe, an relativer Größe und Bedrohlichkeit, je näher ich komme. Ich gehe nicht durch den die Straße rechts unterquerenden Tunnel zur „Kapelle zum guten Mann“ oder zum Biergarten, sondern bin froh, wenn ich das nun durch die Büsche des Hanges rechts neben mir fast ganz verdeckte Bauwerk schnell hinter mir lassen kann. Das letzte, was ich davon ahne, ist der überdeckte Kanal zur Einspeisung des Kühlwassers.

Bei 604/2, von Urmitz aus, schöner Blick auf die Insel, die Auwälder und Engers mit seinem Kirchturm vor den Bergen im Hintergrund. Bei 603/6 ist das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich im Rückblick wieder riesig-grau-gigantisch, weil man es hier in Relation zu der umgebenden Landschaft sieht.

Immer noch in Urmitz, bei ca. Rk 602/5, nicht weit von dem auf der Wiese festgemauerten buntbeflaggten alten Rheinkahn St. Georg, von wo man einen guten Blick auf die hier den Rhein querende Eisenbahnbrücke hat, deren basaltene dunkle Brückenköpfe von ähnlicher Bauart wie die der zerstörten in Remagen sind, sehe ich an der gemauerten Böschung so viele wilde Astern wie bisher nie zuvor. Eine Frau aus einer Gruppe vorbeifahrender Radler muss extra anhalten, um ihre hysterischen Lachanfälle zu bewältigen, weil sie es so komisch findet, dass ich am Wegrand stehe und mir darüber Notizen mache.

Weiter an vielen wunderbar im Wind rauschenden Spitzpappeln, am Wegrand stehenden kleinblütigen Königskerzen, rosa Seifenkraut, Obstbäumen und der rotbraunen Erde frisch gepflügter Felder vorbei nach Kaltenengers, am Ortsanfang von einem netten Bild aus bunter Keramik begrüßt. Entlang an kleinen Häusern hinter Gärten. Unten am Rhein ein ca. dreihundert Meter breites, mit Altwasserarmen durchsetztes Gebiet von fast zwei Kilometern Länge, auf dem Tausende der vorher schon einzeln aufgetretenen „wilden Sonnenblumen“ wachsen. Das leuchtende Gelb im nun flacheren Nachmittagslicht ist wunderschön. Ich habe selten so etwas Schönes gesehen. Der Sinn meiner Wanderung, der mir beim vorherigen Durchqueren von Industriezonen fraglich erschien, ist wieder klarer. Ich will beides sehen. Aber hier fühle ich mich richtig wohl.
Weiter an Ponyweiden vorbei und einem großen Spielplatz voller fröhlicher, lärmender Kinder, wieder durch einen Wald rauschender Pappeln, durch die ich gegenüber am Bendorfer Ufer mehrere große Öltanks und viele Kiesberge sehe. Irgendwo dahinter ahne ich oben Stromberg, wo ich vor drei Jahren in der Kirche St. Anna gemalt habe. Bei St. Sebastian Blick auf die Autobahnbrücke, deren Pfeiler auf der Insel Graswert steht. Im Hintergrund der rot-weiße Fernsehturm bei Koblenz, den ich sonst nur von der Fahrt auf der A 61 her kenne.

Bei Rk 599 gehe ich unter der Brücke durch. Auf der Insel Niederwert wunderschöner, tiefgrüner Auenwald. Wieder eine Idylle, wenn da nicht die Autobahnbrücke wäre. Bei Rk 597 schöne Fachwerkhäuser in Kesselheim. Doch bald muss ich den Rhein wieder rechts hoch verlassen um den Koblenzer Industriehafen zu umgehen. Auch hier wieder riesige Containerstapel und viele Lastwagen – aber es scheint nicht so chaotisch und staubig wie der Hafen in Andernach.

Die Straße, auf deren Radweg ich jetzt ganz verloren gehe, führt ca. einen Kilometer mitten durch ein Firmengelände, dessen Gebäude durch überdachte Brücken über die Straße hinweg miteinander verbunden sind, dann gehe ich links runter wieder Richtung Rhein. Hier warten viele Lastwagen, teils auch Kühlwagen, mit laufendem Motor. Links erstrecken sich riesige Schrottberge, rechts, direkt neben mir, wächst 200 Meter lang eine ca. vier Meter hohe, wüst beschnittene, unglücklich aussehende Taxushecke, nach deren Ende es endlich rechts weiter den Rhein hoch geht. Es ist viertel vor sechs. Das Wasser plätschert, gegenüber dunkelgrüne Pappelreihen. Hier unten am Rhein ist es fast wieder idyllisch, wäre da nicht der Gestank der Kläranlage.

Hinter Mauern sind Gärten, Häuser, weinberankte Lauben oder auch mal ein vielleicht 50 Meter hoher Hochspannungsmast. Ein kleines Mädchen fragt mich von einer Mauer herunter, wo Tante Lucy ist, ich bedaure, es nicht zu wissen und sage ihr, sie würde bestimmt bald wiederkommen.

Zwei besoffene, weibliche stark geschminkte, spindeldürre Teenager beschimpfen mich als Penner. Ich gehe ruhig weiter; als ich mich später umdrehe, beschimpfen sie zwei Jogger.

Es ist ca 18°° – gegenüber wiederholen sich die Bilder von sich in die bewaldeten Hänge hineinfressenden Orten. Weder schön noch besonders hässlich. Unten am Rhein immer wieder dunkelgrüne Auwaldgebiete. Als ich in Wallersheim bin, überholt mich, während ich mir meine Notizen mache, ein Schweizer Schiff namens “Neuburgersee“. Es scheint ein Tankschiff zu sein, aber das Erfreuliche ist, dass überall auf dem Schiff große Kübel mit Blumen, Sträuchern und kleinen Bäumen stehen.

Unten auf dem Rheinkies haben Kinder um ein paar wild wachsende Tomatenpflanzen Steinmäuerchen aus großen Kieselsteinen gebaut. Auf kleinen Steintischchen liegen rote Tomaten zur Ansicht oder zum Verkauf. Die Kinder haben große Freude an ihrem Spiel. Ein älteres Ehepaar bewundert gerade ihre Auslagen.

In Neuendorf angekommen bestaune ich eine Pappel von bestimmt sechs Meter Stammumfang. Ein Berg aus lebendem Holz. Schön sind hier die Fachwerkhäuser oben an der Straße, die im Erdgeschoss aus Grauwacke gebaut sind. Während ich am Fußballplatz vorbeigehe, sehe ich, dass hier einstmals noch viele Pappeln ähnlichen Umfangs standen. Nur sind es jetzt gekappte graue, traurige, riesige, von Pilzschwämmen besiedelte Baumleichen.

Bei Rk 592/8 zeichne ich im Nieselregen, bei Dämmerlicht, die Koblenz gegenüberliegende Festung Ehrenbreitstein.
Dann gehe ich die Mosel ab Mündung ein Stück hoch, habe vom Campingplatz aus einen sehr schönen Blick auf die Stadt und einen verträglichen Blick aufs Deutsche Eck im Gegenlicht, was dies große Denkmal wie ein vieldeutiges Bild des pompösen Surrealisten Dalí erscheinen lässt.

Im Dämmern finde ich den Weg über die Balduinbrücke, freue mich über die erleuchtete Stadt Koblenz, frage die Frau neben mir an der Ampel nach dem Weg zum Bahnhof und warte dort am Gleis im Dunkeln auf meinen Zug nach Köln.

Clemens Hillebrand, 25.09.2006