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Rheinwanderung 8.Tag/26.01.2007

von Koblenz nach Rhens

Clemens Hillebrand 8.Tag/26.01.2007
Clemens Hillebrand 8.Tag/26.01.2007
Clemens Hillebrand 8.Tag/26.01.2007

Von St. Kastor aus gehe ich unten am Ufer an leeren Büdchen vorbei. An einem steht als einziges einsames Ausstellungsstück ein wetterfest mit Folie überzogenes, trotzdem verwaschenes Abbild des Rheinlaufs, so wie sich ihn die Touristen bei schönem Wetter gerne kaufen. Außer mir war bei Temperaturen um Null grad und leichtem Schneefall kaum einer unterwegs. Nicht weit, nach Rheinkilometer 592 ist eine Tafel zur Erinnerung an eine Schiffbrücke zu entdecken, die hier von 1819 bis 1945 gestanden hat. Wenn Schiffe den Rhein hoch- oder herabfuhren, wurden zwei oder drei ‚Joche’ ausgefahren.

Nahe der Fähre nach Ehrenbreitstein ist am Pegelhaus der blau gestrichene ‚Koblenzer Pegel’ zu sehen, der momentan auf 3.85 Meter steht. Am rechts auf der anderen Straßenseite stehenden, zwischen 1902 und 1905 gebauten alten stattlichen Regierungsgebäude vorbei gehe ich, begrüßt von einer abgelutschten Bronzeplastik, in die ‚Kaiserin-Augusta-Anlagen’, erst unter schönen, hohen Platanen, dann dem riesigen alten Mammutbaum und einem langgezogenen klassizistischen Gebäude begegnend. Die Inschrift am Sockel einer vielleicht sechs Meter hohen, den Arm zum Gruß (nein nicht gar so schlimm) hebenden Figur, mit unvermeidlichem Adler kann ich leider kaum entziffern.

Kurz bevor ich die Brücke unterquere, sehe ich an einer Mauer ein Messingschild.

‚Ich liebe Deutschland - Zusammen für den Frieden – Wo man Liebe aussät, da wächst Freude empor (Goethe)
Together for peace – Were we spread love, so grows ever greater joy.’

Gestiftet hat das Ganze laut Inschrift ein Herr Terry plant, Gärtner und Schriftsteller. Vielen Dank meinerseits.
Weiter geht’s unterm mächtigen Brückentor, mit mächtigen Bänken, unter mächtigem Eichenlaub hindurch. An der Wand des Brückenpfeilers dann allerhand Reliefs und außer wieder viel Eichenlaub noch die Jahreszahlen 1850 –1875, wohl die Daten des Brückenbaus. Beim großen Fachwerkhauskomplex mit dem Namen ‚Weindorf’ und im unvermeidlichen ‚Bacchuskeller’ wird’s im Sommer bestimmt gemütlich.
Danach sehe ich rechts die irgendwann bestimmt einmal sehr moderne gewesene ‚Rhein-Mosel-Halle’ und gegenüber Pfaffendorf. Hier auf dieser Seite stehen jetzt große Bäume, alte und auch mal neue Villen, eine ruhige, satte Gegend. Ich freue mich über die Existenz des Gebäudes der ‚Internationalen Kommission zum Schutze des Rheines’ und hoffe, dass dort viel dafür getan wird. Weiter vorbei am ‚Rheinanlagen-Cafe’ mit richtigem Kurorchesterpavillon, der mich bei diesem trostlosen Wetter an eine traurige Geschichte von Gilbert Keith Chesterton erinnert, die sehr genau die Stimmung an solch, im Sommer belebten und nun um so verlasseneren Orten schildert. Vorbei an gediegenen Villen, und bei Rk.590 am wirklich schönen und vor allem erfrischend kleinen Lenné-Denkmal vorbei.
Freundlichstes und eigentlich auch bescheidenes Prunkstück der Anlagen ist ein Eisengusstempelchen, ’der Prinzessin Augusta’, von ihren Kindern verehrt.

Wirklich wunderschön sind weiterhin die stattlichen Platanen unter denen ich hergehen darf, während das weiße Denkmal der Königin Luise näher kommt.

Als Deutschland noch schwarz-weiß war, zankten sich bestimmt viele weißgekleidete Kommunionskinder unter diesem Denkmal um eine Tüte Dauerlutscher, also ein gelungener Spaziergang am heiligen Tag.

Auf der Wiese unten am Rhein zanken sich heute eine Unzahl von Enten um gerade von unbelehrbaren Rentnern ausgestreute Brotreste. Auf dem ruhigen Rheinarm haben viele kleine Schiffe am Steg des Yachtclub ‚Rheinlache’ festgemacht.
Man vergisst fast, dass man am Rhein ist, das Wasser sieht aus wie ein ruhiger See.

Jetzt merke ich, dass ich etwas zu weit vom Fluß entfernt bin, und gehe links die Sebastian- Bach-Straße, die dann zur Schubertstraße wird, hoch und unterquere, bald rechts gehend, die Unterführung der Bahngleise, über die ich vor ca. zwei Stunden mit dem rechtsrheinischen Bummelzug Richtung Koblenz gefahren bin. Dann wieder links runter zum Rhein. Blick zwischen den Stelzen des Autobahnbrückenzubringers hindurch auf einen braunen Berg mit dem Fernsehturm im Hintergrund. Zwei Brücken unterquerend bin ich endlich wieder an freiem Ufer am Rhein.

Und sofort wieder Hunde. Aber an der Leine geführt von zwei Mädchen, die mich sogar grüßen, was natürlich in der Stadt unüblich, aber sobald man wieder ins ‚Freie’ kommt, angenehm ist. Bei Rheinkilometer 588 sehe ich eine interessante riesige Baumruine, die mich endlich zum Zeichnen animiert.

Als es mir zu kalt wird - einzelne Schneeflocken lassen mich auf mehr hoffen -, packe ich mein Skizzenbuch ein und gehe weiter. Während ich auf den Baum zugehe, entdecke ich an der dicken, stark beschnittenen Platane einen kleinen angenagelten Kranz aus immergrünen Blättern, darunter ein Metallbildchen in Postkartengröße mit Bild von einer Frau Marleen Meuws, Turnhout-Koblenz 1958 - 2003.

Welche Geschichte sich hier verbirgt, kann ich nur ahnen. So ganz von nahem an dem riesigen Baum heraufsehend wird er mir unheimlich. Ich entdecke, dass er, bis auf einen ganz kleinen Rest Rinde, völlig nackt ist.

Ich beeile mich weiterzugehen. Wieder einmal wandere ich, an großen Pappeln entlang, durch ein gerade eben gezeichnetes Bild.
Ich gehe über eine fast endlos scheinende große Wiese, dann aber, um den Pappelwaldstreifen oben auf dem Damm zu erreichen, rechts über sie hinweg. Hier auf diesem Weg durch einen im Sommer bestimmt undurchdringlich erscheinenden Pappelwald ist jetzt aber alles licht, und ich sehe auf einen weiten Weg geradeaus, als ich ein schleppend klapperndes, quietschendes Geräusch von hinten näher kommen höre. Dann überholt mich ein eingemummelter Mann auf klapprigem Fahrrad, nicht von der flotten Touringart, sondern eher eines jener mit vielen Plastiktaschen behängten Verkehrsmittel, mit denen einsame Männer ihren gesamten ‚Hausrat’ transportieren.

Für mich, der ich bald wieder mit dem Zug nach Köln fahre, ist es nur eine Stippvisite, für manche ist diese Fahrt am Rhein entlang vielleicht ein Leidensweg.

Trotzdem spüre ich ob des langen, geraden Wegs zwischen den Bäumen, auf dem ich den Radler immer kleiner werdend verschwinden sehe, so was wie Wanderfreude. Die Sonne kommt kurz zwischen den Wolken heraus. Gegenüber, auf der anderen Rheinseite, ist, neben Verladekran und irgendwelchen Vorratstanks ein großes, altes, backsteinernes Lagerhaus zu sehen. Hier auf meiner Seite zeigen erst riesige Bierkästenstapel und alte Metalltanks, denen dann große Gebäude folgen, das Näherkommen der ‚Königsbacher Bierbrauerei’ an. Bei 588/7 zeichne ich dieses riesige Gebäude, das ich auch aus einer anderen Situation her kenne.
Als Jugendlicher hatte ich mit Freunden mit dem Fahrrad ein ‚Folk Festival’ auf der ‚Burg Ingelheim’ besucht. Spät am Nachmittag gefiel es mir da überhaupt nicht mehr und ich machte mich mit meinem ’Kilometerfresser’, einem alten Hollandrad, spontan und bis auf fünfzig Pfennig mittellos auf den Heimweg nach Köln.

Stundenlang radelte ich unten am Rhein entlang in den Abend hinein, wobei ich versuchte mich durch das gerade erlernte autogene Training fit zu halten. Kurz vor Mitternacht hatte ich höllischen Durst und kam dann an diesem Brauhaus vorbei, das ich kurzentschlossen, in meinem grauen Regencape betrat, um im Bierparadies um ein Glas Leitungswasser zu bitten. Die nassen Fußabdrücke, sowie die starren Blicke der vereinzelten Gäste und des pikierten Barkeepers darauf, von dem ich allerdings drei Glas Wasser bekam, sehe ich noch genau hinter mir. Ich fuhr die Nacht durch, kaufte mir in Bonn frühmorgens ein Eis für fünfzig Pfennig und fiel dann gegen neun, todmüde, mit Schuhen ins Bett.

Gegenüber ist eine schön anzusehende rot-weiße Schlossvilla.

Ich gehe jetzt auf brüchigem Asphalt auf die Burg Stolzenfels zu, die gelb vor kahlen braunen Hängen steht, in denen als einzige Farbtupfer die blassgelben Haseltroddeln schwach leuchten. Rechts über mir ist ein toller Blick in die Faltungen des Gesteins, der halbe Berg scheint weggesprengt. Weiter gehe ich unten am Rhein. Rechts über mir sehe ich ein Gebäude, angemalt mit dem Schriftzug ‚Coyote ugly’ am Eingang des Siechhaustales durch das der Siechhausbach fließt.

Zwischen mir und der Straße fährt ein Güterzug, einer von vielen, die ständig vorbeidonnern. Dahinter auf dem Hügel in zunehmender Dunkelheit ein braunes Bungalow mit ausgebleichter Deutschlandfahne am Mast.

Hoffnungsvoller scheint mir der Blick auf die Johanniskirche gegenüber, deren Fensterlicht sich hinter den Spitzpappelreihen deutlich von der langsam einbrechenden Dämmerung abhebt. Dann sehe ich die Lahnmündung. Links ein Kirchlein auf einem Berg, rechts eine Burg, dazwischen eine schöne Bogenbrücke. Plötzlich wird es für einen Augenblick ganz still hier am Ufer. Kein Schiff ist zu hören, kein Auto, kein Zug.

Dann lehne ich mich kurzentschlossen an ein eisernes Geländer, rechtsrheinisch hinter mir ist Lahnstein mit seinem schönen großen Turm aus Grauwacke neben einem weißen Gebäude, hinter mir schlagen jetzt laut Wellen auf die schwarzen Basaltsechsecke der Uferbefestigung während ich etwas zittrig steilhoch auf die Burg Stolzenfels zeichne, die wohl zur Zeit der Romantik auf alten Mauerresten neu gebaut wurde.
ch gehe weiter und finde bei Rk. 584/5 einen kleinen zugewachsenen Weg. Es ist der alte recht vernachlässigte Leinpfad. Rechts von mir im Sommer bestimmt schöne, heute verlassene Gärten, aus denen mal ein böse bellender Hund über einen Zaun springt, um mich nicht zu beißen, weil ich einfach ruhig weiter gehe. Auf dem Rhein fahren hundert Meter Container-Schubschiff herauf und ein hoch aufragendes belgisches, anscheinend leeres Schiff herab, auf dessen Frachtraumplanken ich tatsächlich weiße Reste von Schnee entdecke, die mir beweisen, dass es irgendwo oberhalb noch irgend so was wie Winter geben muss. Der Ort durch den ich jetzt über die gepflasterte Strasse gehe, heißt ‚Stolzenfels-Süd’.

Kinder spielen Fußball, eine Schiffsschraube glänzt im Vorgarten, ein Bach mündet in den Rhein. ’Finkenschlagen’ aus den kahlen Bäumen und große Stapel von Sprudelkästen.

Bald schon gehe ich am hellblau gestrichenen Betrieb von ‚Rhenser-Sprudel’ vorbei.Jetzt wird es aber richtig dunkel. Gerade erkenne ich noch, dass irgendwer in Rhens sich sehr um das Aussehen der Stadt bemüht. Schöne, große Wiesen, frisch gepflanzte Nussbäume.Dann weiter an Gärten vorbei. Viel Plastik und all das, was man in Baumärkten so bekommt um es in Vorgärten abzustellen. Im Sommer sind es kleine Paradiese.

Endlich Rhens. Durch das schöne Tor, über dem eine bunt-gefasste Josephsfigur, mit Jesuskind auf dem Arm trohnt, gehe ich rein in die Stadt, finde im Dunkel den Bahnhof von der Sorte über die man sich im Zug immer ärgert, wenn er da hält, es sei denn man muss da aussteigen. Die Art von Bahnhöfen wo alle großen Züge durchrauschen, und einen noch, wenn man nicht aufpasst in ihren Sog ziehen.

Einzelne Schneeflocken hier und Schneegestöber in Köln beim Aussteigen istschwacher Ersatz dafür, dass ich eigentlich Winterlandschaften malen wollte.

Clemens Hillebrand, 26.01.2007