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Rheinwanderung 7. Tag/11.01.2007

Koblenz

Clemens Hillebrand 7.Tag/11.01.2007
Clemens Hillebrand 7.Tag/11.01.2007
Clemens Hillebrand 7.Tag/11.01.2007
Clemens Hillebrand 7.Tag/11.01.2007

In Koblenz angekommen gehe ich vom Bahnhof aus Richtung Altstadt, überquere bei starkem Wind unter dunklen Wolken die Balduinbrücke und suche mir am Moselufer, das dort Theodor-Heuss-Ufer heißt, eine Bank, um von hier, wo ich meine letzte Wanderung beendet hatte, gegen 12°° einen Blick auf die Mosel, die Balduinbrücke und die Koblenzer Altstadt zu zeichnen.
Ein etwas sehr unglücklich und irgendwie zerfleddert aussehender Mann mittleren Alters setzt sich nach der von mir verneinten Frage, ob es mich störe, neben mir auf die Bank, trinkt zittrig aus einer Schnapsflasche, die er der Form halber in einer Plastiktüte versteckt hat, und geht bald wieder, da ich nicht gesprächsbereit bin, sondern arbeiten will. Es ist zu kalt und zu windig zum Zeichnen und gerade darum tue ich es jetzt. Die sonst flattrigen Seiten meines Skizzenbuchs habe ich mit Wäscheklammern festgeklemmt.
Bald ist mir kalt, außerdem fängt es etwas an zu regnen. Ich gehe über die Brücke zurück in die Altstadt von Koblenz, vorbei an den Gebäuden, die ich eben noch gezeichnet habe. Das Mittelrheinmuseum interessiert mich, aber noch mehr die Liebfrauenkirche. Die evangelische Florinskirche ist wahrscheinlich zu, ich hab gar nicht erst versucht hereinzukommen, werde es aber beim nächsten Mal tun. In einer edel anmutenden Pizzeria mit einem heute muffigen Wirt esse ich überbackene Makkaroni, die in Alufolie eingedreht serviert werden und gucke dauernd auf die große Uhr hinter dem Tresen, weil ich möglichst schnell wieder hier raus will. Ich bin anscheinend heute weder der Typ für dieses Lokal, noch für diese Stadt. Die meisten Leute sehen mich an, als ob ich mir gerade selbst die Haare mit der Gartenschere gestutzt hätte – nein nicht alle; eben, als ich da auf der Bank an der Mosel mit meinem Block gegen den Wind kämpfte, hatte ein etwas punkiges Mädchen mit Hund ein irritiert freundliches Lächeln für mich übrig.

Endlich wieder draußen, ist es nun wirklich zu kalt und vor allem zu windig zum Zeichnen, also besuche ich die Liebfrauenkirche. Während der immer stärker werdende Sturm das Gotteshaus umtost, sitze ich hier im Halbdunkel in der vor allem durch die Lichterketten der Weihnachtsbäume spärlich beleuchteten Kirche.

Erfreulich sind hier nicht nur die Chorfenster aus den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts zum Thema “Frauengestalten aus der Heilsgeschichte“. Hans Gottfried von Stockhausen geht auf die Architektur dieses Raumes ein, statt – wie manche neuerdings in Köln tätige Malerfürsten – einfach das, was er sowieso grad macht, beliebig in einen romanischen Kirchenraum oder gar den Dom zu stülpen.

Altar und Sakramentshaus sind eine Gemeinschaftsarbeit von Theo Heiermann und meinem Vater, Elmar Hillebrand. Die Rückseiten des Retabelbildes von 1564, die traditionsgemäß zusammengeklappt nur in der Fastenzeit zu sehen sind, habe ich bemalt.
Als ich aus der Liebfrauenkirche heraustrete, hat der Sturm in Böen Orkanstärke erreicht.
Auf dem Weg zum deutschen Eck, vorbei an festliegenden großen, weißen Fahrgastschiffen treffe ich außer vorbeifliegenden Plastikfolien nur eine Frau mit Kinderwagen, ansonsten ist weit und breit niemand zu sehen. Ich gehe über ein offensichtlich neu aufgebrachtes helles Sand-Kies-Gemisch bis zur Spitze des Ecks und sehe, mich auf das armdicke Geländer stützend, das bräunliche Wasser der eiligen Mosel quirlig in den gemächlicher fließenden Rhein strömen. Wind fegt übers Wasser.

Ich drehe mich zum Denkmal um. Immer wieder, auch in anderen Ländern, begegnen einem solche Manifestationen staatlichen Größenwahns. Soll ich dieses Gebilde zeichnen?

Alles spricht dagegen. Natürlich der starke Sturm, der sich durch heranziehende dunkle Wolken ankündigende Regen und vor allem die steinern düstere monumentale Monstrosität.

Und gerade darum will ich plötzlich zeichnen. Ich suche Schutz vorm Wind hinter einem Stück der das Denkmal im Halbrund umgebenden Mauer. Meinen Block, dessen Seiten ich natürlich mit Wäscheklammern befestigt habe, muss ich immer wieder mit beiden Händen festhalten, damit er nicht weggeblasen wird.

Äste fliegen von den hinter dem Bau stehenden Platanen durch die Öffnungen in der Mauer.
Einige wenige Leute kommen, betreten das Denkmal und verschwinden wie von ihm verschluckt. Ein ältliches Frauenpärchen genießt Hand in Hand mit Hund offensichtlich den Sturm um das Denkmal.
Ich gehe den Rhein hoch Richtung St. Castor, wobei ich darauf achte, möglichst nicht unter den Platanen zu gehen, da sie heute mit Ästen schmeißen. St. Castor ist vor allem von den Dimensionen her symphatisch. So wie Ritter vergangener Zeiten trotz ihres teils blutigen Geschäfts heute menschlicher scheinen, weil sie in kleinen Rüstungen steckten.
 
Innen höre ich draußen den Sturm und fühle mich hier, vor den erleuchteten Weihnachtsbäumen, geborgen, während ich in den Fenstern die draußen zunehmende Dunkelheit sehe.
Der Blick in das zu stark gefasste Sterngewölbe über dem 1990 von mir gemalten himmlischen Jerusalem ist beeindruckend, doch wegen der zunehmenden Dunkelheit in der Kirche schwer zu fassen.

Auch hier freue ich mich über die Tannenbäume, die etwas zumindest vor kurzem Lebendiges in diesen uralten Raum bringen.

In strömendem Regen suche und finde ich den Weg zum Bahnhof. Auf der Rückfahrt nach Köln lese ich weiter in Life of Pi, einem der besten Bücher, die mir mein ältester Sohn bisher geliehen hat, wie Pi nach endlos langem einsamen Blau endlich das leuchtende Grün einer Insel genießt, nachdem ein gerade gewonnener Freund nach unendlicher Seefahrt von seinem Begleiter, einem Tiger, gefressen wurde,während ich durchs Fenster immer wieder auf den dunklen Rhein mit den bunten Lichtern der vorbeifahrenden Schiffe schaue, wobei scharfer Regen gegen die Scheiben des Intercity schlägt, der mich fast pünktlich nach Köln bringt.

Clemens Hillebrand, 11.01.2007